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STADTRADELN statt Radeln

Offen­sicht­lich ist 2014 das Jahr der spon­ta­nen Beschlüs­se; jeden­falls ist es das für mich. Erst mel­de­te ich mich zum Blog­ger­tref­fen an, dann fuhr ich zum #tworf und nicht zuletzt buk ich Unmen­gen an Bie­nen­stich im Rah­men mei­ner Umset­zung der Ice Bucket Chal­len­ge.

Me and my Bienenstich fürs #bakingforhope. Damit war ich bei der Critical Mass Köln. Die nächtliche Rückfahrt floss dann ins STADTRADELN ein. (Bildbeschreibung: Ein schwarzes Herren-Trekkingrad mit Fahrradtaschen am Gepäckträger und einem in einem bunten Badetuch eingeschlagenen Blech Bienenstich steht auf einem Bahnsteig im Vordergrund. Im Hintergrund verläuft das Gleis, dahinter sind Einbuchtungen in der hohen Wand.)

Me and my Bie­nen­stich fürs #baking­forho­pe. Damit war ich bei der Cri­ti­cal Mass Köln. Die nächt­li­che Rück­fahrt floss dann ins STADTRADELN ein.

Was aber jetzt seit ges­tern vor­bei ist, zumin­dest in die­sem Jahr, ist das STADTRADELN. Damit enden drei Wochen, in denen ich (bis auf zwei Tage) an jedem Tag Fahr­rad gefah­ren bin – und es doku­men­tiert habe. Rad fah­re ich auch sonst; ich den­ke sogar, dass die­se drei Wochen durch­aus reprä­sen­ta­tiv waren, aber doku­men­tiert habe ich mein Rad­fahr­ver­hal­ten bis­lang noch nicht. Was steht also am Ende die­ser drei Wochen STADTRADELN?

Stadtradeln, was’n das?

Beim STADTRADELN geht es dar­um, Men­schen dazu zu bewe­gen aufs Fahr­rad umzu­stei­gen, um damit etwas für sich, die Umwelt und den Rad­ver­kehr als sol­chen zu tun. In einem kom­mu­nal fest­ge­leg­ten Zeit­raum von drei Wochen sol­len mög­lichst vie­le Men­schen, die in die­ser Kom­mu­ne leben, arbei­ten oder sich ander­wei­tig enga­gie­ren, mög­lichst vie­le Wege auf dem Rad zurück­le­gen, um so weni­ger Koh­len­di­oxid zu pro­du­zie­ren und mehr Auf­merk­sam­keit für nach­hal­ti­ge­re Mobi­li­tät zu bekom­men. Zugleich soll­ten loka­le Entscheidungsträger_innen durch Teil­nah­me am STADTRADELN aus ers­ter Hand erfah­ren kön­nen, wel­chen Schwie­rig­kei­ten Radfahrer_innen im Stra­ßen­ver­kehr aus­ge­setzt sind.

Wie war ich?

Blick auf die Ruhr in beginnender Abenddämmerung (Bildbeschreibung: Die Ruhr läuft unten von links schräng in das Bild hinein und fließt ruhig in einer weiten Linkskurve bis in den Hintergrund. Beide Uferseiten sind von Büsch gesäumt, im Hintergrund ragen dunkelgrüne Bäume auf. Auf dem Wasser spiegelt sich der leicht bewölkte blaue Himmel.)

Blick auf die Ruhr in begin­nen­der Abend­däm­me­rung

Ich hat­te es am Anfang schon erwähnt: In mei­nen Augen waren die drei Wochen vom 30. August bis zum 19. Sep­tem­ber ziem­lich reprä­sen­ta­tiv. Ich fuhr täg­lich mit Bahn und Rad zur Arbeit, fuhr mit dem Rad ein­kau­fen und am Wochen­en­de ab und an mal raus ins Grü­ne bzw. frei­tags auch mal zu einer Cri­ti­cal Mass. Nichts wirk­lich Beson­de­res also. Dabei fing mein STADTRADELN ziem­lich inten­siv an, näm­lich mit der nächt­li­chen Rück­fahrt von der Cri­ti­cal Mass Köln, mei­ner ers­ten Cri­ti­cal Mass im Rah­men von #baking­forho­pe, gefolgt von der Anrei­se zum Blog­ger­tref­fen in Köln und weni­gen Tagen spä­ter der streik­be­ding­ten Fei­er­abend­rad­tour von Dort­mund nach Wup­per­tal. Allein das waren 160 Kilo­me­ter bin­nen drei Tagen, das war deut­lich mehr als üblich. Danach fuhr ich mehr­heit­lich nur noch mei­ne 9,1 Kilo­me­ter­chen pro Tag, die mich von daheim zum Zug, vom Zug zur Arbeit und retour führ­ten.

