2016_01.txt | nichtsdestotrotz

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Das Projekt *.txt geht in die zweite Runde und ich bin wieder dabei. Ähnlich zu den Modalitäten aus dem letzten letzten Jahr stellt Dominik Leitner uns Teilnehmenden zu Anfang jedes Monats ein Wort vor, mit dem wir machen können, was wir wollen, solange wir nur schreiben. Anders als im letzten Jahr, als ich noch keinen Plan hatte, steht dieses Mal meine Idee schon fest: es ist Dogma Pillenknick. Film ab!

Nichtsdestotrotz ergoss sich die Morgendämmerung über dem Moor. Tiefblau schälte sich der Horizont aus dem auf Holzpfählen gebetteten Weg durch die Weite, gab die matt in der Windstille hängenden Gräser frei, die sich, plötzlich entblößt, in den aufkommenden Bodennebel zu mummeln schienen.
Nichts sollte mich hier und jetzt an die Ereignisse der letzten Tage erinnern, so hatte ich es gewollt, und doch war das alles in diesem Moment, den ich so herbeigesehnt hatte, nur eine durchscheinende Folie, hinter der der Film der vergangenen Tage in Endlosschleife lief.

„Wenn ich nicht mehr bin, dann bist du allein.“
Wenn ich nicht mehr bin, dann bist du allein. Deine Worte waren es gewesen, die letzten, die ich von dir hörte. Die letzten Worte, die du mir hinterher belltest, während ich tränensichtig die Straße entlang lief, den vollen Rucksack auf dem Rücken, nur fort von der Erinnerung an das, was du unsere Familie und ich eine einzige, große Lüge genannt hattest – und jetzt sehe ich sie wieder, die Worte und ihren Klang, als wären sie der Titel zu diesem Film, den ich nie drehen wollte, dessen erstes Bild dieser so melodramatisch stille Herbstsonnenaufgang ist.

Wenn ich nicht mehr bin, dann bist du allein.

***

Ich schlafe nicht mehr; seitdem ich weiß, dass ich dich töten muss, bekomme ich die Augen nicht mehr zu. Blicke ich auf die letzten Tage und Wochen zurück, ist es so offensichtlich, dass ich mich dafür verfluche, es nicht eher bemerkt zu haben, wohin die ganze Chose zwangsläufig führen musste.
In jeder anderen Welt hätte es Alternativen gegeben, hätten wir andere Entscheidungen getroffen, wären wir nie an diesem Punkt angelangt, an dem wir stehen, an dem ich jetzt stehe, verzweifelt auf der Suche nach einer Alternative, wo es nicht einmal mehr einen Weg zurück gibt. Was jetzt kommt, ist so logisch und zwangsläufig und so richtig und doch so falsch. Ich kann dich nicht einfach töten, auch wenn ich es muss, doch so schwer mir der Gedanke daran fällt, so weiß ich doch, dass ich es tun werde, dass ich dein Leben beenden werde, weil es der einzige Ausweg aus meinem Dilemma ist. Es gibt nur eine Antwort auf all die offenen Fragen, und die ist dein Tod. Dass dein Tod dennoch nichts ändern wird, liegt in seiner Natur. Nur er kann noch befrieden, was kurz vor dem Ausbruch steht, und so bist du mein und unser aller Opfer, das wir auf dem Altar der Wahrheit darbringen werden.
Du bist der einzige, mit dem ich je sprach. Deine Vorgänger, sie waren alle nur Werkzeuge, Mittel zum Zweck, du aber bist meine Katharsis. Magst du wie sie auch nicht mehr sein als Buchstaben auf Papier, bist du doch mehr als sie je sein konnten, denn du bist, wer ich mich nie zu sein traute. Du bist der Mann, der ich gerne gewesen wäre, der ich vielleicht auch hätte werden können, wenn ich nicht für jede Entscheidung eine Ausrede gefunden hätte, bis andere sich an meiner statt entschieden.
Es tut mir leid. Ich möchte, dass du das weißt, auch wenn du diese Zeilen niemals lesen wirst. Verzeih mir für alles, was ich dir antat, antun musste, antun werde. Ich kann doch nichts dafür.

Dies ist mein Beitrag zum Projekt *.txt. Andere Beiträge findet ihr auf der Projektseite des Projekts *.txt.

17.txt | ruhig

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Vorwort: Dies ist der siebzehnte und letzte Teil eines größeren Projekts. Ich habe im Rahmen von *.txt an diesem Werk immer weiter geschrieben. Eine Idee hatte ich im Kopf, aber wohin *.txt mich führte, wusste ich nicht. Jetzt aber ist mir alles klar.

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Vertraute Häuser, vertraute Straßen; hier kenne ich mich aus. Es riecht bekannt, nach Frittenfett. Autos stehen in der zweiten Reihe abgestellt, während im Imbiss ihre Fahrer darauf warten, dass ihre vorbestellten Gerichte über den Tresen gereicht werden; geduldeter Egoismus im Mantel der Wirtschaftsförderung. Die Luft, sie ist verbraucht, verstaubt, plötzlich so grau wie es vorher nie aufgefallen war.
Nicht mehr weit muss ich gehen, nicht mehr weit ist es, bis ich wieder auf mein altes Leben stoße, bis diese Flucht ihr Ende findet, egal was auch danach dann folgt. Ein bisschen Regen täte der Stadt gut, ein Nieseln würde mir schon reichen, um sie von all der drückenden Enge und dem Mief des Allüblichen reinzuwaschen, selbst wenn es nur für eine halbe Stunde wäre. Nur einmal möchte ich hier den Frieden der Wingerte erleben, denke ich, und weiß doch, dass es so nicht geht.
In der Hosentasche, in der ich krame, klimpert dein Schlüsselbund, mein Öffner für Pandoras Büchse, dem ich erst seinen Sinn ergab. Ich spüre seinen Linien nach, du lachst mich an wie du es erst an deinem Geburtstag tatest, eh dein Blick erstirbt, ich schüttle meinen Kopf und dieses Bild erlischt.
Was die Ampel grün? Ich weiß es nicht und laufe weiter, unbeirrt vom wütenden Gehupe, fast wäre ich vorm Ziel verreckt; ein kosmischer Fall von Durchfall vor der Kloschüssel wäre das gewesen, doch diesmal überlebe ich. Mein Herz schlägt schneller, mein Blut rauscht wummernd durch die Ohren, meine Füße werden leicht, ich spüre meine Hände kaum … wie Koffeinrausch ist es, wie vor unserm ersten echten Date. Ich fürchte mich vor dem, was kommt, doch kenn’ ich dich so gut, so lang. Eigentlich ist das, was nun noch kommt, nur Formsache, denn eigentlich ist es doch offensichtlich, was geschah. Weil man es so macht, machen wir es auch, weil man es so macht, kehre ich an diesen Ort zurück. Nur richtig Abschied nehmen will ich noch, nachholen, was mir gestern noch nicht möglich war.
Die Tür geht auf durch meine Hand, ganz automatisch schau’ ich nach der Post, doch nicht für dich ist dieser Brief. Die Klinik schreibt, sie würde mich gern haben; mein Traumjob, ich habe ihn erreicht. Fast unbemerkt steh’ ich vor uns’rer Tür, doch als der Briefumschlag zu Boden flappt, erkenne ich, vor welcher Schwelle ich nun stehe. Der Schlüssel fällt mir aus der Hand.
Das Schreiben folgt ihm unauffällig nach.
Und nur wie aus einer fernen Galaxie klingt das metallene Klirren und papierne Platschen an mein Ohr.

„Guten Morgen, Herr Schuster.“, knurrt die Hausmeisterin, ich erkenne sie an ihrem breit gerollten R, und grüße zurück ohne mich umzudrehen. Sie wird wohl zum Kiosk gehen, Brötchen kaufen und ’ne Zeitung, wie jeden Morgen, auch am Wochenende. Kaum fällt die Haustür zu, verlässt mich meine Starre und ich hebe den Schlüssel wieder auf. Das Schloss treffe ich auf Anhieb, sodass ich kalt klackend den Schlüssel drehen kann.

Es ist nicht abgeschlossen.
Ich überwinde den letzten Widerstand und stoße die Tür auf, die sich ausnahmsweise nicht dem dramatischen Knarren hingibt, mit welchem sie uns sonst begrüßte.
Da stehst du, im Flur, nackt wie ich dich liebe. Noch immer hast du deine Spermareste im Haar und dein Hals schillert dunkelrotfastblau, ich sehe meine Daumen dich ersticken.

Was stehst du da? Wieso?

Wie, was, du bist doch tot! Du kannst doch gar nicht stehen! Du bist tot, tot, tot, doch tot, und ich verrückt! Du starrst mich an, was schaust du mich so an, und blickst durch mich hindurch.
Türrahmen, wo ist der verfickte Türrahmen, an den ich mich jetzt stützen kann? Du starrst nur weiter, Gespenst meiner Schuld, eh ich ihn zu fassen kriege. Watte, alles fühlt sich ann wie Watte, Watte in den Ohren, auch der Druck ist da, für einen ewigen Moment, für einen ewigen Moment ist alles still.

Dann blinzelst du und sprichst.

