Gestaltung
Schreibe einen Kommentar

12 magische Mottos: Formen & Figuren

img_4700

Es ist so unfair. Da muss erst der März kommen, damit ich ein Motiv finde, bei dem ich sofort denke, dass es perfekt zu „Strukturen & Rhythmen“ gepasst hätte – aber so ist das wohl; zu oft findet sich im Nachhinein noch etwas, was man vielleicht geändert oder besser gemacht hätte, für das es aber nun zu spät ist. Vielleicht ist auch das eine (mir im Prinzip nicht neue) Erkenntnis der 12 magischen Mottos: Dass Dinge gut sind, wie sie sind und dass irgendwann einfach gut ist, weil Dinge auch mal fertig sein wollen. Aber wie komme ich nach diesen Überlegungen jetzt zum März-Motto „Formen & Figuren“? Gar nicht, denn ich brauchte ein neues Motiv.

12mm03

Erst vor ein paar Wochen lief eine ziemlich bescheidene Dokumentation über den Einfluss der Römer auf die Siedlungsgeschichte am Rhein, in der ein Satz fiel, der aber vielleicht ziemlich gut auf all meine Motto-Umsetzungen passen kann. „Ubi bene, ibi patria.“ Im Kontext dieser Doku wurde es frei übersetzt mit den Worten „Wo es schön ist, da bin ich zuhause.“ und es bezog sich auf die romanisierten Germanen, die ins Römische Reich integriert wurden, indem man ihnen die Verwaltung der Städte, in denen sie nun lebten, übertrug.

Aber ist es so? Reicht es, dass es schön ist, um sich zuhause zu fühlen? Und was ist überhaupt schön? Geht es um landschaftliche Schönheit, nette Häuser, oder kommt es mehr auf die Menschen an? Was ist meine „patria“, meine „Heimat“ in diesem Zusammenhang – der Ort, an den ich mich gebunden fühlen, auf den ich mich freue zurückzukehren, dessen Erhalt ich schützen wollen würde (und wenn ja, vor wem und wovor)? Heimat ist schwierig.

Heimat ist schwierig, selbst (oder vielleicht vor allem) für jemanden wie mich, der von sich sagt, er sei nicht an Orte gebunden (und doch gerne in Wuppertal lebt). Bisher habe ich noch überall, wo ich gelebt habe, Gründe zu bleiben gefunden – aber dennoch könnte ich eine Reihenfolge aufstellen und auch begründen. Wenn ich mir diese Gründe anschaue, dann sind es sehr verschiedene Faktoren: mal zählen die Menschen, mal die kulturelle Vielfalt, mal die Landschaft und die Häuser, mal die Vielzahl der Erinnerungen … und erst die Kombination ermöglicht eine Sortierung, die aber je nach Stimmung unterschiedlich gewichtet zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt.

Wie aber passt nun meine Bildauswahl in diese Überlegungen? Was verbindet die Pietà von Fritz Melis, die vor dem Rathaus von Waiblingen steht, mit Heimat? … Meine Erinnerungen an Baden-Württemberg sind ambivalent. Da ist ein Sommerurlaub in früher Kindheit, in dem es Tomaten und einen Ausflug nach Colmar gab, … da ist eine IchZeit in Breisach, die mich stets daran erinnert, wie exakt Mülltonnen an Straßenkanten stehen können und wie unangenehm steril Siedlungen im Stil der 60er-Jahre sein können, … da ist ein Wochenende vor Weihnachten in Heidelberg, schön studentisch, aber mit beschissenen Radwegen, … da ist ein legendärer Arbeitseinsatz bei Audi in Neckarsulm, … da ist eine desillusionierende Radtour von Stuttgart nach Ludwigsburg voller furchbarer Wahlplakate, Baustellen und liebloser Nachkriegsbesiedlung – aber auch ein Ausflug in die Fachwerkaltstadt Waiblingens, in deren Zentrum ein Rathaus aus Glas und Beton steht … und vor ihm sitzt die Pietà, während hinter ihr in die Wand folgende Worte gemeißelt wurden: „Die Opfer der Kriege mahnen / trachtet nach dem Frieden / Krieg und Gewalt zerstören das Leben“.

Was also ist Heimat – das, wofür wir den Frieden bewahren möchten? Oder doch das, was uns wichtiger ist als jeder Frieden? Ist Heimat nicht vielleicht auch das Gefühl des Verlusts der Unschuld, das in uns entsteht, wenn wir vergessen, dass früher eben nicht alles besser war, sondern nur die Komplexität des Lebens geringer, weil wir weniger erfuhren von dem, was außerhalb unserer lokalen Filterblase geschah?
Was auch immer Heimat ist: Wäre sie ein schöner Ort, ich würde sie mit so vielen Menschen wie möglich teilen wollen. Orte, an denen ich nicht sein möchte, gibt es schon genug.

Teilt meinen Text
Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on TumblrEmail this to someone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *