„Wie schreibe ich Ihren Namen korrekt, bitte?„
„Theodor, Heinrich, Emil, Otto, Dora, Otto, Richard.“
KW 18 | Schluckauf
Ich bin der Schluckauf im apathischen Alltag der anderen.
Ich bin der Sand im Getriebe der Gesellschaft.
Ich bin der Spiegel, den ihr euch selbst vorhaltet, wenn ihr nichts sehen wollt.
Ich bin die Gerölllawine eurer Emotionen am Rande des Abgrunds.
Es kotzt mich was, nur will es nicht raus, macht Sodbrennen, Logorrhoe.
Ich bin das Entsetzen im Blick der Meute, die mich sieht.
Ich bin das trock’ne Auge, wenn Tränen fließen wollten.
Ich bin das Haus im Weg des Tagebaus, ein Haus nur soll ihm weichen.
Ich bin die Brandschutztür im Hause eurer Ethik, unschließbar brennt es immerzu.
Es frisst mich auf, es will nicht raus, macht Sodbrennen, Logorrhoe.
Ich bin die Wut, wenn Langmut angebrachter wäre.
Ich bin die Verzweiflung der vielen vor zu großen Sorgen.
Ich bin die Müdigkeit, die wächst, wenn Wachsamkeit am meisten fehlt.
Ich bin die Badewanne eurer Ausgrenzung, ein bleicher Körper liegt darin.
Ich bin
Ich bin
Ich bin
Ich bin, ich wünscht‘, ich wäre nicht. Für euch. Und mich.
KW 17 | Pfütze
Wenn du den Raum betrittst und die Tür sich hinter dir schließt, hast du schon vergessen, warum du hierher gekommen bist.
Die meisten bleiben stehen und schauen sich hektisch um, als versuchten sie sich zu orientieren, nur wenige gehen weiter mit dem Schwung, mit dem sie eintraten, gehen auf die klavierlackschwarze Theke an der gegenüberliegenden Wand zu; das sind die Stammgäste, sie sind öfter hier als sie wissen, aber ihr Unterbewusstsein hat sie längst hier als heimisch verortet, weswegen sie sich bewegen, als hätten sie nicht alles vergessen, auch wenn sie das genauso haben wie jeder andere auch.
Nicht einmal, dass man dich Frau nennt, weißt du in jenem Augenblick, und es wird dir hier auch niemand sagen können, denn für den Wahnsinn, der hier hinter der Theke steht und seine Gäste bedient, haben Sex und Gender keine Bedeutung.
Du kennst dich aus, sagt dir dein Empfinden und führt dich direkt zur Bar, du kommst öfter her; wenn du nicht schlafen kannst, treibt es dich her uznd es ist gut, dass wenigstens diese Einrichtung für notleidende Wesen rund um die Uhr geöffnet hat, an jedem Tag des Jahres.
„Ein Alt, bitte.“, bestellst du und erinnerst doch, wie du heißt. Du könntest dich benennen, allein es zu sagen bleibt dir verwehrt, auf dass du ewig anonym bleiben musst, wo der Wahnsinn das Hausrecht hat. Das ist die eine große Kuriosität dieses Lokals: Du kannst bestellen, was du willst, aber dich mit deinem Namen vorstellen kannst du nicht.
Mit deinem Bier in einem Glas in deiner Hand drehst du dich um und dann zur Rechten nimmst du dir den erstbesten freien Tisch zum Platz; ier sitzt jeder allein, nur jene nicht, die in Begleitung ankamen. Du schreitest samtig über den von unten beleuchteten weißen Grund, setzst dich an den massiven Ebenholztisch mit den quadrigen Beinen in den Ecken und harrst der Dinge, die da bleiben, bist keines dieser Thekengeschöpfe, die am Tresen hängen als wären sie in Stasis, nur wiedererweckt, um Gläser und Flaschen zu leeren wie ihren Blick, den niemand sieht.
Findest du nicht auch, dass wir es uns ganz schön bequem gemacht haben in der Gegenwart, in einer Gegenwart, in der Pfützen nur noch Spiegel sind, da niemand außer den Kindern sich traut in sie hineinzuspringen und das Trugbild zu zerstören? Was meinst du, warum es hier so voll ist, wenn die Leute ihren Koller kriegen, weil ihnen doch einmal die Welt in der Pfütze auf die Füße fällt?
Allein, ich wäre ein schlechter Wirt, würde ich bedauern, dass Gäste zu mir kommen.
KW18 | Schluckauf
Und schlecht ist ihr auch.
Zu schnell gegessen, zu schnell den Rotwein hinterhergekippt, damit die Ecken der Welt ein bisschen weicher werden.
Wie ein Ballon, und zwischendurch schwappt die Luft über und ihr entfleuchen hohe Töne. Schluckauf. Wie weinen, nur anders.
Jedes mal das gleiche: erst stundenlang vergessen, etwas zu essen — die Welt ist so spannend, wer denkt denn da ans Essen? Kaffee ja, der ist wichtig, aber Essen? -, bis ihr Körper rebelliert und gewaltsam darauf aufmerksam macht, dass die Welt nur mit ausreichend Kohlenhydraten spannend bleiben kann. Sie steht auf, wühlt durch ihre Vorräte — was geht schnell, was schmeckt gut, aber Fertigessen ist nur selten eine Option. Dann stellt sie sich hin. Gemüse schälen, Wasser zum Kochen bringen. Essen, gutes Essen ist Selbstliebe. Noch zwei, drei Kaffee währenddessen, damit der Kreislauf oben bleibt.
Das Kunstwerk vom Herd wird dann in atemberaubender Geschwindigkeit verdrückt. Keine Zeit für Geschmäcker oder die liebevoll untergemischten Gewürze. Mehr eine kurze Wahrnehmen zwischen „gut“ oder „nicht gut“. Es ist keine Zeit, zu genießen, wenn ein Defizit besteht. Dann suchtet sie nur.
Teller leer, sie stellt ihn achtlos neben sich. Manchmal bleibt er dort einfach bis zum nächsten Tag stehen, weil sie so bewegungslos ist. Dann kommt der Rotwein. Dann der Schluckauf.
Sie hängt in den Kissen und starrt auf den Bildschirm gegenüber, der ihr Informationen gibt, von denen sie glaubt, dass sie notwendig sind, und von denen sie nicht sagen kann, ob sie es sind. In allen Dingen stopft sie nach langen Wartezeiten Dinge in sich rein und damit die Lücken. Gefolgt von Schluckauf, Müdigkeit, herumliegen und warten. Essen, Liebe, Wissen, Musik.
„Ungesundes Essenverhalten“ nannten Menschen das, die verbrieft und auf Papier Ahnung von so etwas haben.
„Ungesundes Lebensverhalten“ nennt sie das, ohne Ahnung, aber die Übelkeit und der Rotweinschimmer sprechen für sich.
„Fünf kleine Portionen am Tag“ , sagen die Menschen, die Ahnung haben.
Sie fragt sich, ob sie wissen, dass das Leben sich nicht in Portionen aufteilen lässt.
KW17| Pfütze
Nachts sind alle Katzen grau. Nachts sind alle Pfützen schwarz.
Ein tiefes Schwarz, der Grund ist nicht zu sehen. Es könnte jede beliebige Flüssigkeit sein. Meistens ist es Wasser.
Meistens ist der Rest der Welt noch feucht vom Regen, der sich im Rinnstein, in Schlaglöchern und Vertiefungen im Bürgersteig sammelt. Tagsüber sieht man, dass es Wasser ist. Dann springen Kinder durch die Pfützen, und Passanten werden von vorbeirasenden Autos nass gespritzt.
Nachts sind alle Pfützen schwarz, und dann gibt es auch keine Kinder, die hineinspringen. Die tintenschwarzen Laken könnten alles sein. Im dämmrigen Laternenlicht kann ich mein Spiegelbild in der Flüssigkeit sehen. Mit dunklen Schatten im Gesicht und dem Heiligenschein der Laterne über meinem Kopf.
Bei dem langen, heftigen Regen Anfang des Jahres habe ich das letzte Mal in eine Pfütze geschaut. Mein Spiegelbild wurde verzerrt durch kleine, eisige Tropfen. Eine Weile betrachtete ich das sich stetig wandelnde Bild. Aber als ich den Kopf drehte, um weiterzugehen, sah ich aus dem Augenwinkel, dass das Bild in der Pfütze verweilte. Sofort schaute ich zurück und natürlich sah ich wieder meine dunkle Gestalt mit dem Licht im Rücken. In dunklen, stürmischen Nächten kann einem die Wirklichkeit schon mal vor den Augen verschwimmen.
Erst später, als ich mit hochgeschlagenem Kragen und Kapuze tief ins Gesicht gezogen nach Hause stapfte, fiel mir auf, dass es bei meinem zweiten Blick in die Pfütze immer noch geregnet hatte. Doch das Wasser in der Pfütze kräuselte sich nicht mehr.
Kennen Sie die Gestalten, die man immer nur aus dem Augenwinkel sieht? Sie kommen nur in solchen Nächten zum Vorschein; wenn Sie sich umdrehen, verschwinden sie.
Und Sie sehen nur noch, wie sich in den Pfützen rundherum Schemen bewegen, die natürlich nur von Ihnen selbst stammen können.