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Freefont des Monats: Cormorant

Es ist schon ein paar Tage her, dass ich zuletzt einen Free­font des Monats prä­sen­tie­ren konn­te. Das lag nicht nur dar­an, dass es in der letz­ten Zeit rela­tiv weni­ge neue Schrif­ten gab, die mei­ne doch recht strik­ten Vor­ga­ben (min­des­tens vier Schrift­schnit­te, für den Men­gen­satz geeig­net) erfüll­ten, son­dern auch dar­an, dass ich durch­aus eini­ges um die Ohren hat­te. Jetzt aber bin ich zurück und mit mir ein Free­font, der es in sich hat.
Zum einen hat es mit der 2015 von Chris­ti­an Thal­mann ver­öf­fent­lich­ten Cormo­rant end­lich mal wie­der eine Seri­fen­schrift zum Free­font des Monats geschafft und zum ande­ren ist die so umfang­reich aus­ge­baut, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfan­gen soll.

Einordnung/Charakteristik

Die Cormo­rant ist – wie die meis­ten Gara­mond-Inter­pre­ta­tio­nen – eine dyna­mi­sche Seri­fen­schrift mit einem aus­ge­präg­ten Strich­stär­ken­kon­trast und brei­ten Seri­fen, wobei sie dabei eher in die fili­gra­ne­re Rich­tung aus­schlägt. All­zu offe­ne For­men darf man bei ihr nicht erwar­ten, selbst für Gara­mond-Ver­hält­nis­se nicht, aber dafür sind sie sehr geschlif­fen. Was man bei den Bil­der hier aber berück­sich­ti­gen soll­te: Sie stam­men vom bei der Cormo­rant ver­füg­ba­ren Dis­play-Schnitt, der bei gro­ßen Schrift­grö­ßen am bes­ten passt. Es gibt aber mit der Cormo­rant Gara­mond einen sepa­ra­ten Schrift­schnitt, der für klei­ne­re Schrift­grö­ßen in Fließ­tex­ten opti­miert ist. Ohne­hin ist die Sache mit den Schrift­schnit­ten auf den ers­ten Blick nicht ganz unkom­pli­ziert, aber dazu spä­ter mehr.

06_Cormorant-Eigenschaften

Was defi­ni­tiv auf­fällt: Die Cormo­rant ver­wehrt sich dem Trend zur Opti­mie­rung der Les­bar­keit. Wo neue­re Schrif­ten die Mit­tel­län­gen im Ver­hält­nis zu Ober- und Unter­län­ge deut­lich ver­grö­ßern und ein­zel­ne Zei­chen ten­den­zi­ell etwas brei­ter wer­den und offe­ne­re For­men erhal­ten, bleibt die Cormo­rant nah an den ursprüng­li­chen Stem­peln von Clau­de Gara­mond und Jean Jan­non, hat aber einen doch ganz eige­nen Cha­rak­ter. Sie nutzt die Mit­tel ihrer Zeit und ver­mei­det dadurch einen hand­werk­li­chen Cha­rak­ter, der bei „ech­ten“ Stem­peln und Matri­zen nicht zu ver­mei­den war, den ande­re Inter­pre­ta­tio­nen wie zum Bei­spiel die Stem­pel Gara­mond oder die Ado­be Gara­mond – ers­te­re etwas kan­ti­ger, letz­te­re etwas wei­cher – bei­be­hal­ten haben.

Die kur­si­ven Schnit­te haben eine deut­li­che Schreib­schrift­prä­gung mit eini­gen von der Auf­rech­ten abwei­chen­den, geschwun­ge­ne­ren For­men. Sehr gelun­gen fin­de ich da vor allem das „w“ mit einer eige­nen Pun­ze, das so – wenn man die Hand­schrift zu Rate zieht – ohne einen har­ten Rich­tungs­wech­sel mit einem Halt der Schreib­be­we­gung aus­kä­me, führ­te nicht ein waa­ge­rech­ter Strich zur für das „w“ wesent­li­chen Form.

Zie­he ich die wei­te­ren ver­füg­ba­ren Schrift­schnit­te her­an, habe ich eine breit gefä­cher­te Aus­wahl an Fet­ten, die jeweils in einer Auf­rech­ten und einer Kur­si­ven daher kommt. Sowohl auf­recht als auch kur­siv bleibt die Cormo­rant klas­sisch und ver­traut, schlicht, aber ele­gant.

Umfang/Ausbau

Es lässt sich nicht so ein­fach sagen, wie­vie­le Schnit­te die Cormo­rant nun hat. Ganz grob lässt sich aber sagen: Es gibt die Cormo­rant mit 13 und die Cormo­rant Gara­mond mit neun Schnit­ten. Bei­de Sti­le rei­chen von Light bis Bold und haben – außer bei der Semi­bold, war­um auch immer – ergän­zen­de Kur­si­ve. Die Cormo­rant ist dabei der Dis­play-Font, die Cormo­rant Gara­mond für den Fließ­text. Dazu gibt es die Cormo­rant SC, wel­che die Cormo­rant um ech­te Kapi­täl­chen ergänzt. Die­se reicht in sie­ben Schnit­ten von Light bis Bold, hat aber gar kei­ne kur­si­ven Schnit­te.

06_Cormorant-Besonderheiten

Genau­so ver­hält es sich dann auch mit der der Cormo­rant Upright, in der die kur­si­ven For­men auf­recht ste­hen. Das klingt zunächst unge­wohnt und sieht auch so aus, bie­tet aber ein span­nen­des Ergeb­nis. Eben­falls sie­ben Schnit­te hat die Cormo­rant Uni­ca­se, die genau­ge­nom­men eine Cormo­rant SC ist, aber mun­ter Ver­sa­li­en mit den auf­re­gends­ten Klein­buch­sta­ben mischt und sie auf eine Höhe bringt.

Last, but not least, gibt es dann noch die Cormo­rant Infant, die letzt­lich nur eine sti­lis­ti­sche Alter­na­ti­ve zur Cormo­rant dar­stellt, bei der unter ande­rem „a“, „g“ und „y“ ande­re, näher an die Schreib­schrift gerück­te For­men haben.

06_Cormorant-Schnitte1

Der Zei­chen­um­fang deckt dabei wahr­schein­lich wirk­lich alle Bedürf­nis­se ab, die man im latei­ni­schen Schrift­sys­tem haben kann. Die auf­rech­ten Schnit­te von Cormo­rant, Cormo­rant Gara­mond und Cormo­rant Infant haben durch­ge­hend rund 2.300 Gly­phen, die kur­si­ven gut 1.400, die Cormo­rant SC und die Cormo­rant Uni­ca­se pen­deln bei­de rund um 1.900 Gly­phen und selbst mit nur noch 1.201 Zei­chen ist die Cormo­rant Upright mehr als umfas­send aus­ge­rüs­tet. Bei letz­te­rer fehlt aber das kyril­li­sche Alpha­bet.
Was die­ser Zei­chen­um­fang kon­kret bedeu­tet? Es gibt Unmen­gen an Liga­tu­ren – man den­ke nur an eine ij- oder eine tz-Liga­tur –, es gibt ein Ver­sa­les­zett, es gibt ein Lang-s, es gibt ein Q mit lan­ger Cau­da, es gibt einen fun­dier­ten mathe­ma­ti­schen Zei­chen­satz mit Zäh­lern und Nen­nern, es gibt ein Aldus­blatt – und einen Kor­mo­ran. Weil geil ist das denn? Schul­li­ung.

Über eine Sache bin ich dann aber doch gestol­pert: In bei­den Kapi­täl­chen-Schnit­ten (SC und Uni­ca­se) sind haben die meis­ten Schnit­te ein „U“ mit zusätz­li­chem Stamm, die fet­ten aber nicht.

Praxistest/Fazit

Eine Gara­mond-Inter­pre­ta­ti­on lässt sich eigent­lich fast über­all ein­set­zen. Anders als eine Hel­ve­ti­ca ist die Cormo­rant aber nie neu­tral. Somit hat sich es etwas schwer bei nüch­tern oder tech­nisch anmu­ten­den Pro­duk­ten. Als Arbeits­tier macht sie aber in lan­gen Tex­ten eine gute Figur und ver­leiht auch der größ­ten Blei­wüs­te eine unauf­fäl­li­ge Ele­ganz. Sie sieht ein­fach teu­er, aber dabei zurück­hal­tend aus – und für Gestal­tun­gen, die genau das aus­strah­len möch­ten, ist sie eine ziem­lich gute Wahl. Sie hat es nicht nötig her­aus­zu­ra­gen, aber wenn sie es will, kann sie es. Doch Obacht: Sie braucht viel Platz.

Rechtliches

Die Cormo­rant steht unter der Open Font Licen­se. Sie gilt somit als ech­te Open-Source-Schrift, deren Daten­be­stand auch modi­fi­ziert wer­den darf. Ein Recht zum Ver­kauf der Schrift­da­ten ergibt sich dar­aus aber nicht.

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