0311 – pour D

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gedicht

Alte Vet­tel, Nacht­mahrs­freun­din,
was starrst du so trüb in dei­nen Tee?
Ist es nicht Zeit das Wie­der­se­hen zu fei­ern?

Reich mir dei­ne zitt­ri­ge Hand,
lass Frau Luna lei­se wei­nen,
sie weiß genug für uns alle,
zu viel für jede von uns Schwes­tern.
Aktä­on wird wie stets ver­ge­hen,
sei­ne Hän­de sind bereits gewetzt.

O, wei­ne nicht, es ist doch nicht zu ändern,
was Eros’ Schwes­ter der­einst in ihn schrieb.
Reich mir, alte Vet­tel, dei­ne sanf­te Hand,
wir wol­len ihn begrü­ßen.

Eulogy on a non-existing friend

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gesagt
Kuri­os. Als ich heu­te erwach­te, fand ich in die­sem Moment ein Gefühl von Über­res­ten eines Traums auf mei­nen Lip­pen. Ich konn­te nicht anders als wei­ter dar­an zu den­ken und ver­wehr­te mir jeden Guten-Mor­gen-Tweet, bloß weil ich ihn nicht ver­ges­sen woll­te. Er war nicht auf idyl­li­sche Wei­se schön, und doch hin­ter­ließ er eine ange­neh­me Erin­ne­rung in mir. Ich muss­te dar­über schrei­ben. Auch wenn das, was ich schrieb, nicht eine Nach­er­zäh­lung die­ses Traums ist, ist es stark von ihm inspi­riert, ein biss­chen wei­ter­ge­dacht, wenn auch anders als ich es mir erträumt hät­te.
Egal. Es muss­te raus. Hier ist es. Schmiegt euch hin­ein.

Ich begeg­ne­te Dir zum ers­ten Mal auf der Toi­let­te, in der­sel­ben Kabi­ne. Du saßest da, schwarz geklei­det wie stets, Dein aus­ge­beul­ter, aus­ge­mer­gel­ter Ruck­sack vor Dir auf dem Boden. Drau­ßen, vor der Kabi­nen­tür, tob­te der übli­che Pau­sen­lärm. Ich lehn­te an der Tür; Du puder­test Dir Dein Gesicht nach, über­deck­test Dei­ne nicht vor­han­de­nen Augen­rin­ge. Wir muss­ten nicht reden um uns zu ver­ste­hen.
Dass sie drau­ßen über Dich spot­te­ten, war kaum zu über­hö­ren, eigent­lich allen in der Ober­stu­fe war es bekannt, selbst den Leh­rern – was aber nichts dar­an änder­te, dass Du für sie da drau­ßen nur die Schwuch­tel warst, denn mal im Ernst: Wer so fein­glied­ri­ge Hän­de hat­te wie Du, wer sich so gewählt aus­drück­te wie Du, wer als Mann so gepflegt her­um­lief wie Du, wer so fei­ne Gesichts­zü­ge hat­te wie Du, wer sich bes­ser mit den Mäd­chen ver­stand wie Du, aber noch nie mit einer Freun­din gese­hen wur­de, der muss­te doch schwul sein.
Dass Dein so ver­we­ge­ner Drei­ta­ge­bart das Werk von ledig­lich vier­und­zwan­zig Stun­den war, wuss­ten sie nicht. Er brach das Bild, aber nicht genug, und ins­ge­heim benie­den sie Dich sogar dar­um. Dass Du jeden ein­zel­nen von ihnen mühe­los aufs Kreuz legen konn­test, wuss­ten sie eben­so­we­nig wie, und wenn es nach Dir ging, soll­te es auch so blei­ben, auch wenn sie Dei­ne Con­ten­an­ce unwis­sent­lich igno­rant mit jedem Tag mehr aus­höhl­ten.
Sie zogen Dei­nen Ruck­sack, den Du acht­los auf den Boden fal­len las­sen hat­test, unter der Tür her­vor und lach­ten, als sie ihn mal wie­der aus­leer­ten, doch Dir war es egal. Schon lan­ge hat­test Du nichts mehr in ihm, was für Dich von irgend­ei­nem Wert war, und Dei­ne Kip­pen trug immer ich bei mir. Dafür durf­te ich mir dann auch mal eine neh­men, wenn wir mal wie­der auf dem Klo eine rauch­ten – und das taten wir oft. Manch­mal knutsch­ten wir auch, ganz unver­bind­lich, wie das gute Freun­de so tun, die wirk­lich alles tei­len.

***

Dass ihr ihn nicht kann­tet und auch nicht ken­nen­ler­nen woll­tet, tat mir leid für euch, weil euch so viel ent­ging, weil ihr so viel nicht erle­ben durf­tet.
Er hät­te alles für euch gege­ben, wenn ihr ihn nur akzep­tiert hät­tet, wie er auch alles für sei­ne Freun­de tat, egal wann man ihn um Hil­fe bat. Wie oft schlich er nachts ins Haus sei­ner Eltern, um sei­nen Bru­der aus die­ser Höl­le aus Geschrei und Schlä­gen zu holen, gegen die das Jugend­amt dank ein­ge­brann­ter Mas­ken macht­los war? Wie oft ging er nach­mit­tags mit Hun­den aus dem Tier­heim Gas­si, obwohl er noch genug Haus­halt vor sich hat­te, bloß weil er es ver­spro­chen hat­te? Wie oft hat er euch nicht ver­pfif­fen, wenn ihr die alte Mei­er, die euch immer­hin aufs Mathe-Abi vor­be­rei­ten soll­te, mal wie­der aus dem Raum geekelt hat­tet? Hm, wie oft?
Habt ihr euch in den letz­ten Wochen nicht gefragt, wo er war?

Ja, für euch ist es über­ra­schend, dass wir uns jetzt hier an sei­nem Grab wie­der­se­hen. Für euch kommt das plötz­lich. Für uns war das schon seit letz­tem Jahr nur noch eine Fra­ge der Zeit. Wollt ihr wis­sen, war­um er euch alle, jeden und jede von euch, ein­ge­la­den hat? Weil er kein Arsch­loch war. Des­halb will ich auch kein schlech­tes Wort mehr ver­lie­ren, nicht mehr, nicht über euch.
Denkt an ihn, mehr will ich nicht, mehr woll­te er nicht. Ver­gesst ihn ein­fach nicht.

2016_02.txt | Berg

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*.txt

Das Pro­jekt *.txt geht in die zwei­te Run­de und ich bin wie­der dabei. Ähn­lich zu den Moda­li­tä­ten aus dem letz­ten Jahr stellt Domi­nik Leit­ner uns Teil­neh­men­den zu Anfang jedes Monats ein Wort vor, mit dem wir machen kön­nen, was wir wol­len, solan­ge wir nur schrei­ben. Anders als im letz­ten Jahr, als ich noch kei­nen Plan hat­te, steht die­ses Mal mei­ne Idee schon fest: es ist Dog­ma Pil­len­knick. Film ab!

Es war nicht mei­ne Idee nach dir zu suchen, zumal ein Blick ins Tele­fon­buch gereicht hät­te, um zu wis­sen, dass du noch immer in dem­sel­ben Haus wohnst, das mir Eltern­haus war, wie es schon für dich und dei­nen Vater und sei­nen Vater Eltern­haus war. Nie hast du die Welt gese­hen, nie bist du wei­ter gekom­men als an den Chiem­see.
„Dei­ne Fan­ta­sie ist viel wei­ter als die Welt je sein kann.“, hast du stets gesagt, wenn wir mal woan­ders Urlaub machen woll­ten als im Wes­ter­wald, und so hat­te mich mei­ne ers­te Rei­se nach dem Abitur an kei­nen gerin­ge­ren Ort als San Fran­cis­co geführt, home of the bra­ve, land of the free; nur weg von dir und aus dei­ner klei­nen Welt woll­te ich, und dass ich kei­nen Rück­flug gebucht hat­te, war eben kein Ver­se­hen, auch wenn ich dir das immer wie­der glau­ben machen woll­te, wenn du auf mei­ne Rei­sen zu spre­chen kamst, ehe ich dann für immer aus dei­nem Leben floh.
Wäre es nach mir gegan­gen, wäre es auch dabei geblie­ben, aber in die­sem Fall ging es nicht nach mir. Immer­hin warst es nicht du.

If not for you, do it for me.“, hat­te Kat gesagt, und wer war ich, dass ich ihr etwas abschla­gen konn­te. Ich konn­te ihr noch nie einen Wunsch ver­weh­ren und schon gar nicht, wenn sie mich so bet­telnd ansah wie es sonst nur Ran­di, mei­ne Gol­den-Retrie­ver-Dame, tat, wenn sie roch, dass es wie­der Leber­wurst gab – nur dass ich Ran­di wider­ste­hen konn­te. Bei ihr wuss­te ich genau, dass ihr die Leber­wurst nicht bekom­men wür­de, doch wenn Kat mich so anschau­te, dann war all mei­ne Vor­sicht wie weg­ge­bla­sen.

Ich hat­te schon den Flug gebucht, als Kat rea­li­sier­te, dass ich schon dabei war ihrer Auf­for­de­rung nach­zu­kom­men, und ich konn­te gera­de noch die Hotel­re­ser­vie­rung abschlie­ßen, bevor es ihr gelang den Ste­cker zu zie­hen.
„Tell me about him.“, waren ihre Wor­te und ihre Augen blink­ten mich ent­schlos­sen an. „I won’t let you go until you’ve told me.“
Mein blitz­ar­ti­ger Über­fall­be­such, er war zum Schei­tern ver­ur­teilt noch vor der Ankunft.
„Komm mit!“, sag­te ich nur, stand auf, zog mir mei­ne Jacke an und war­te­te gar nicht erst ab, ob sie mir folg­te. Erst an der nächs­ten Kreu­zung hol­te sie mich ein.

My father isn’t as char­ming as he makes ever­yo­ne belie­ve.“ Ich weiß es noch genau, das waren mei­ne ers­ten Wor­te, nach­dem wir zehn Minu­ten wort­los durch den Schnee gestapft waren. Die Stra­ßen waren wie leer­ge­fegt; dass es eine Bliz­zard­war­nung gege­ben hat­te, dar­an dach­te ich in die­sem Moment kein biss­chen. Bis ich Mut und For­mu­lie­rung für einen zwei­ten Satz gefun­den hat­ten, waren wir schon ganz woan­ders. Der Schnee hat­te alles flach und erha­ben und weiß gemacht und doch fühl­te es sich so an als wür­de ich einen Berg erklim­men, ohne Seil­schaft, ohne Plan und ohne Ahnung; es war ein ers­tes Mal.
Jedes neue Bild in mei­nem Kopf, jeder Erin­ne­rungs­fet­zen lau­er­te wie eine Tret­mi­ne im Fels und ich kam mir vor, als hät­te ich jede ein­zel­ne von ihnen erwischt. Mei­ne Kind­heit, mei­ne Jugend, mein altes Leben, ein ein­zi­ger krei­schen­der, stü­cki­ger Brei, zwi­schen des­sen fels­ar­ti­gen Frag­men­ten ich zer­malmt wur­de. Ich schnapp­te nur nach Luft und sank auf die Knie. Mehr weiß ich nicht von die­sem Tag. Es soll­te nur ein Vor­ge­schmack des­sen sein, was noch zu kom­men droh­te.

***

Die Hal­den des Reviers sind mein Gebir­ge. Nicht für die Aus­sicht erklim­me ich ihre Gip­fel, son­dern für das Gefühl, es doch noch ein­mal nach oben geschafft zu haben. Und doch: Erst wenn ich oben ste­he und ver­schnau­fe, kann ich sehe, was bereits hin­ter mir liegt, und wohin ich noch gehen muss. So ist es auch mit dir, Jan Fux. Es brauch­te sei­ne Zeit und Mühe, ehe ich wuss­te, wohin dei­ne Geschich­te füh­ren soll, und es kos­te­te mich eini­ges an Kraft, ehe das Gerüst stand, vor das ich dein Leben stel­len kann, doch als es stand, da wuss­te ich mit einem Blick, wie ich die­ses Gebäu­de bau­en und ein­rich­ten kann, und auch wenn die Möbel noch feh­len, sehe ich dich schon dar­in woh­nen.

Die­se Gewiss­heit war es, die ich gebraucht habe, um über dich schrei­ben zu kön­nen; mit die­ser Gewiss­heit eil­te ich vom Gip­fel her­ab zum Park­platz, wo ich mei­nen Wagen abge­stellt hat­te. Er sprang nicht an, wie so oft in die­sem kal­ten Früh­ling, der genau­ge­nom­men ein ver­spä­te­ter Win­ter war; doch es war mir gleich,da ich dich schon in der Küche sit­zen sah. Vor mei­nem Augen bekamst du Sta­tur und ein Gesicht, wäh­rend der Anlas­ser vor sich hin orgel­te. Du bekamst Eltern, Groß­el­tern und einen älte­ren Bru­der. Noch bevor ich ihn erblick­te, ließ dein Vater für die Dra­ma­tur­gie sein Leben, womit dei­ne Mut­ter zu einer lang­jäh­ri­gen Allein­er­zie­hen­den wur­de. Du wuchst her­an, nicht chro­no­lo­gisch, son­dern nach Momen­ten sor­tiert, die ich mit dir in Ver­bin­dung brach­te – und wäh­rend du so wur­dest, erwies mir mein lind­grü­ner Diplo­mat einen Gefal­len, sprang an und brach­te mich nach Hau­se.
Als der Motor erstarb, hat­test du ein Leben und ein neu­er Name schweb­te in mei­nem Kopf. Dog­ma Pil­len­knick.