Nichts­des­to­trotz war und blieb ich mit Spaß dabei. Ich wäre nach hin­ten raus ger­ne mehr gefah­ren, nur um den pro­fes­sio­nel­len Rad­lern vom ADFC Her­ne ein Schnipp­chen zu schla­gen (immer­hin hat­te ich in den ers­ten Tagen allei­ne mehr Kilo­me­ter zurück­ge­legt als das gesam­te Team zusam­men), aber mit 352,7 Kilo­me­tern in 21 Tagen bin ich auch nicht ganz unzu­frie­den. Damit lie­ge ich auf Platz 3 in „mei­nem“ Team, knapp unter dem Durch­schnitt der öffent­lich ein­seh­ba­ren Kilo­me­ter mei­nes Teams und rund 100 Rad­ki­lo­me­ter pro Per­son vor dem ADFC Her­ne. Das macht mich einer­seits trau­rig, ande­rer­seits aber (für fünf Minu­ten) auch recht stolz auf mei­ne Leis­tung. Beat that, ADFC!
Rech­ne ich das aufs Jahr hoch – und das ist durch­aus legi­tim, weil „Win­ter“ für mich kein Grund das Rad ste­hen zu las­sen ist –, dann wer­de ich in die­sem Jahr sum­ma sum­ma­rum etwa 6.130 Kilo­me­ter zurück­ge­legt haben wer­den. Das ist okay. Ich ver­mu­te aber, dass es sogar noch ein biss­chen mehr sein wird, weil ich mich in mei­nem Urlaub mit dem Rad fort­be­wegt habe, was schon allein 600 erhol­sa­me Kilo­me­ter waren. Doch genug der Zah­len­prot­ze­rei. Nächs­tes Jahr geht noch mehr!

Stadtradeln, ist das toll?

STADTRADELN ist eine nach Nürn­ber­ger Vor­bild wei­ter­ent­wi­ckel­te Kam­pa­gne des Kli­ma-Bünd­nis, das größ­te Netz­werk von Städ­ten, Gemein­den und Land­krei­se zum Schutz des Welt­kli­mas, dem über 1.700 Mit­glie­der in 24 Län­dern Euro­pas ange­hö­ren.
STADT­RA­DELN-Web­site

Bäm. Klingt das nicht wun­der­bar? Klingt das nicht wun­der­bar selbst­be­weih­räu­chernd, auch wenn es völ­lig neu­tral for­mu­liert ist? Unter dem Schutz des Welt­kli­mas machen wir es nicht. Wir (das sind der­zeit rund 83.000 Teilnehmer_innen) fah­ren bin­nen drei Wochen 17,2 Mil­lio­nen Kilo­me­ter mit dem Rad (also etwa 200 Kilo­me­ter pro Per­son) und ver­mei­den damit die Ent­ste­hung von knapp 2.200 Ton­nen Koh­len­di­oxid (also rund 26 Kilo­gramm pro Per­son). Anders gesagt: Gin­gen wir von einem durch­schnitt­li­chen Aus­stoß von 140 Gramm CO2 pro Kilo­me­ter bei einem Auto aus, wäre jede_r von uns 185 Kilo­me­ter nicht mit dem Auto gefah­ren. Toll.
Wenn ich aber beden­ke, dass wirk­lich vie­le Men­schen jeden Tag nur ein paar Kilo­me­ter mit dem Auto zur Arbeit fah­ren, dann ist das doch nicht so schlecht. Ande­rer­seits gehört mei­ne Stadt Her­ne, für die ich teil­neh­men konn­te, weil ich dort arbei­te, zu den Fahr­rad­muf­feln, mit umge­rech­net gera­de ein­mal ins­ge­samt 0,07 Kilo­me­tern pro Einwohner_in in den drei Wochen, was defac­to drei Meter pro Tag wären. Nur zum Ver­gleich: Kom­mu­nen wie Her­de­cke – nicht unbe­dingt ein Aus­bund an nie­der­rhei­ni­schem Flach­land – schaff­ten immer­hin 0,519 Kilo­me­ter pro Ein­woh­ner in den drei Wochen, wobei Spit­zen­rei­ter Thai­ning im Land­kreis Lands­berg am Lech sogar auf stol­ze 16,742 Kilo­me­ter kommt.

