Gedöns, Gesellschaft
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#RefugeesWelcome

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Bürgerkrieg in Syrien, Ausgrenzung auf dem Balkan, Verfolgung in Afghanistan … bislang schien mir (und wohl vielen) das so verdammt weit weg. Ja, ich sah die Bilder von fliehenden Menschen, von zerstörten Städten, von überfüllten Flüchtlingslagern im Libanon, in Griechenland, Italien, von gekenterten Booten vor Lampedusa. Ja, ich habe dem bayrischen CSU-Innenminister Joachim Herrmann widersprochen, als er die Flüchtlinge für eine Zumutung hielt. Ja, ich war auf Twitter und Facebook und auch sonst nicht ganz still, wenn es um Flüchtlinge und das Asylrecht ging, aber trotz aller humanistischen und argumentativen Richtigkeit berührte die Problematik mich zwar, aber sie ging mir nicht nah. Nicht nah genug. Bis vorhin.

Ich war auf dem Heimweg von der Arbeit, steig mit meinem Rad in Dortmund aus dem Zug, hievte es die Treppen herunter und einen Bahnsteig weiter wieder hinauf, setzte mich auf die Bank und wartete. Mein Zug nach Wuppertal sollte etwa eine halbe Stunde später, um kurz nach acht, fahren. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir ins Gespräch kamen. Sein Name war, ach, sein Name ist eigentlich egal, denn er steht für viele, die derzeit in Deutschland und anderswo ankommen, in der Hoffnung ihre Flucht finde endlich ein Ende. Ich weiß ihn nicht einmal. Er war einen Kopf kleiner als ich, schien mir auch ein wenig jünger, und hatte nichts als einen Rucksack und eine Decke dabei. Er sprach kein Deutsch und Englisch, Persisch konnten wir beide nicht, vermutlich sprach er Paschtunisch, aber am Telefon hatte er Bekannte (Freunde, Verwandte, wen auch immer, sie waren hilfsbereit), die zwischen uns übersetzen konnten. Er wollte nach München, unbedingt nach München. Warum? Es war nicht wichtig, mir jedenfalls nicht. Hätte er nach Berlin gewollt, so what? Als ob es für mich einen Unterschied bedeutet hätte.
Er hatte ein Bahnticket von Chemnitz nach München dabei, und den Stempeln nach zu urteilen war er im Zug von Chemnitz nach Leipzig auch kontrolliert worden, doch das Umsteigen in einem der größten Bahnhöfe Deutschlands hatte nicht so ganz geklappt. Wie er von dort ins Ruhrgebiet kam, wird wohl immer ein Geheimnis zwischen ihm und der Bahn bleiben.

Wie auch immer. Gemeinsam fanden wir die letzte umsteigefreie Verbindung nach München, einen ICE, der nur wenig später abfahren sollte, um morgen früh um kurz nach sechs in München anzukommen. Ich ging mit ihm zum Bahnsteig, spendete seinem Telefon ein wenig Strom und wartete mit ihm auf den Zug, der um kurz vor neun pünktlich in den Bahnhof einfuhr. Ich suchte ihm noch einen nicht reservierten Platz und versuchte ihm anhand des Reiseplans zumindest ganz grob die Reise zu erklären, dass München die Endstation ist. Eine kurze Umarmung, ein schneller, wortloser Abschied, dann war ich weg und sein Zug fuhr ab.

Irgendwo zwischen Frankfurt und Heidelberg sitzt er jetzt hoffentlich im Zug und kann ein wenig schlafen und sich von den Strapazen der Reise erholen. Viel mehr als ein wenig Durchblick bei der Bahn und etwas Strom für sein Telefon konnte ich ihm nicht mit auf den Weg geben. Ich hoffe, er kommt wohlbehalten dort an, wohin er wollte.

Willkommen in Deutschland, Unbekannter. Möge es dir eine gute Zukunft geben.

Foto: blu-news.org – CC-BY-SA – flickr.com

Auch wenn es thematisch erst einmal nicht ganz nahe liegt: Am Dienstagabend lief im Bayrischen Rundfunk ein sehr bewegendes Porträt über Joan Baez. Abgesehen davon, dass sie tolle Musik macht, ist sie auch eine inspirierende Person. Sie hat mir gezeigt, dass es eigentlich so leicht ist etwas Gutes zu tun, wenn wir nur tun, was wir gut können, und es in den Dienst einer guten Sache stellen. Bis zum 7. September könnt ihr den Film hier noch anschauen.
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