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12 magische Mottos: Licht & Schatten

Palei­ca hat­te es schon ange­kün­digt. Das April-Mot­to der 12 magi­schen Mot­tos ist nur nicht nur ein foto­tech­ni­sches. Auch sym­bo­lisch und meta­pho­risch hat „Licht & Schat­ten“ eini­ges in pet­to. Man könn­te sogar sagen, es ist ein abar­tig hin­ter­grün­dig hin­ter­fot­zi­ges Mot­to, die­ses Licht & Schat­ten. Es hat­te aller­dings den Vor­teil, dass ich recht früh schon wuss­te, was mein Motiv sein wür­de. Der Nach­teil: mir fiel ein­fach zu viel dazu ein, und des­we­gen sit­ze ich noch jetzt, im Mai, an der For­mu­lie­rung mei­ner Gedan­ken.

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Gibt es etwas, das kon­tro­ver­ser dis­ku­tiert wird als Kir­che? Viel­leicht, aber wohl nicht schon so lan­ge und von so vie­len Per­so­nen, denn wir alle kom­men irgend­wann mit ihr in Kon­takt. Von der Geburt bis zum Tod ist außer For­mu­la­ren wohl nur so wenig bestän­dig und kon­stant irgend­wie an unse­rer Sei­te wie die Fra­ge nach dem Glau­ben – egal wel­che Ant­wort wir dar­auf fin­den.

Völ­lig unab­hän­gig von der Gret­chen­fra­ge lässt sich aber fest­hal­ten, dass Kir­che ein gera­de­zu mus­ter­gül­ti­ges Exem­plar für das Spiel von Licht und Schat­ten ist, denn nur, wo Licht ist, kann auch Schat­ten sein, muss auch Schat­ten sein, wenn sich ihm etwas in den Weg stellt. Wo wären wir ohne den Fort­schritt, der durch die Kir­che sei­ne Ver­brei­tung fand? Schrift, Heil­kun­de, Für­sor­ge, Bau­kunst, you name it. Wo könn­ten wir sein, wenn nicht die Kir­che dem Fort­schritt so im Wege gestan­den hät­te? Helio­zen­tri­sches Welt­bild, Inqui­si­ti­on, Juden­ver­fol­gung, Sexu­al­mo­ral, auch die­se Lis­te lie­ße sich belie­big ver­län­gern. Nur auf ein paar kon­kre­te­re Bei­spie­le will ich ein­ge­hen.

Da sind Eras­mus von Rot­ter­dam und Hen­ri­cus Insti­to­ris. Bei­de leb­ten im 15. Jahr­hun­dert. Okay, Eras­mus bekam auch vom 16. Jahr­hun­dert noch eini­ges mit, aber fak­tisch waren sie Zeit­ge­nos­sen. Bei­de waren Theo­lo­gen, bei­de waren Ordens­leu­te, und doch zei­gen sie die Span­ne auf, zwi­schen denen Kir­che sich im 15. Jahr­hun­dert bewe­gen konn­te. Der eine, Eras­mus, war ein gro­ßer Huma­nist, und nutz­te den neu auf­kom­men­den Buch­druck zur Ver­brei­tung sei­nes Wis­sens, der ande­re, Hen­ri­cus, war Inqui­si­tor und wur­den mit dem von ihm ver­fass­ten Hexen­ham­mer zum Weg­be­rei­ter der Hexen­ver­fol­gung.

Schau­en wir uns nur die gro­ßen Kir­chen der Gotik an. Ihr Bau wur­de nur mög­lich durch den Wohl­stand der Klös­ter und Bis­tü­mer und die geis­ti­ge Schaf­fens­kraft ihrer Bau­meis­ter. Auch wenn der Köl­ner Dom – was die bau­tech­ni­sche Aus­füh­rung betrifft – zu nicht gera­de klei­nen Tei­len ein Werk des 19. Jahr­hun­derts ist, so sind sei­ne Plä­ne und ein eben­falls nicht gerin­ger Teil sei­ner Aus­füh­rung ein Werk des 13. Jahr­hun­derts. Den­noch, nein, wahr­schein­lich gera­de des­halb macht er mich jedes Mal aufs Neue stau­nen, wenn ich ihn sehe, mehr als jedes gegen­wär­ti­ge Bau­pro­jek­te am Ran­de des tech­nisch Mach­ba­ren es ver­mag.
Hören wir nur die Musik, wel­chen Weg sie nahm von den ein­stim­mi­gen Cho­rä­le der Gre­go­ria­nik über die ers­ten mehr­stim­mi­gen Gesän­ge, Mes­sen von Orlan­do di Las­so, der gro­ßen Mis­sa Papa Mar­cel­li von Gio­van­ni Pier­lu­i­gi da Pale­stri­na bis hin zu Bachs Pas­sio­nen, Mozarts Requi­em und Beet­ho­vens Mis­sa Solem­nis. Ohne Kir­che wären die­se Anfän­ge nicht mög­lich gewe­sen, aus denen am Ende das erwuchs, was heut­zu­ta­ge eher als Klas­sik bekannt ist – ohne die welt­li­chen Melo­di­en, die in geist­li­che Musik ein­flos­sen, aber irgend­wann auch ihren eige­nen Platz fan­den, aber auch nicht.

