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Freefont des Monats: Source Sans Pro [Update]

Source Sans Pro – Ohne Serifen, mit Gefühl

Ado­be, Meis­ter in der Pro­duk­ti­on und im Ver­trieb von mäch­ti­gen, aber kost­spie­li­gen Werk­zeu­gen ist, was nicht all­zu vie­le Men­schen wis­sen, ein För­de­rer von frei­er Soft­ware. Dass Ado­be aber irgend­wann mit einer frei­en Schrift auf­war­ten wür­de, kam für mich trotz allem über­ra­schend. Was dabei her­aus kam, zeugt jedoch von der Qua­li­tät, die Ado­be an den Tag legen kann, wenn Ado­be will.
Mit der Source Sans Pro von Paul D. Hunt warf Ado­be näm­lich eine umfang­reich aus­ge­bau­te seri­fen­lo­se Schrift auf den Markt, die gleich gro­ßen Anklang fand. Ihre ers­ten gro­ßen Ein­satz fand sie wohl in den Mate­ria­li­en der Grü­nen zur ver­gan­ge­nen Bun­des­tags­wahl und ist seit­dem im all­täg­li­chen Ein­satz nicht mehr weg­zu­den­ken. Dass mir eben­die­se Kam­pa­gne nicht zusag­te und mir dadurch auch ein wenig die Source Sans ver­litt, ist aber eine ande­re Geschich­te.

Einordnung/Charakteristik

Mit der Source Sans Pro zei­ge ich euch mal wie­der eine seri­fen­lo­se Schrift. Bei ihr han­delt es sich um eine dyna­mi­sche Gro­tesk­schrift, die sich in ihren For­men von den seri­fen­lo­sen Schrif­ten des Mor­ris Ful­ler Ben­ton (Alter­na­te Gothic, Fran­k­lin Gothic, News Gothic) inspi­rie­ren ließ. Dabei ist sie aber weni­ger sta­tisch als ihre Vor­bil­der und wirkt in ihren For­men weni­ger streng.
Da Paul D. Hunt mit der Auf­ga­be betraut wor­den war, eine Schrift zu ent­wi­ckeln, die sowohl in Bild­schirm­an­wen­dun­gen als auch auf dem Papier gut funk­tio­niert, war dies sicher­lich nicht die schlech­tes­te Wahl. Sei­ne Wei­ter­ent­wick­lung trägt zu einer bes­se­ren Leser­lich­keit nicht uner­heb­lich bei. Als beson­ders prä­gnan­te Merk­ma­le sind hier die im Ver­hält­nis zur Gesamt­hö­he der Schrift ver­grö­ßer­te x-Höhe und die grö­ße­re Dick­ten­brei­te zu nen­nen. Die Schrift ist nicht so schmal, die Buch­sta­ben wir­ken etwa bei 12 Pt. grö­ßer als bei ande­ren Schrif­ten mit 12 Pt.

Die Besonderheiten der Source Sans Pro

Doch gehen wir ins Detail. In ihren Run­dun­gen ist die Source Sans fast schon geo­me­trisch, gleich­wohl sich auch und gera­de hier auch ein deut­li­ches Merk­mal dyna­mi­scher Schrif­ten wie­der­fin­det: Strich­stär­ken­kon­trast. Dabei bleibt die Strich­füh­rung gerad­li­nig und unprä­ten­ti­ös und hält ziem­lich genau die Waa­ge zwi­schen ten­den­zi­ell eher dyna­mi­schen und sta­ti­schen Schrif­ten, mit leich­ten Aus­schlä­gen zur dyna­mi­schen Sei­te hin, was sich zum Bei­spiel in Zei­chen wie dem a und dem e wider­spie­gelt, die bei­de einen rela­tiv offe­nen Cha­rak­ter haben. Auch eher dem dyna­mi­schen For­men­prin­zip zuzu­ord­nen ist die stan­dard­mä­ßi­ge Ver­wen­dung von zwei­stö­cki­gem a bzw. drei­stö­cki­gem g in der Auf­rech­ten und die Nut­zung von ein­stö­cki­gem a und zwei­stö­cki­gem g in der Kur­si­ven. Sowohl für die Auf­rech­te als auch für die Kur­si­ve steht aber die jeweils alter­na­ti­ve Form von a und g zur Ver­fü­gung, sodass sich die Wir­kung der Schrift je nach Anwen­dungs­zweck sogar noch ein wenig anpas­sen lässt. Der Absicht, die Source Sans Pro als Schrift auf Leser­lich­keit hin zu opti­mie­ren, tra­gen dar­über hin­aus noch meh­re­re klei­ne Details Rech­nung. Die Art und Wei­se, wie die Zei­chen I, l und 1 auf Unter­scheid­bar­keit getrimmt wur­den, ist mus­ter­gül­tig, aber auch die Wahl des schrä­gen Abstrichs beim R und der unten ange­setz­ten Cau­da beim Q tra­gen dazu bei.

Was den Inno­va­ti­ons­grad und die Exzen­tri­zi­tät betrifft, spielt die Source Sans Pro in einer Liga mit Open Sans, Robo­to Sans (Goo­g­les Sys­tem­schrift für Andro­id) und San Fran­cis­co (die Schrift, die Apple für die Apple Watch benutzt). Falsch ein­ge­setzt sind alle vier aus­ge­spro­chen fad und lang­wei­lig.