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16.txt | Distanz

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Vorwort: Dies ist der sechzehnte Teil eines größeren Projekts. Ich möchte im Rahmen von *.txt an diesem Anfang immer weiter schreiben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich begleiten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

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Ich bin so weit weg vor mir geflohen und doch bist du, ganz nah, so nah wie nie. Keinen Schritt mehr kann ich tun ohne dich, nur das Göbeln hat sich zum Glück erledigt. Nie hast du geklammert, doch jetzt lässt du nicht mehr los, weil ich dich nicht mehr gehen lassen kann. Ich habe dich an den Rest meines kümmerlichen Verstandes gekettet und wenn du jetzt gehst, bin ich für immer verdammt, also lasse ich nicht von dir ab. Wozu also soll ich noch fliehen und wohin?

Ach. Was ich alles in meiner Hose habe. Du meintest ja, was einer Frau ihre Handtasche sei mir meine Hose. So ein Blödsinn! So viel Zeug passt nie und nimmer in eine Handtasche, gleichwohl mir der Maulschlüssel gerade herzlich wenig nützt. Das kleine grüne Scheinchen hingegen … ja, meine Flucht hat wirklich ein Ende. Ja, ich kehre um. Ich fahre zurück zu dir, zu dem Ort, an dem mehr von dir ist als nur der Geist meiner Sehnsucht, an dem ich, an dem mein Leben hängt.
Der erste Zug, der kommt, ist mir. Zum Glück fährt er auch dorthin, wohin ich will. Das Wechselgeld reicht für einen Kaffee – beziehungsweise das, was man hier für Kaffee hält. Ich lächle in mich hinein. Egal was kommt: jetzt wird alles gut.

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15.txt | Tanz

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Vorwort: Dies ist der fünfzehnte Teil eines größeren Projekts. Ich möchte im Rahmen von *.txt an diesem Anfang immer weiter schreiben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich begleiten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

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Vor. Zurück. Vor. Zurück. Vor, zurück. Vor, zurück, vor, zurück. Vor. Zurück. Ich kann nicht mehr geradeaus denken und schon gar nicht um die Kurve. Sehe ich dich vor meinem Auge, wird mir schlecht, würge ich die Reste meiner Galle hoch, läuft mir dann der Restsabber aus dem Mundwinkel, verkrampft sich mein Magen sehnend nach dir; es ist ein gleichmäßiger Rhythmus, ein Teufelkreis, an dessen Ende eine Stretta in den Abgrund steht.
Vor, zurück. Links herum im Kreis. Ein Walzer ist es nicht, und Spaß macht es auch keinen, aber wenn jemand schaut und fragt, versuche ich mein Sambalächeln und keuche was von Magenverstimmung.
Ein Tanz ist es, ein wilder Tanz; ich will ihn nicht, doch die Schuhe meiner Taten sind verhext.

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14.txt | Gewissen

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Vorwort: Dies ist der vierzehnte Teil eines größeren Projekts. Ich möchte im Rahmen von *.txt an diesem Anfang immer weiter schreiben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich begleiten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

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Ich glaube, ich habe dich getötet. Erwürgt. Ich habe es geplant und verworfen und neu geplant. Wollte doch, ersticken, ertränken, vor einen Zug schmeißen, erwischt werden und unerkannt bleiben.
Ich habe es geplant, dein Vertrauen missbraucht. Ich habe dich gefickt, nein, „gepfählt“ war das Wort, das du immer gebrauchtest, wenn ich dich mal ficken durfte, und doch nur daran gedacht, dir deinen Kehlkopf zu zerdrücken, bis du nicht mehr röcheltest.
Ich bin ein Monster, denn für Monster halte ich jene, die so sind wie ich.

Dein Bruder hat dich vergöttert, denn du zeigtest ihm, was Selbstbewusstsein heißt. Erst jetzt kann ich das sehen. Du wirst ihm fehlen, so wie du mir auch fehlst, nur anders. Für ihn warst du cool, denn du warst schwul und dennoch bei allen beliebt. Du hast den anderen gezeigt, wo es lang ging ohne ihnen ihre Meinung oder ihren Willen zu nehmen. Du hast die anderen respektiert und unterstützt. Wo ich ihre kleinen Geheimnisse kannte und brauchte, um meinen Einfluss nicht zu verlieren, warst du einfach nur gut und damit noch erfolgreich, erfolgreicher als ich, denn unterschwellig hatten die meisten wohl einfach nur Angst vor mir. Du wirst uns allen fehlen, mir aber aber nicht, denn ohne dich werde ich nicht mehr der Bad Guy sein, schon weil ich mich mangels deiner Gegenwart nicht mehr in deiner Gegenwart so fühlen werde.
Doch, du wirst mir fehlen, sehr sogar. Jetzt muss ich alles wieder allein schaffen. Scheitern konnte ich nur zu gut, doch erst mit dir fand das ein Ende.
Scheiße, du fehlst mir, Herz! Nichts brennt mehr in mir.

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