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Atemlos oder Wie ich ein Buch in nur acht Wochen produzierte

Cover des Weißbuch Lunge 2014

Wenn mich jemand fragt, was ich im Februar und März 2014 alles gemacht habe, dann reichen drei Wörter völlig aus: arbeiten, essen, schlafen. Das ist beileibe nicht gesund und es ist auch nichts, woran man sich gewöhnen sollte, auch wenn ich das nur zu gut konnte – aber es ist doch eine recht treffende Beschreibung für meinen Alltag von Ende Januar bis Ende März. Der Grund dafür hat ebenfalls drei Wörter, auch wenn eines davon ein Zahlwort ist: Weißbuch Lunge 2014. (Ist es nicht seltsam, dass ein Großteil der einschneidendsten Erlebnisse sich mit Drei-Wort-Sätzen erklären lassen?)

Der Grund dafür, warum ich vor zwei Jahren um diese Zeit herum eigentlich ziemlich asozial im wahrsten Wortsinn war, war ein Kraftakt sondergleichen, und er hat mir gezeigt, wo meine Grenzen und die meiner Umwelt liegen. Das klingt jetzt alles recht furchtbar, aber so isoliert betrachtet, wie es nur jemandem möglich ist, der völlig vertieft in etwas ist, war es auch ziemlich großartig. Nein, streicht das „ziemlich“. Es war großartig, trotz allem, denn ich wurde Vater.

Die Vorgeschichte

Hätte jemand im Dezember wissen wollen, was ich im Februar machen würde, dann hätte ich ohne zu zögern „Lernen.“ erwidert, denn meine Uni war der Auffassung, dass ich mein erworbenes Wissen auch würde überprüfen sollen. Allerdings kam Ende Januar die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin auf meinen Arbeitgeber, die druckfrisch medienzentrum ruhr gmbh, zu und fragte uns an, ob wir nicht mal eben 5.000 Bücher produzieren könnten, sie müssten Ende März schon fertig sein. Erscheinen sollte es letztlich im FRISCHTEXTE Verlag, der unter dem gleichen Dach wie das medienzentrum ruhr residiert. Ja klar, dachte ich mir, das geht fix. Fünftausend Bücher lassen sich bequem in zwei Wochen drucken und binden. Der angedachte Plan war aber ein anderer.
Wir sollten bitte ein Designkonzept für das Buch entwickeln und dann die schon verfassten Texte – insgesamt etwa 200 Seiten in Word – mit rund 60 Abbildungen und einem guten Dutzend Tabellen in dieses Layout setzen und lektorieren. Halten wir also fest: Ein Buch wollte entwickelt, gesetzt, lektoriert und korrigiert werden, Diagramme sollten entworfen und in den Text integriert werden – und gedruckt und gebunden werden sollte das Buch auch noch. Das alles in nur acht Wochen? Dieses Projekt „ambitioniert“ zu nennen war Ausdruck puren Understatements.

Das Design

Was, bitteschön, ist ein Weißbuch? Natürlich hatte ich schon vom „Weißbuch zur Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der Bundeswehr“, mit dem bekanntesten Vertreter seiner Gattung gehört und somit eine ungefähre Vorstellung, was mich bei einem Weißbuch Lunge erwarten würde: Es ging um den Forschungsstand zu Lungenkrankheiten. Aber welches Design passt dazu am besten?

Farbenspiele

Weiß? Muss ein Weißbuch zwingend weiß sein? Ginge man nach den klassischen Vertretern: ja. Andererseits hatten wir als Inspiration den Vorgänger von 2005 zur Hand, der kam vom Thieme Verlag und lag in einer ziemlich blauen Fassung im Corporate Design des Verlags vor. Ein Weißbuch muss also nicht weiß sein. Gut. Andererseits betrifft das ja in erster Linie das Cover – und das stand in dem Fall zuletzt fest. Auch wenn es oft das Cover ist, welches über Kauf oder Nichtkauf entscheidet, so war das in diesem Fall nicht ganz so entscheidend. Weißbücher werden primär wegen ihrer Inhalte erworben.
Blau? Prinzipiell ist nichts gegen Blau einzuwenden, verbindet man damit doch gemeinhin unter anderem den Himmel, also Luft. Jedoch bewegte sich schon das Weißbuch Lunge 2005 des Thieme Verlages genau in dem Farbspektrum – und dass wir nur abkupfern, wollten wir uns nicht vorwerfen lassen, von den rechtlichen Implikationen mal ganz abgesehen. Nichtsdestotrotz konnten wir die Bedeutung der Farbe blau nicht ignorieren. Da Blau aber eine tendenziell eher kalte Farbe ist, wollten wir einen Kontrapunkt setzen und eine warme Farbe auswählen. Was passte da besser zu Blau als Orange? Orange ist warm, und zugleich die Kontrastfarbe zu Blau. Blau und Orange sollten also wunderbar harmonieren und gleichzeitig nicht zu dröge wirken. So wurde Orange die Hauptfarbe des Weißbuchs Lunge 2014, Farbe aller Überschriften und der mehrheitlich vorhandenen Tortendiagramme. Lediglich der Umschlag ist blaudominiert. Für die Balkendiagramme entschieden wir uns wegen der klareren Gliederung – und um ein wenig mehr Spannung ein ein tendenziell eher fades Wissenschafts-Design zu bringen – für das Blau-Spektrum.

