Alle Artikel mit dem Schlagwort: sehnsucht

Vom Verpassen der Jugend

Dass es drei­hun­dert Kilo­me­ter Distanz benö­ti­gen wür­de, um zu die­ser ver­meint­lich tri­via­len Erkennt­nis zu kom­men, konn­te nun wirk­lich nie­mand ahnen. Dass es mir aus­ge­rech­net in der Pfalz in einem Wei­ler am Ran­de einer Geburts­tags­fei­er wie Schup­pen aus den Haa­ren fal­len soll­te, war nun wirk­lich nicht zu erwar­ten – aber war­um soll­te ich mich gegen die Erleuch­tung weh­ren, bloß weil der Zeit­punk­te unpas­send erscheint? Doch reicht eine Emp­fin­dung schon aus, um sie eine Erkennt­nis zu nen­nen, nur weil sie inten­siv ist und nicht wei­chen mag? Oder ist es den­noch ledig­lich ein sen­ti­men­ta­ler Seuf­zer? Ist es gar bloß ein Wunsch nach ein wenig mehr Nor­ma­li­tät (was auch immer das ist)?

1813 - unterwegs/die graue Frau

Rau­schen­des, rol­lern­des, pock­ri­ges Wum­mern dröhnt bis in die Win­kel und füllt den bogen­über­dach­ten offe­nen Raum namens Bahn­hof, als ich über abge­nutz­te, gum­mi­be­kleb­te Stu­fen den Zug gen Dann erklim­me. Eins­ti­ge Luft schlägt mir ent­ge­gen, voll nach­ge­han­ge­ner, zurück­ge­blie­be­ner Gedan­ken, eine schwe­re, schwü­le und ver­brauch­te Luft, schon berührt und durch­wir­belt von neu­en alten Gedan­ken, Rei­se­ge­dan­ken, Erin­ne­run­gen an das Gera­­de-noch, Hoff­nun­gen auf das Bald-schon, vol­ler Ach-scha­­de, Und-gleich und Hmm. Ich rie­che die  Ein­sam­keit im Getüm­mel, spü­re, wie jeder sei­nen Pfa­den nach­hängt, sie alle ver­eint in der Schick­sals­ge­mein­schaft der Bahn­fah­rer, aus­ge­lie­fert dem Bahn­gott und sei­nem sar­­kas­­tisch-saty­­­ri­­schen Humor. Ein letz­ter frei­er Sitz­platz, als hät­te er nur auf mich gewar­tet, las­se ich mein Rei­se­ge­päck fal­len als die Türen sich schlie­ßen und die roll­fä­hi­ge Blech­do­se den Bahn­hof ver­lässt. War­um heißt es eigent­lich "Rei­se­ge­päck", ist es doch nur ein bruch­teil aller Uten­si­li­en, die man bei sich führt, die man wirk­lich wäh­rend der Rei­se benö­tigt, wäh­rend es doch mit­un­ter fünf­und­neun­zig Pro­zent des Gepäcks sind, wel­che einem das Rei­sen mit der Bahn - und die unver­meid­li­chen Umstie­ge - zur Qual wer­den las­sen? Wer braucht schon zehn …

in fliedernen wogen

zimt­e­nen eisens im mund erwa­che ich, schre­cke auf von klam­men laken. der nacht­mahr hetzt mei­nen erin­ne­run­gen nach, ver­stüm­melt die alte melo­die zu fet­zen von anfang. ich bli­cke aus hasel­nus­si­gen augen zu dir, melo­die rinnt mei­ne wan­gen hin­ab, du mur­melst drei wör­ter, - der hirsch­ge­krön­te feu­er­vo­gel - mehr braucht es nicht. irgend­wann gehst du, trägst melo­die auf dei­nen wan­gen. in flie­der­nen wogen ver­sinkt mein sturmum­wölk­tes haupt, frau sehn­sucht …

the raven and the swan

im wachs­blu­ten­den glim­men der nie­der­kunft setzt sich der näch­ti­ge rabe auf mei­nen arm. sei­ne geschärf­ten klau­en ent­rei­ßen mich der zeit, win­ter­son­nen­wen­de ist jetzt und über­all, ich opf're mein zimt­e­nes blut, die kral­len umspü­lend rau­ben sie dem hirsch­ge­krön­ten feu­er­vo­gel den halt, er erbleicht und flat­tert empor, zer­fällt zu asche und ersteh­taus ihr, schwimmt strah­lend weiß und majes­tä­tisch hin­fort. ich opf're mein zimt­e­nes blut, ban­ne die kin­der der zeit bis ins nächs­te jahr und sin­ke in des nacht­mahrs kal­ten schlum­mer. so mer­ke ich nicht, wie frau sehn­sucht mir durch's haar streicht und zu ihrer toch­ter betet. von fern schellt der win­ter sein unrhyth­mi­sches lied, nimmt die wachs­über­ström­ten zwei­ge und ent­flieht in die nacht. in gedan­ken an frau*seltsam, vel­jans und josh wood­wards gleich­na­mi­ges lied.

welch trost

ich grü­ße euch, ihr ver­lor­nen see­len, auf zimt­krü­me­li­gen pfa­den schleicht ihr durch mei­nen nebel. vor­bei an frau sehn­suchts glas­wachs­haus, auf des­sen tisch in einer tas­se tee die far­ben tan­zen stol­pert ihr über gedan­ken­wur­zeln in bren­nen­den moor­bo­den gewach­sen. ich grü­ße euch, ihr ver­lor­nen see­len, der eis­wind macht euch frös­teln und ver­treibt doch die fah­len schwa­den nicht. der but­ter­mond schläft bei den ster­nen im blu­ti­gen schnee. ich grü­ße euch, ihr ver­lor­nen see­len, ich bin der novem­ber, ich habe mich gesto­chen an euren sehn­süch­ti­gen dor­nen, ich wer­de blu­ten bis der dezem­ber kommt und dort auf euch war­ten. eine reak­ti­on auf einer nacht gewe­se­nes atmen.