Umfang/Ausbau

Von der Source Sans Pro gibt es der­zeit sechs Schnit­te mit kor­re­spon­die­ren­den Kur­si­ven. Von Extra Light bis Black ist für jeden Geschmack und Anwen­dungs­zweck dabei, denn die Abstu­fung der Schnit­te ist durch­aus gelun­gen.

Sechs Fetten zu je zwei Schnitten. In den meisten Fällen sollte das reichen.

Mit 856 (bei den Kur­si­ven) bzw. 1113 (!) Gly­phen ist die Source Sans Pro zudem außer­or­dent­lich umfang­reich aus­ge­stat­tet. Damit lässt sich der gesam­te in latei­ni­scher Schrift schrei­ben­de Sprach­raum abde­cken, und Wäh­rungs­sym­bo­le über € und $ hin­aus gibt es auch noch dazu. Selbst Pfei­le, Qua­dra­te und Drei­ecke gibt es in einer gewis­sen Anzahl und Zif­fern lie­gen in meh­re­ren For­ma­ten – als Ver­sal­zif­fer, als Mediä­val­zif­fern, hoch­ge­stellt, tief­ge­stellt oder für den Tabel­len­satz opti­miert – vor. Für den Fall der Fäl­le gibt es sogar eine Null wahl­wei­se mit Punkt oder Schräg­strich zur Unter­schei­dung vom O. Dass die Source Sans Pro oben­drein mit einem kom­plet­ten Satz an ech­ten Kapi­täl­chen auf­war­tet, ist da fast schon selbst­ver­ständ­lich; dass es die Kapi­täl­chen nicht für die kur­si­ven Schnit­te gibt, nicht.

Die Source Sans hat viel zu bieten.

Nur an Liga­tu­ren wur­de gespart: Außer ff, fi und fl gibt es nichts – womit aber die Grund­la­gen abge­deckt sind. Wei­te­re Liga­tu­ren wären zwar wün­schens­wert, sind aber läss­lich, wenn man sich in Erin­ne­rung ruft, dass es pri­mär um Bild­schirm­dar­stel­lung geht und die Bild­schirm­auf­lö­sung heu­te zumeist immer noch nicht einer durch­schnitt­li­chen Druck­qua­li­tät enspricht.

Praxistest

Wenn ihr eine schlich­te, neu­tra­le, nicht all­zu kühl und tech­nisch wir­ken­de seri­fen­lo­se Schrift für den Men­gen­satz braucht, dann fahrt ihr mit der Source Sans Pro sicher­lich nicht ver­kehrt. Auf­grund der Viel­zahl der Schnit­te könn­tet ihr sogar einen Fly­er mit meh­re­ren Über­schrif­ten­ebe­nen, Info­käs­ten und Fließ­text kom­plett in der Source Sans Pro set­zen. Um mehr Vari­anz zu errei­chen, gäbe es aber auch noch die gut pas­sen­de Source Serif Pro, die bis­lang aber ohne Kur­si­ve aus­kom­men muss.
Wollt ihr aber auf­fal­len oder eurem Design zumin­dest eine gewis­se Prä­gnanz ver­pas­sen, ist die Source Sans Pro eine eher schlech­te Wahl, denn in ihrer Grund­hal­tung zielt sie eher auf Unauf­fäl­lig­keit und Funk­tio­na­li­tät. Inso­fern fand ich ihre Ver­wen­dung – um auf den Anfang zurück­zu­kom­men – im Design der 2014er-Euro­pa­wahl­kam­pa­gne der Grü­nen miss­lun­gen. War die­se zwar tech­nisch sau­ber gestal­tet, ver­ström­te sie aber optisch eine Lan­ge­wei­le, die Ihres­glei­chen such­te; auf­fal­len ja, aber bit­te nicht so sehr. Ein Hin­gu­cker war sie nach der muti­gen Bun­des­tags­wahl­kam­pa­gne nicht. Die in vie­lem noch prä­sen­te Geist des Anders­ma­chens bei den Grü­nen fehl­te 2014 völ­lig.

Rechtliches

Die Source Sans Pro steht unter der SIL Open Font Licen­se. Sie gilt somit als ech­te Open-Source-Schrift, deren Daten­be­stand auch modi­fi­ziert wer­den darf. Ein Recht zum Ver­kauf der Schrift­da­ten ergibt sich dar­aus aber nicht.

[Update: Fazit ver­ges­sen, jetzt ist es da.]

Fazit

Wer eine dezen­te, gut les­ba­re Schrift sucht, der ist mit der Source Sans Pro sicher­lich nicht schlecht bedient. Dank meh­re­rer Hair­line-Schnit­te und extrem fet­ter Schnit­te lässt sich aber auch im Edi­to­ri­al Design etwas mit der Source Sans Pro anfan­gen. Eine Schrift mit Ecken und Kan­ten hat man dann aber noch immer nicht. Das Risi­ko lang­wei­lig zu sein, ist recht groß.

- Source Sans Pro zum Down­load (Alter­na­tiv auch bei Fonts­quir­rel)
- Schrift­mus­ter zum Sam­meln (PDF)

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