KW 18 | Schluckauf

Ich bin der Schluck­auf im apa­thi­schen All­tag der ande­ren.
Ich bin der Sand im Getriebe der Gesell­schaft.
Ich bin der Spie­gel, den ihr euch selbst vor­hal­tet, wenn ihr nichts sehen wollt.
Ich bin die Geröll­la­wine eurer Emo­tio­nen am Rande des Abgrunds.

Es kotzt mich was, nur will es nicht raus, macht Sod­bren­nen, Logorrhoe.

Ich bin das Ent­set­zen im Blick der Meute, die mich sieht.
Ich bin das trock’ne Auge, wenn Trä­nen flie­ßen woll­ten.
Ich bin das Haus im Weg des Tage­baus, ein Haus nur soll ihm wei­chen.
Ich bin die Brand­schutz­tür im Hause eurer Ethik, unschließ­bar brennt es immerzu.

Es frisst mich auf, es will nicht raus, macht Sod­bren­nen, Logorrhoe.

Ich bin die Wut, wenn Lang­mut ange­brach­ter wäre.
Ich bin die Ver­zweif­lung der vie­len vor zu gro­ßen Sor­gen.
Ich bin die Müdig­keit, die wächst, wenn Wach­sam­keit am meis­ten fehlt.
Ich bin die Bade­wanne eurer Aus­gren­zung, ein blei­cher Kör­per liegt darin.

Ich bin
Ich bin
Ich bin
Ich bin, ich wünscht‘, ich wäre nicht. Für euch. Und mich.

KW 17 | Pfütze

Wenn du den Raum betrittst und die Tür sich hin­ter dir schließt, hast du schon ver­ges­sen, warum du hier­her gekom­men bist.
Die meis­ten blei­ben ste­hen und schauen sich hek­tisch um, als ver­such­ten sie sich zu ori­en­tie­ren, nur wenige gehen wei­ter mit dem Schwung, mit dem sie ein­tra­ten, gehen auf die kla­vier­lack­schwarze Theke an der gegen­über­lie­gen­den Wand zu; das sind die Stamm­gäste, sie sind öfter hier als sie wis­sen, aber ihr Unter­be­wusst­sein hat sie längst hier als hei­misch ver­or­tet, wes­we­gen sie sich bewe­gen, als hät­ten sie nicht alles ver­ges­sen, auch wenn sie das genauso haben wie jeder andere auch.
Nicht ein­mal, dass man dich Frau nennt, weißt du in jenem Augen­blick, und es wird dir hier auch nie­mand sagen kön­nen, denn für den Wahn­sinn, der hier hin­ter der Theke steht und seine Gäste bedient, haben Sex und Gen­der keine Bedeu­tung.
Du kennst dich aus, sagt dir dein Emp­fin­den und führt dich direkt zur Bar, du kommst öfter her; wenn du nicht schla­fen kannst, treibt es dich her uznd es ist gut, dass wenigs­tens diese Ein­rich­tung für not­lei­dende Wesen rund um die Uhr geöff­net hat, an jedem Tag des Jah­res.
„Ein Alt, bitte.“, bestellst du und erin­nerst doch, wie du heißt. Du könn­test dich benen­nen, allein es zu sagen bleibt dir ver­wehrt, auf dass du ewig anonym blei­ben musst, wo der Wahn­sinn das Haus­recht hat. Das ist die eine große Kurio­si­tät die­ses Lokals: Du kannst bestel­len, was du willst, aber dich mit dei­nem Namen vor­stel­len kannst du nicht.
Mit dei­nem Bier in einem Glas in dei­ner Hand drehst du dich um und dann zur Rech­ten nimmst du dir den erst­bes­ten freien Tisch zum Platz; ier sitzt jeder allein, nur jene nicht, die in Beglei­tung anka­men. Du schrei­test sam­tig über den von unten beleuch­te­ten wei­ßen Grund, setzst dich an den mas­si­ven Eben­holz­tisch mit den qua­dri­gen Bei­nen in den Ecken und harrst der Dinge, die da blei­ben, bist kei­nes die­ser The­ken­ge­schöpfe, die am Tre­sen hän­gen als wären sie in Sta­sis, nur wie­der­er­weckt, um Glä­ser und Fla­schen zu lee­ren wie ihren Blick, den nie­mand sieht.
Fin­dest du nicht auch, dass wir es uns ganz schön bequem gemacht haben in der Gegen­wart, in einer Gegen­wart, in der Pfüt­zen nur noch Spie­gel sind, da nie­mand außer den Kin­dern sich traut in sie hin­ein­zu­sprin­gen und das Trug­bild zu zer­stö­ren? Was meinst du, warum es hier so voll ist, wenn die Leute ihren Kol­ler krie­gen, weil ihnen doch ein­mal die Welt in der Pfütze auf die Füße fällt?
Allein, ich wäre ein schlech­ter Wirt, würde ich bedau­ern, dass Gäste zu mir kommen.

KW18 | Schluckauf

Und schlecht ist ihr auch.
Zu schnell geges­sen, zu schnell den Rot­wein hin­ter­her­ge­kippt, damit die Ecken der Welt ein biss­chen wei­cher wer­den.
Wie ein Bal­lon, und zwi­schen­durch schwappt die Luft über und ihr ent­fleu­chen hohe Töne. Schluck­auf. Wie wei­nen, nur anders.