Ich weiß noch nichts mit ihr anzu­fan­gen, aber ohne sie geht es nicht, das spü­re ich noch jetzt so prä­sent wie vor­hin im Auto.
Dog­ma Pil­len­knick. Wer ist sie? Was macht sie? Und wel­che Rol­le spielt sie für Jan? Ich sehe sie nir­gends, habe nicht ein­mal eine Vor­stel­lung von ihr. Wie passt sie ins Bild?

***

Sie fügt sich nicht. Wie soll ich mit einer so stör­ri­schen Figur wie ihr arbei­ten? So wie sie wirkt, könn­te sie auch mei­ne Toch­ter sein, aber die … nein, das wäre absurd.
Fik­ti­on ist Fik­ti­on und Rea­li­tät bleibt Rea­li­tät, auch wenn Fik­ti­on und Rea­li­tät sich gegen­sei­tig befruch­ten.
Ich muss raus, zurück in mei­ne Ber­ge, auch wenn der Abend längst schon dräut. Viel­leicht fin­de ich dort oben, wonach ich suche.

Dies ist mein Bei­trag zum Pro­jekt *.txt. Ande­re Bei­trä­ge fin­det ihr auf der Pro­jekt­sei­te des Pro­jekts *.txt.

2016_01.txt | nichtsdestotrotz

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*.txt

Das Pro­jekt *.txt geht in die zwei­te Run­de und ich bin wie­der dabei. Ähn­lich zu den Moda­li­tä­ten aus dem letz­ten letz­ten Jahr stellt Domi­nik Leit­ner uns Teil­neh­men­den zu Anfang jedes Monats ein Wort vor, mit dem wir machen kön­nen, was wir wol­len, solan­ge wir nur schrei­ben. Anders als im letz­ten Jahr, als ich noch kei­nen Plan hat­te, steht die­ses Mal mei­ne Idee schon fest: es ist Dog­ma Pil­len­knick. Film ab!

Nichts­des­to­trotz ergoss sich die Mor­gen­däm­me­rung über dem Moor. Tief­blau schäl­te sich der Hori­zont aus dem auf Holz­pfäh­len gebet­te­ten Weg durch die Wei­te, gab die matt in der Wind­stil­le hän­gen­den Grä­ser frei, die sich, plötz­lich ent­blößt, in den auf­kom­men­den Boden­ne­bel zu mum­meln schie­nen.
Nichts soll­te mich hier und jetzt an die Ereig­nis­se der letz­ten Tage erin­nern, so hat­te ich es gewollt, und doch war das alles in die­sem Moment, den ich so her­bei­ge­sehnt hat­te, nur eine durch­schei­nen­de Folie, hin­ter der der Film der ver­gan­ge­nen Tage in End­los­schlei­fe lief.

Wenn ich nicht mehr bin, dann bist du allein.“
Wenn ich nicht mehr bin, dann bist du allein. Dei­ne Wor­te waren es gewe­sen, die letz­ten, die ich von dir hör­te. Die letz­ten Wor­te, die du mir hin­ter­her bell­test, wäh­rend ich trä­nen­sich­tig die Stra­ße ent­lang lief, den vol­len Ruck­sack auf dem Rücken, nur fort von der Erin­ne­rung an das, was du unse­re Fami­lie und ich eine ein­zi­ge, gro­ße Lüge genannt hat­test – und jetzt sehe ich sie wie­der, die Wor­te und ihren Klang, als wären sie der Titel zu die­sem Film, den ich nie dre­hen woll­te, des­sen ers­tes Bild die­ser so melo­dra­ma­tisch stil­le Herbst­son­nen­auf­gang ist.

Wenn ich nicht mehr bin, dann bist du allein.