Das alles geht aber davon aus, dass wir sonst mit dem Auto gefah­ren wären und es im Rah­men von STADTRADELN ste­hen­ge­las­sen hät­ten. Ich für mei­nen Teil muss aber kon­sta­tie­ren, dass ich ohne­hin nicht Auto fah­re, schon weil ich kei­nen Füh­rer­schein besit­ze. Ich ver­mu­te aber, dass ich mit die­ser Hal­tung unter den Teilnehmer_innen nicht son­der­lich allein bin, wes­we­gen die rea­le Ein­spa­rung wohl deut­lich nied­ri­ger aus­fal­len dürf­te. Es wäre span­nend zu sehen, wie hoch der Anteil an Alltagsradler_innen (so will ich Leu­te wie mich mal nen­nen) am Gesamt­er­geb­nis ist.

Abge­se­hen davon kann ich mit der Welt­ret­tungs­at­ti­tü­de ohne­hin nichts anfan­gen. Für wen das der Grund zur Teil­nah­me ist: schön. Mei­ner ist es nicht. Für mich war es zunächst der Gedan­ke, dem Rad­ver­kehr und einer nach­hal­ti­ge­ren Mobi­li­tät mehr Auf­merk­sam­keit zukom­men zu las­sen, denn ich möch­te mich als Ver­kehrs­teil­neh­mer angst­frei, sicher und effi­zi­ent auf guten Wegen fort­be­we­gen kön­nen. Ab dem Zeit­punkt mei­ner Erkennt­nis, dass ich im Ran­king vor dem ADFC lag, kam aber auch ein biss­chen Ehr­geiz in mir zum Vor­schein, der mich die man­geln­de Zeit für mehr Frei­zeit­tou­ren über­ste­hen ließ.

Was mich aber stör­te: Von mei­ner Teil­neh­mer­kom­mu­ne Her­ne nahm ich bis auf einen Arti­kel bei DerWesten.de vor Urzei­ten nichts über das STADTRADELN wahr. Ande­re Städ­te bezie­hen mit unzäh­li­gen Ver­an­stal­tun­gen die gan­ze Stadt­ge­mein­schaft mit ein. Dass da ganz ande­re Kilo­me­ter­zah­len an den Tag gelegt wer­den, ist kein Wun­der. Dass da eine ganz ande­re Moti­va­ti­on vor­herrscht, ist auch klar. Mir war das, was in Her­ne lief, viel zu halb­her­zig.

Stadtradeln, und nu?

Ich den­ke, ich wer­de im nächs­ten Jahr wohl wie­der beim STADTRADELN teil­neh­men, aber lie­ber für Wup­per­tal, wenn es denn gin­ge, wel­ches in die­sem Jahr kein Teil­neh­mer war. Ich habe in der kur­zen Zeit, die ich jetzt hier woh­ne, bereits so vie­le radak­ti­ve, enga­gier­te Men­schen wie den Tal­rad­ler Chris­toph Gro­the getrof­fen, dass es mir eine Freu­de wäre, mit ihnen den Gedan­ken, dass Rad­fah­ren mehr ist als nur ein Frei­zeit­ver­gnü­gen, wei­ter in die Welt zu tra­gen.
Aber gibt es das nicht bereits? Ich hat­te am Anfang schon die Cri­ti­cal Mass am Ran­de erwähnt. Die zeigt, wenn meh­re­re hun­dert Radler_innen sich spon­tan zu einer unge­plan­ten Fahrt durch eine Stadt zusam­men­fin­den, durch schie­re Prä­senz eigent­lich so viel bes­ser, dass Radfahrer_innen auch Ver­kehr sind – und als sol­che in ent­spre­chen­den Men­gen genau­so gut Stau ver­ur­sa­chen kön­nen wie Autos; aber das ist nicht das Ziel. Vor allem aber macht die Cri­ti­cal Mass Spaß ohne ein Wett­be­werb zu sein und ohne die Kli­ma­ret­tung wie eine Mons­tranz vor mir her zu tra­gen. Dass wir mit dem Rad­fah­ren für das Kli­ma etwas Gutes tun, ist aber auch ganz okay.

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