Fietsen
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Bike statt Streik

Wo sonst mein verkehrsroter RE4 steht, stand diesmal ein weiß-roter ICE (Bildbeschreibung:  der Bahnsteig ist rotbraun im Fischgrätenmuster gepflastert, auf dem Gleis steht ein ICE der ersten Generation mit geöffneten Türen. Die Hinweistafel, die vom Dach des Bahnsteigdachs herabhängt, das links vom ICE endet, zeigt die Zahl 20 an.

Wo sonst mein verkehrsroter RE4 steht, stand diesmal ein weiß-roter ICE

Manchmal kommt das Glück wahrlich unverhofft – und manchmal kündigt es sich an. Gestern war es quasi mit Ansage, obwohl an Glücksgefühle wohl niemand dachte, als die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) morgens ankündigte, sie würde den Güterverkehr bestreiken. Als es dann später hieß, die GDL würde sich nicht nur auf den Güterverkehr beschränken, steig wohl die Laune mancher Zeitgenossinnen und -genossen ins Unermessliche. Als klar wurde, dass es nicht regionale Schwerpunkte geben würde, sondern einen flächendeckenden Streik, da stand das Urteil wohl schon fest: „Die Lokomotivführer“ sind Erpresser und „die Bahn“ ohnehin scheiße. Verständnis hätte ohnehin niemand zu erwarten.

Ich hingegen fieberte dem Feierabend immer mehr entgegen. (Aber gut, ich hatte auch keine weiteren Termine und freute mich zudem auf ein paar weitere Kilometer für das Stadtradeln.) So kam ich völlig unbeschadet von Herne bis nach Dortmund und war schon auf dem Weg zu Gleis 20, wo mein RE4 planmäßig hätte fahren sollen, als – ja, als – mir einfiel, dass der ja am Morgen die Umleitung über Witten-Annen genommen hatte, und deswegen wohl auf Gleis 4 zu erwarten sein würde. An Gleis 20 stand zudem ein weiß-rotes Etwas, das so gar nicht meinem Doppelstock-Nahverkehrszug ähnelte.

Kaum an Gleis 4 angekommen, hieß es aber, dass der RE4, planmäßig von Gleis 20, heute abweichend von Gleis 4, heute abweichend davon von Gleis 20 würde fahren sollen. Ich war zwar skeptisch – immerhin war das Gleis schon belegt und der RE4 definitiv später als planmäßig vorgesehen –, wollte aber dem fachkundigen Personal der Bahn nicht dazwischenfunken, zumal auch die App der Auffassung war, dass der RE4 trotz allem pünktlich würde abfahren sollen.

Als ich dann Gleis 20 aber enterte, kam schon die nächste Durchsage. (Ich hoffte ja auf einen erneuten Gleiswechsel, um mal beim Bahn-Roulette so richtig abzuräumen, aber es kam anders als gedacht.) Der RE4, planmäßig von Gleis 20, heute abweichend von Gleis 4, davon heute abweichend von Gleis 20, wäre auf unbestimmte Zeit verspätet. In dem Moment war mir klar: Du fährst mit dem Rad. Wofür sonst hast du es dabei?

Also: ab nach unten, durch die Bahnhofshalle – hier stand der RE4 mit ca. 120 Minuten Verspätung angeschlagen; „unbestimmt verspätet sind“ also zwei Stunden – kurz ein wenig Verpflegung organisiert, Komoot die Routenplanung durchführen lassen, ärgern, dass man keine Smartphonehalterung am Rad hat, und frei aus dem Kopf nach der Ausschilderung in Richtung Wuppertal. Schon an der ersten Kreuzung – ich hatte die Wahl, links oder rechts abzubiegen – hatte ich keinen Bock mehr und wollte ich umkehren, denn es gab keinen Wegweiser.

Blick auf die Ruhr in beginnender Abenddämmerung (Bildbeschreibung: Die Ruhr läuft unten von links schräng in das Bild hinein und fließt ruhig in einer weiten Linkskurve bis in den Hintergrund. Beide Uferseiten sind von Büsch gesäumt, im Hintergrund ragen dunkelgrüne Bäume auf. Auf dem Wasser spiegelt sich der leicht bewölkte blaue Himmel.)

Blick auf die Ruhr in beginnender Abenddämmerung

Was macht man, wenn es keine Wegweiser gibt? Richtig: sich für eine Richtung entscheiden, merken, dass sie falsch war, und möglichst bald in die Gegenrichtung fahren. Mit der Strategie gelang es mir auch nur dieses eine Mal mich völlig zu verfahren. Stattdessen sah ich ganz neue Ecken von Dortmund und altbekannte Plätze in Witten, fuhr auf ehemaligen Bahntrassen – und die Ruhr überquerte ich auch.

Ich machte mich auf Bundesstraßen breit, quälte mich nach Sprockhövel-Haßlinghausen hoch, wo ich den Busbahnhof mal aus einer anderen Perspektive sah, zumal es inzwischen schon dunkel war und kam endlich – endlich! – irgendwann am Stadtrand von Wuppertal an, von wo es nur noch knapp 13 Kilometer bis nach Hause sein sollten. Zum Glück hätte es im Prinzip jetzt nur noch abwärts gehen sollen, 180 Höhenmeter hinab ins Tal, einmal quer durch Nächstebreck. Bei Tage wäre ich hier wahrscheinlich ohne zu bremsen durchgebrettert, so aber entschied ich mich für Fernlicht am Fahrrad und die Finger an den Bremsen. Auch das war schön, und weil es wohl so schön war, bog ich, als ich dann unten im Tal war, einmal falsch ab und machte einen klitzekleinen Umweg, der weitere 30 Höhenmeter erst nach oben und dann nach unten bedeutete. Wenn man schon mal so gut dabei ist …

Auch wenn es nur ein Schild ist: Wuppertal, endlich! (Bildbeschreibung: Es ist schon dunkel. Am rechten Straßenrand. Links zieht die Straße vorbei. Im Hintergrund erleuchten ein paar Laternen den Asphalt und die Bäume, an denen sie stehen. Autos parken an beiden Straßenseiten. Im Vordergrund endet der Radstreifen und läuft genau auf das gelbe, vom Blitzlicht angestrahlte Ortseingangsschild zu. Darauf steht „Wuppertal“.)

Auch wenn es nur ein Schild ist: Wuppertal, endlich!

Letztlich kam ich dann exakt drei Stunden nach dem Aufbruch in Dortmund an. Mein Abend war gelaufen. Ich hatte keine Lust mehr zu kochen, zu spülen oder gar zu bloggen, aber dafür hatte ich weitere 47,4 Kilometer für das Stadtradeln auf dem Tacho stehen, womit ich zu dem Zeitpunkt alleine mehr Kilometer seit dem 30. August zurückgelegt habe als das gesamte Herner ADFC-Team beim Herner Stadtradeln zusammen. Eat that.

Mal sehen, was die nächsten Tage so bringen werden. Einer Einigung zwischen GDL und Deutscher Bahn wäre ich nämlich dennoch nicht abgeneigt.

Die Tour

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