***

Ich schla­fe nicht mehr; seit­dem ich weiß, dass ich dich töten muss, bekom­me ich die Augen nicht mehr zu. Bli­cke ich auf die letz­ten Tage und Wochen zurück, ist es so offen­sicht­lich, dass ich mich dafür ver­flu­che, es nicht eher bemerkt zu haben, wohin die gan­ze Cho­se zwangs­läu­fig füh­ren muss­te.
In jeder ande­ren Welt hät­te es Alter­na­ti­ven gege­ben, hät­ten wir ande­re Ent­schei­dun­gen getrof­fen, wären wir nie an die­sem Punkt ange­langt, an dem wir ste­hen, an dem ich jetzt ste­he, ver­zwei­felt auf der Suche nach einer Alter­na­ti­ve, wo es nicht ein­mal mehr einen Weg zurück gibt. Was jetzt kommt, ist so logisch und zwangs­läu­fig und so rich­tig und doch so falsch. Ich kann dich nicht ein­fach töten, auch wenn ich es muss, doch so schwer mir der Gedan­ke dar­an fällt, so weiß ich doch, dass ich es tun wer­de, dass ich dein Leben been­den wer­de, weil es der ein­zi­ge Aus­weg aus mei­nem Dilem­ma ist. Es gibt nur eine Ant­wort auf all die offe­nen Fra­gen, und die ist dein Tod. Dass dein Tod den­noch nichts ändern wird, liegt in sei­ner Natur. Nur er kann noch befrie­den, was kurz vor dem Aus­bruch steht, und so bist du mein und unser aller Opfer, das wir auf dem Altar der Wahr­heit dar­brin­gen wer­den.
Du bist der ein­zi­ge, mit dem ich je sprach. Dei­ne Vor­gän­ger, sie waren alle nur Werk­zeu­ge, Mit­tel zum Zweck, du aber bist mei­ne Kathar­sis. Magst du wie sie auch nicht mehr sein als Buch­sta­ben auf Papier, bist du doch mehr als sie je sein konn­ten, denn du bist, wer ich mich nie zu sein trau­te. Du bist der Mann, der ich ger­ne gewe­sen wäre, der ich viel­leicht auch hät­te wer­den kön­nen, wenn ich nicht für jede Ent­schei­dung eine Aus­re­de gefun­den hät­te, bis ande­re sich an mei­ner statt ent­schie­den.
Es tut mir leid. Ich möch­te, dass du das weißt, auch wenn du die­se Zei­len nie­mals lesen wirst. Ver­zeih mir für alles, was ich dir antat, antun muss­te, antun wer­de. Ich kann doch nichts dafür.

Dies ist mein Bei­trag zum Pro­jekt *.txt. Ande­re Bei­trä­ge fin­det ihr auf der Pro­jekt­sei­te des Pro­jekts *.txt.

17.txt | ruhig

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*.txt

Vor­wort: Dies ist der sieb­zehn­te und letz­te Teil eines grö­ße­ren Pro­jekts. Ich habe im Rah­men von *.txt an die­sem Werk immer wei­ter geschrie­ben. Eine Idee hat­te ich im Kopf, aber wohin *.txt mich führ­te, wuss­te ich nicht. Jetzt aber ist mir alles klar.

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Ver­trau­te Häu­ser, ver­trau­te Stra­ßen; hier ken­ne ich mich aus. Es riecht bekannt, nach Frit­ten­fett. Autos ste­hen in der zwei­ten Rei­he abge­stellt, wäh­rend im Imbiss ihre Fah­rer dar­auf war­ten, dass ihre vor­be­stell­ten Gerich­te über den Tre­sen gereicht wer­den; gedul­de­ter Ego­is­mus im Man­tel der Wirt­schafts­för­de­rung. Die Luft, sie ist ver­braucht, ver­staubt, plötz­lich so grau wie es vor­her nie auf­ge­fal­len war.
Nicht mehr weit muss ich gehen, nicht mehr weit ist es, bis ich wie­der auf mein altes Leben sto­ße, bis die­se Flucht ihr Ende fin­det, egal was auch danach dann folgt. Ein biss­chen Regen täte der Stadt gut, ein Nie­seln wür­de mir schon rei­chen, um sie von all der drü­cken­den Enge und dem Mief des All­üb­li­chen rein­zu­wa­schen, selbst wenn es nur für eine hal­be Stun­de wäre. Nur ein­mal möch­te ich hier den Frie­den der Win­ger­te erle­ben, den­ke ich, und weiß doch, dass es so nicht geht.
In der Hosen­ta­sche, in der ich kra­me, klim­pert dein Schlüs­sel­bund, mein Öff­ner für Pan­d­o­ras Büch­se, dem ich erst sei­nen Sinn ergab. Ich spü­re sei­nen Lini­en nach, du lachst mich an wie du es erst an dei­nem Geburts­tag tatest, eh dein Blick erstirbt, ich schütt­le mei­nen Kopf und die­ses Bild erlischt.
Was die Ampel grün? Ich weiß es nicht und lau­fe wei­ter, unbe­irrt vom wüten­den Gehu­pe, fast wäre ich vorm Ziel ver­reckt; ein kos­mi­scher Fall von Durch­fall vor der Klo­schüs­sel wäre das gewe­sen, doch dies­mal über­le­be ich. Mein Herz schlägt schnel­ler, mein Blut rauscht wum­mernd durch die Ohren, mei­ne Füße wer­den leicht, ich spü­re mei­ne Hän­de kaum … wie Kof­fein­rausch ist es, wie vor unserm ers­ten ech­ten Date. Ich fürch­te mich vor dem, was kommt, doch kenn’ ich dich so gut, so lang. Eigent­lich ist das, was nun noch kommt, nur Form­sa­che, denn eigent­lich ist es doch offen­sicht­lich, was geschah. Weil man es so macht, machen wir es auch, weil man es so macht, keh­re ich an die­sen Ort zurück. Nur rich­tig Abschied neh­men will ich noch, nach­ho­len, was mir ges­tern noch nicht mög­lich war.
Die Tür geht auf durch mei­ne Hand, ganz auto­ma­tisch schau’ ich nach der Post, doch nicht für dich ist die­ser Brief. Die Kli­nik schreibt, sie wür­de mich gern haben; mein Traum­job, ich habe ihn erreicht. Fast unbe­merkt steh’ ich vor uns’rer Tür, doch als der Brief­um­schlag zu Boden flappt, erken­ne ich, vor wel­cher Schwel­le ich nun ste­he. Der Schlüs­sel fällt mir aus der Hand.
Das Schrei­ben folgt ihm unauf­fäl­lig nach.
Und nur wie aus einer fer­nen Gala­xie klingt das metal­le­ne Klir­ren und papier­ne Plat­schen an mein Ohr.

Guten Mor­gen, Herr Schus­ter.“, knurrt die Haus­meis­te­rin, ich erken­ne sie an ihrem breit geroll­ten R, und grü­ße zurück ohne mich umzu­dre­hen. Sie wird wohl zum Kiosk gehen, Bröt­chen kau­fen und ’ne Zei­tung, wie jeden Mor­gen, auch am Wochen­en­de. Kaum fällt die Haus­tür zu, ver­lässt mich mei­ne Star­re und ich hebe den Schlüs­sel wie­der auf. Das Schloss tref­fe ich auf Anhieb, sodass ich kalt kla­ckend den Schlüs­sel dre­hen kann.

Es ist nicht abge­schlos­sen.
Ich über­win­de den letz­ten Wider­stand und sto­ße die Tür auf, die sich aus­nahms­wei­se nicht dem dra­ma­ti­schen Knar­ren hin­gibt, mit wel­chem sie uns sonst begrüß­te.
Da stehst du, im Flur, nackt wie ich dich lie­be. Noch immer hast du dei­ne Sper­ma­res­te im Haar und dein Hals schil­lert dun­kel­rot­fast­blau, ich sehe mei­ne Dau­men dich ersti­cken.

Was stehst du da? Wie­so?

Wie, was, du bist doch tot! Du kannst doch gar nicht ste­hen! Du bist tot, tot, tot, doch tot, und ich ver­rückt! Du starrst mich an, was schaust du mich so an, und blickst durch mich hin­durch.
Tür­rah­men, wo ist der ver­fick­te Tür­rah­men, an den ich mich jetzt stüt­zen kann? Du starrst nur wei­ter, Gespenst mei­ner Schuld, eh ich ihn zu fas­sen krie­ge. Wat­te, alles fühlt sich ann wie Wat­te, Wat­te in den Ohren, auch der Druck ist da, für einen ewi­gen Moment, für einen ewi­gen Moment ist alles still.

Dann blin­zelst du und sprichst.

Wei­te­re Bei­trä­ge fin­det ihr bei Domi­nik.

Die vori­gen Tei­le mei­ner Geschich­te fin­det ihr hier: 1.txt, 2.txt, 3.txt, 4.txt, 5.txt, 6.txt, 7.txt, 8.txt, 9.txt, 10.txt, 11.txt, 12.txt, 13.txt, 14.txt, 15.txt, 16.txt