Anders als der Thieme Verlag entschieden wir (soll in diesem Fall heißen: ich, denn was das Design anbetrifft, war ich federführend) uns hier gegen Pastelltöne und für klare, kräftige Farben in Abbildungen ohne Rahmen oder sonstige Spielereien. Es war sozusagen eine Übertragung von Flat Design auf das Papier: klare Formen, differenzierbare Farbe, Fokus auf den Inhalt, also auf die Schrift – keine Ablenkungen!

Schriftwahl

Ein Buch muss gut lesbar sein. Auch wenn wir Menschen uns an vieles gewöhnen und auch an schlechtem Textsatz nicht scheitern, sondern höchstens das Gefühl haben, dass da etwas nicht stimmt, war unser Anspruch ein anderer. Text auf Papier kloppen kann jeder Mensch mit Word und einem handelsüblichen Drucker. Schön und gut lesbar ist das bei weitem nicht, aber lesbar ist es.
Gerade bei anspruchsvollen Texten wie bei einem Weißbuch ist das Textverständnis aber das oberste Ziel, also sollten Gestaltung und Schriftwahl dem Ziel Rechnung tragen und es unterstützen. Gleichzeitig wollten wir aber kein zu nüchternes, kaltes Design. Wir wollten keine Fortführung der Farbe Blau mit anderen Mitteln. Unser Ziel war ein freundliches, aber neutrales Design, das den Text, obgleich er es ist, nicht wie eine Bleiwüste aussehen ließ. Mit der Alegreya Sans (hier mein Schriftporträt) gelang uns das in meinen Augen ziemlich gut.

Jetzt werden die etwas Kundigeren unter euch bemerken, dass die Alegreya Sans, wie der Name es schon impliziert, eine serifenlose Schrift ist.
Werden nicht Büchern in Serifenschriften gesetzt? Jein. Die klare Trennung zwischen Serifen fürs Papier und serifenlosen Schriften für den Bildschirm ist in Auflösung begriffen. Bildschirme bekommen immer höhere Auflösungen, die zumindest bei Smartphones schon nah an passabler Druckqualität sind. Warum sollten wir also dort auf Serifenschriften verzichten?
Aber sind nicht Serifenschriften besser lesbar? Jein. Die Leserlichkeit ist zwar einerseits sehr stark von der Gewohnheit abhängig, andererseits auch an objektiven Kriterien festzumachen. Wer immer gleiche Formen sieht, wird sie schneller erkennen als andere, also sind Bücher in Times oder Garamond kein Problem. Wer aber zum Beispiel Texte schnell erfassen muss (zum Bespiel im Straßenverkehr), hat Vorteile, wenn sich die Formen der Schriftzeichen deutlich voneinander unterscheiden und dadurch auf Anhieb als unterschiedlich auszumachen sind. Die Forschung zur Leserlichkeit ist bisher aber noch unzureichend, weil es wenig belastbares Material gibt. Anders ist nicht zu erklären, wie in manchen Quellen Comic Sans und Arial als am besten lesbar bewertet werden können, denn sie haben beide erhebliche typografische Mängel. Berichte, die sagen, diese oder jene Schrift sei besonders toll lesbar oder würde im Vergleich Unsummen an Geld einsparen, sind also zunächst prinzipiell mit Vorsicht zu genießen.

Insofern bleibt die Alegreya Sans eine sehr gute Wahl. Ihre serifenbehaftete Schwester Alegreya war für den Einsatzzweck einfach eine schlechtere Wahl, schon weil sie im Mengensatz zu dunkel wirkt und ihre Buchstabenformen nicht mehr schlicht genug sind. Nicht zuletzt nahm die Alegreya einfach viel mehr Platz weg – und das ist ein nicht zu verachtendes Argument, wenn die Kosten auch eine Rolle spielen.

Die Umsetzung

Auch wenn das Design steht, wird daraus nicht von allein ein fertiges Buch. Irgendjemand muss den Text setzen. Irgendjemand muss die Abbildungen dem Design angleichen. Irgendjemand muss Tabellen aus Word für das Design und Format aufbereiten. Irgendjemand muss den Text lektorieren – und irgendjemand muss ihn auch korrigieren. Kurzum: Es saßen mehr als nur drei Leute (mein Chef, unsere Auszubildende und ich) an diesem Buch, weil bei uns im Betrieb wegen eines Buches nicht die ganze Produktion stillstehen konnte. Es gab ja noch andere Aufträge.
Ohne Frau Merkel (Ellen, nicht Angela) hätten wir nie einen lektorierten Text erhalten. Ohne Oliver Kapp wären die Tabellen nie so schnell fertig geworden. Ohne Conny Lengert-Scholz (die in meinen jungen Jahren noch die Freundin meines gut zehn Jahre älteren Cousins war, woher ich sie schon kannte) hätten wir die Korrekturen nicht mehr rechtzeitig umgesetzt bekommen. Dafür vielen Dank.

Das Ergebnis

Trotz, nein, mit dem eingeplanten Zeitpuffer war es eine Punktlandung. Am 25. März sollten 100 Exemplare des Weißbuch Lunge 2014 beim Bundeskongress der Pneumologen in Bremen eintreffen. Am 25. März trafen 100 Exemplare des Weißbuchs Lunge 2014 beim Bundeskongress der Pneumologen in Bremen ein. Am 26. März wurde das Weißbuch Lunge 2014 auf einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Kind war da.

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