Auf der ande­ren Sei­te steht dann aber zum Bei­spiel der Umgang der Kir­che mit Frau­en. Dass Frau­en das Pries­ter­amt antre­ten kön­ne, ist (bis auf weni­ge Aus­nah­men) erst seit dem 20. Jahr­hun­dert mög­lich, wenn auch nicht in der katho­li­schen Kir­che. Auch sonst tau­chen sie in Lei­tungs­po­si­tio­nen kaum auf, und das geleb­te Bild des „Eine Frau ist dem Man­ne unter­tan“ präg­te Gesell­schaf­ten der­ma­ßen, dass zum Bei­spiel erst 1976 Frau­en in Deutsch­land nicht mehr der Zustim­mung ihres Man­nes bedurf­ten, um arbei­ten gehen zu kön­nen. Immer­hin soll jetzt auf Anwei­sung des aktu­el­len Paps­tes geprüft wer­den, ob man nicht doch über Frau­en im Amt des Dia­kons nach­den­ken könn­te.
Dass die Hal­tung der katho­li­schen Kir­che zu Ver­hü­tungs­me­tho­den jen­seits von Auf­pas­sen, Raus­zie­hen und Ver­zich­ten ein wenig restrik­tiv ist, egal wie wenig das gegen die Ver­brei­tung sexu­ell über­trag­ba­rer Krank­hei­ten hilft, ist auch kein gro­ßes Geheim­nis, selbst wenn Ein­zel­per­so­nen da inzwi­schen ande­rer Mei­nung sind als die Füh­rungs­ebe­ne. Dass die evan­ge­li­schen Kir­chen da in wei­ten Tei­len libe­ra­ler sind, ist auch nicht unbe­kannt, und dass das Ver­hält­nis der Kir­chen zu Abtrei­bun­gen bes­ten­falls als restrik­tiv zu betrach­ten ist, auch.
Auch die Bezie­hung der Kir­chen zu ihren Ange­stell­ten ist durch­aus dis­kus­si­ons­wür­dig (ich wer­fe da nur die Begrif­fe „Streik­recht“, „AGG“ und „Bezah­lung“ in die Run­de, dazu gibt es reich­lich kon­tro­ver­se Lite­ra­tur) – und woher und wofür die Kir­che Geld bekommt, soll­te zumin­dest mal trans­pa­rent gemacht wer­den.

Ja, es gibt die Kir­chen­steu­er, aber nein, dar­aus wer­den in der Regel nicht kon­fes­sio­nel­le Kin­der­gär­ten bezahlt. Ja, das ist muss dis­ku­tiert wer­den, aber nein, nicht weil die Kir­che dafür Geld vom Staat bekommt, son­dern weil der Staat an die­ser Stel­le sei­ne Auf­ga­ben man­gels dem Wil­len, mehr Geld in die Hand zu neh­men, an kirch­li­che Trä­ger abgibt, womit er Men­schen die Chan­ce nimmt, ein Leben unab­hän­gi­ger von Glau­bens­ge­mein­schaf­ten zu leben.
Ver­steht mich nicht falsch. Wenn Men­schen wol­len, dass ihr per­sön­li­cher Glau­be eine Rol­le in ihrem Leben spielt, dann will ich ihnen das nicht neh­men – solan­ge sie damit nicht ande­rer Leu­te Frei­heit beschrän­ken. So wie Eltern kon­fes­si­ons­ge­bun­de­ne Schu­len für ihre Kin­der wäh­len kön­nen, soll die­se Ent­schei­dung für Reli­gi­on auch in ande­ren Berei­chen mög­lich sein, aber wenn es kei­ne Alter­na­ti­ven zu kon­fes­sio­nel­len Kitas gibt, weil kirch­li­che Trä­ger den Staat güns­ti­ger kom­men (Hal­lo, Arbeits­recht) und Men­schen nicht die „Pil­le Danach“ bekom­men kön­nen, weil es kei­ne erreich­ba­ren Kli­ni­ken gibt, die die­se ver­schrei­ben, dann ent­spricht das nicht mei­nen Erwar­tun­gen an einen auf­ge­klär­ten, huma­nis­ti­schen Staat.

Kaum zu glau­ben, dass ich mal so eine enge Bin­dung zu dem Ver­ein hat­te. Einst war die katho­li­sche Kir­che für mich Teil von Hei­mat. Ja, noch immer tut sie auch Gutes, aber …
… aber das „aber“ wiegt sehr schwer.

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