Gedöns
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Vom Verpassen der Jugend

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Dass es dreihundert Kilometer Distanz benötigen würde, um zu dieser vermeintlich trivialen Erkenntnis zu kommen, konnte nun wirklich niemand ahnen. Dass es mir ausgerechnet in der Pfalz in einem Weiler am Rande einer Geburtstagsfeier wie Schuppen aus den Haaren fallen sollte, war nun wirklich nicht zu erwarten – aber warum sollte ich mich gegen die Erleuchtung wehren, bloß weil der Zeitpunkte unpassend erscheint?
Doch reicht eine Empfindung schon aus, um sie eine Erkenntnis zu nennen, nur weil sie intensiv ist und nicht weichen mag? Oder ist es dennoch lediglich ein sentimentaler Seufzer? Ist es gar bloß ein Wunsch nach ein wenig mehr Normalität (was auch immer das ist)?

Fakt ist: Ich habe wohl fast alles mitgenommen, um eine Jugend zu erhalten, bei der die Mehrheit nicht mitreden kann. Ich bekam mit zwölf Jahren eine Geige und den dazu passenden Unterricht. Ich war in der Schule der klassische Einzelgänger und dann war ich plötzlich – eigentlich war es ja gar nicht so plötzlich, im Gegenteil – Halbwaise. Und mit wem wollte ich schon darüber sprechen, was das mit mir machte? Mit wem sollte ich darüber reden? Ich hätte es wohl nicht einmal gekonnt. Zu merken und zu erkennen, dass ich auf Jungs stehe, und wie sehr das mit der Religion kollidierte, deren Gott ich diente, war dann wohl endgültig der Sargnagel zu meiner Sprachfähigkeit. Wie sollte ich mit anderen über mich sprechen, wenn ich mich selbst schon nicht leiden konnte? Und mit wem?
In dieser Zeit mögen mir wohl unzählige Rettungsringe zugeworfen worden sein – ich habe sie schlicht und ergreifend nicht gesehen. Auf Partys zu gehen und einfach mal zu feiern, mich zu betrinken, einfach mal rumzuknutschen, das konnte ich nicht. Wohin sollte ich auch gehen? Was es gab, wollte ich nicht, und was ich wollte, gab es nicht. (Und wenn beides mal zusammenkam, dann fiel mir niemand ein, mit dem ich das hätte teilen können und wollen.
Ich musste nicht, wie es anderswo wohl durchaus geschah, die Rolle meiner Mutter übernehmen, und doch war ich nicht mehr Kind und Jugendlicher, sondern wohl ein wenig aus der Zeit gefallen. So etwas wie Jugend, eine Zeit des Ausprobierens und des Überschreitens von Grenzen, habe ich mir nie genommen. Aber ich habe funktioniert, das sollte man wohl neidlos anerkennen. Doch das ist wohl auch nichts, worauf es sich neidisch zu sein lohnte. Funktionieren, das kann ich, auch wenn es heißt, dass ich lediglich das ausblende und ignoriere, was mich am Funktionieren hindert.

Es brauchte tatsächlich dreihundert Kilometer Abstand und einige Jahre Zeit um zu merken, wie sehr ich diesen ganzen Driss, der sich Jugend nennt, doch gerne mitgemacht hätte; wie gerne ich mal über die Stränge geschlagen wäre, wie gerne ich bereuenswerte Dinge getan, wie gerne ich bierselig Dummheiten beganen und mich selbst mit anderen bemitleidet und dafür verflucht hätte.
Und doch bin ich zugleich dankbar und froh, mir diese Nichtigkeiten erspart und kein Gewese um Banalitäten gehabt zu haben. Doch zu wissen wie es ist, einfach mal emotionale Scheiße gebaut zu haben ohne dass es Konsequenzen über die Morgendämmerung hinaus gehabt hätte, einfach mal nicht den Ernst des Lebens gespürt zu haben und doch zutiefst bewegt zu sein … es fehlt mir doch. Diese Sehnsucht wird wohl stets unstillbar sein und ewig brodeln. Dafür ist es wohl zu spät. Oder fühle ich mich einfach nur zu alt?

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