Jedes mal das glei­che: erst stun­den­lang ver­ges­sen, etwas zu essen — die Welt ist so span­nend, wer denkt denn da ans Essen? Kaf­fee ja, der ist wich­tig, aber Essen? -, bis ihr Kör­per rebel­liert und gewalt­sam dar­auf auf­merk­sam macht, dass die Welt nur mit aus­rei­chend Koh­len­hy­dra­ten span­nend blei­ben kann. Sie steht auf, wühlt durch ihre Vor­räte — was geht schnell, was schmeckt gut, aber Fer­ti­ges­sen ist nur sel­ten eine Option. Dann stellt sie sich hin. Gemüse schä­len, Was­ser zum Kochen brin­gen. Essen, gutes Essen ist Selbst­liebe. Noch zwei, drei Kaf­fee wäh­rend­des­sen, damit der Kreis­lauf oben bleibt.

Das Kunst­werk vom Herd wird dann in atem­be­rau­ben­der Geschwin­dig­keit ver­drückt. Keine Zeit für Geschmä­cker oder die lie­be­voll unter­ge­misch­ten Gewürze. Mehr eine kurze Wahr­neh­men zwi­schen „gut“ oder „nicht gut“. Es ist keine Zeit, zu genie­ßen, wenn ein Defi­zit besteht. Dann such­tet sie nur.

Tel­ler leer, sie stellt ihn acht­los neben sich. Manch­mal bleibt er dort ein­fach bis zum nächs­ten Tag ste­hen, weil sie so bewe­gungs­los ist. Dann kommt der Rot­wein. Dann der Schluckauf.

Sie hängt in den Kis­sen und starrt auf den Bild­schirm gegen­über, der ihr Infor­ma­tio­nen gibt, von denen sie glaubt, dass sie not­wen­dig sind, und von denen sie nicht sagen kann, ob sie es sind. In allen Din­gen stopft sie nach lan­gen War­te­zei­ten Dinge in sich rein und damit die Lücken. Gefolgt von Schluck­auf, Müdig­keit, her­um­lie­gen und war­ten. Essen, Liebe, Wis­sen, Musik.

Unge­sun­des Essen­ver­hal­ten“ nann­ten Men­schen das, die ver­brieft und auf Papier Ahnung von so etwas haben.
„Unge­sun­des Lebens­ver­hal­ten“ nennt sie das, ohne Ahnung, aber die Übel­keit und der Rot­wein­schim­mer spre­chen für sich.

Fünf kleine Por­tio­nen am Tag“ , sagen die Men­schen, die Ahnung haben.
Sie fragt sich, ob sie wis­sen, dass das Leben sich nicht in Por­tio­nen auf­tei­len lässt.

KW17| Pfütze

Nachts sind alle Kat­zen grau. Nachts sind alle Pfüt­zen schwarz.
Ein tie­fes Schwarz, der Grund ist nicht zu sehen. Es könnte jede belie­bige Flüs­sig­keit sein. Meis­tens ist es Was­ser.
Meis­tens ist der Rest der Welt noch feucht vom Regen, der sich im Rinn­stein, in Schlag­lö­chern und Ver­tie­fun­gen im Bür­ger­steig sam­melt. Tags­über sieht man, dass es Was­ser ist. Dann sprin­gen Kin­der durch die Pfüt­zen, und Pas­san­ten wer­den von vor­bei­ra­sen­den Autos nass gespritzt.
Nachts sind alle Pfüt­zen schwarz, und dann gibt es auch keine Kin­der, die hin­ein­sprin­gen. Die tin­ten­schwar­zen Laken könn­ten alles sein. Im dämm­ri­gen Later­nen­licht kann ich mein Spie­gel­bild in der Flüs­sig­keit sehen. Mit dunk­len Schat­ten im Gesicht und dem Hei­li­gen­schein der Laterne über mei­nem Kopf.
Bei dem lan­gen, hef­ti­gen Regen Anfang des Jah­res habe ich das letzte Mal in eine Pfütze geschaut. Mein Spie­gel­bild wurde ver­zerrt durch kleine, eisige Trop­fen. Eine Weile betrach­tete ich das sich ste­tig wan­delnde Bild. Aber als ich den Kopf drehte, um wei­ter­zu­ge­hen, sah ich aus dem Augen­win­kel, dass das Bild in der Pfütze ver­weilte. Sofort schaute ich zurück und natür­lich sah ich wie­der meine dunkle Gestalt mit dem Licht im Rücken. In dunk­len, stür­mi­schen Näch­ten kann einem die Wirk­lich­keit schon mal vor den Augen ver­schwim­men.
Erst spä­ter, als ich mit hoch­ge­schla­ge­nem Kra­gen und Kapuze tief ins Gesicht gezo­gen nach Hause stapfte, fiel mir auf, dass es bei mei­nem zwei­ten Blick in die Pfütze immer noch gereg­net hatte. Doch das Was­ser in der Pfütze kräu­selte sich nicht mehr.
Ken­nen Sie die Gestal­ten, die man immer nur aus dem Augen­win­kel sieht? Sie kom­men nur in sol­chen Näch­ten zum Vor­schein; wenn Sie sich umdre­hen, ver­schwin­den sie.
Und Sie sehen nur noch, wie sich in den Pfüt­zen rund­herum Sche­men bewe­gen, die natür­lich nur von Ihnen selbst stam­men können.