Gestaltung
Schreibe einen Kommentar

12 magische Mottos: Licht & Schatten

img_4700

Paleica hatte es schon angekündigt. Das April-Motto der 12 magischen Mottos ist nur nicht nur ein fototechnisches. Auch symbolisch und metaphorisch hat „Licht & Schatten“ einiges in petto. Man könnte sogar sagen, es ist ein abartig hintergründig hinterfotziges Motto, dieses Licht & Schatten. Es hatte allerdings den Vorteil, dass ich recht früh schon wusste, was mein Motiv sein würde. Der Nachteil: mir fiel einfach zu viel dazu ein, und deswegen sitze ich noch jetzt, im Mai, an der Formulierung meiner Gedanken.

_DSC0020

Gibt es etwas, das kontroverser diskutiert wird als Kirche? Vielleicht, aber wohl nicht schon so lange und von so vielen Personen, denn wir alle kommen irgendwann mit ihr in Kontakt. Von der Geburt bis zum Tod ist außer Formularen wohl nur so wenig beständig und konstant irgendwie an unserer Seite wie die Frage nach dem Glauben – egal welche Antwort wir darauf finden.

Völlig unabhängig von der Gretchenfrage lässt sich aber festhalten, dass Kirche ein geradezu mustergültiges Exemplar für das Spiel von Licht und Schatten ist, denn nur, wo Licht ist, kann auch Schatten sein, muss auch Schatten sein, wenn sich ihm etwas in den Weg stellt. Wo wären wir ohne den Fortschritt, der durch die Kirche seine Verbreitung fand? Schrift, Heilkunde, Fürsorge, Baukunst, you name it. Wo könnten wir sein, wenn nicht die Kirche dem Fortschritt so im Wege gestanden hätte? Heliozentrisches Weltbild, Inquisition, Judenverfolgung, Sexualmoral, auch diese Liste ließe sich beliebig verlängern. Nur auf ein paar konkretere Beispiele will ich eingehen.

Da sind Erasmus von Rotterdam und Henricus Institoris. Beide lebten im 15. Jahrhundert. Okay, Erasmus bekam auch vom 16. Jahrhundert noch einiges mit, aber faktisch waren sie Zeitgenossen. Beide waren Theologen, beide waren Ordensleute, und doch zeigen sie die Spanne auf, zwischen denen Kirche sich im 15. Jahrhundert bewegen konnte. Der eine, Erasmus, war ein großer Humanist, und nutzte den neu aufkommenden Buchdruck zur Verbreitung seines Wissens, der andere, Henricus, war Inquisitor und wurden mit dem von ihm verfassten Hexenhammer zum Wegbereiter der Hexenverfolgung.

Schauen wir uns nur die großen Kirchen der Gotik an. Ihr Bau wurde nur möglich durch den Wohlstand der Klöster und Bistümer und die geistige Schaffenskraft ihrer Baumeister. Auch wenn der Kölner Dom – was die bautechnische Ausführung betrifft – zu nicht gerade kleinen Teilen ein Werk des 19. Jahrhunderts ist, so sind seine Pläne und ein ebenfalls nicht geringer Teil seiner Ausführung ein Werk des 13. Jahrhunderts. Dennoch, nein, wahrscheinlich gerade deshalb macht er mich jedes Mal aufs Neue staunen, wenn ich ihn sehe, mehr als jedes gegenwärtige Bauprojekte am Rande des technisch Machbaren es vermag.
Hören wir nur die Musik, welchen Weg sie nahm von den einstimmigen Choräle der Gregorianik über die ersten mehrstimmigen Gesänge, Messen von Orlando di Lasso, der großen Missa Papa Marcelli von Giovanni Pierluigi da Palestrina bis hin zu Bachs Passionen, Mozarts Requiem und Beethovens Missa Solemnis. Ohne Kirche wären diese Anfänge nicht möglich gewesen, aus denen am Ende das erwuchs, was heutzutage eher als Klassik bekannt ist – ohne die weltlichen Melodien, die in geistliche Musik einflossen, aber irgendwann auch ihren eigenen Platz fanden, aber auch nicht.

Auf der anderen Seite steht dann aber zum Beispiel der Umgang der Kirche mit Frauen. Dass Frauen das Priesteramt antreten könne, ist (bis auf wenige Ausnahmen) erst seit dem 20. Jahrhundert möglich, wenn auch nicht in der katholischen Kirche. Auch sonst tauchen sie in Leitungspositionen kaum auf, und das gelebte Bild des „Eine Frau ist dem Manne untertan“ prägte Gesellschaften dermaßen, dass zum Beispiel erst 1976 Frauen in Deutschland nicht mehr der Zustimmung ihres Mannes bedurften, um arbeiten gehen zu können. Immerhin soll jetzt auf Anweisung des aktuellen Papstes geprüft werden, ob man nicht doch über Frauen im Amt des Diakons nachdenken könnte.
Dass die Haltung der katholischen Kirche zu Verhütungsmethoden jenseits von Aufpassen, Rausziehen und Verzichten ein wenig restriktiv ist, egal wie wenig das gegen die Verbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten hilft, ist auch kein großes Geheimnis, selbst wenn Einzelpersonen da inzwischen anderer Meinung sind als die Führungsebene. Dass die evangelischen Kirchen da in weiten Teilen liberaler sind, ist auch nicht unbekannt, und dass das Verhältnis der Kirchen zu Abtreibungen bestenfalls als restriktiv zu betrachten ist, auch.
Auch die Beziehung der Kirchen zu ihren Angestellten ist durchaus diskussionswürdig (ich werfe da nur die Begriffe „Streikrecht“, „AGG“ und „Bezahlung“ in die Runde, dazu gibt es reichlich kontroverse Literatur) – und woher und wofür die Kirche Geld bekommt, sollte zumindest mal transparent gemacht werden.

Ja, es gibt die Kirchensteuer, aber nein, daraus werden in der Regel nicht konfessionelle Kindergärten bezahlt. Ja, das ist muss diskutiert werden, aber nein, nicht weil die Kirche dafür Geld vom Staat bekommt, sondern weil der Staat an dieser Stelle seine Aufgaben mangels dem Willen, mehr Geld in die Hand zu nehmen, an kirchliche Träger abgibt, womit er Menschen die Chance nimmt, ein Leben unabhängiger von Glaubensgemeinschaften zu leben.
Versteht mich nicht falsch. Wenn Menschen wollen, dass ihr persönlicher Glaube eine Rolle in ihrem Leben spielt, dann will ich ihnen das nicht nehmen – solange sie damit nicht anderer Leute Freiheit beschränken. So wie Eltern konfessionsgebundene Schulen für ihre Kinder wählen können, soll diese Entscheidung für Religion auch in anderen Bereichen möglich sein, aber wenn es keine Alternativen zu konfessionellen Kitas gibt, weil kirchliche Träger den Staat günstiger kommen (Hallo, Arbeitsrecht) und Menschen nicht die „Pille Danach“ bekommen können, weil es keine erreichbaren Kliniken gibt, die diese verschreiben, dann entspricht das nicht meinen Erwartungen an einen aufgeklärten, humanistischen Staat.

Kaum zu glauben, dass ich mal so eine enge Bindung zu dem Verein hatte. Einst war die katholische Kirche für mich Teil von Heimat. Ja, noch immer tut sie auch Gutes, aber …
… aber das „aber“ wiegt sehr schwer.

Teilt meinen Text
Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on TumblrEmail this to someone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *