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#IceBucketChallenge

Ich hatte in den letzten Tagen so ein ungutes Gefühl. Die Ice Bucket Challenge war schon längst in aller Munde. Ich hatte gesehen, wie Amanda Palmer sich mit eiskaltem Wasser übergoss. Ich hatte Gates McFaddens Video gesehen, und wie sie Sir Patrick Stewart nominierte, weil sie seine Haare nass sehen wollte. Ich sah ihn ausgesprochen feinsinnig – um nicht zu sagen „britisch“ – darauf reagieren. Ich las bei Facebook, dass diese und jene Person nominiert worden war – aber erst als die FAS sich in gleich zwei Artikeln dem Phänomen widmete, war mir klar, dass es nicht lange würde dauern können, bis ein dahergelaufener Wald- und Wiesenschrat auch mich nominieren würde. Dass die Herausforderung dann aus einer ganz anderen Ecke kommen sollte, verstört mich auch jetzt noch, am Tag danach. Aber worum geht es eigentlich?

Was ist die Ice Bucket Challenge?

Die Ice Bucket Challenge ist, vereinfacht gesagt, ein Spendenaufruf. Weil ihr diese Erklärung aber nicht einmal im Ansatz gerecht würde, will ich ergänzen: Es geht darum, eine bis neulich quasi unbekannte und bis dato unheilbare und tödlich verlaufende Krankheit ins Scheinwerferlicht zu rücken und zugleich Spendengelder zur Erforschung und Therapierung der Krankheit zu akquirieren. Als Mittel zum Zweck dient dabei die Form der Herausforderung: Entweder schütte ich mir einen mit Eiswasser gefüllten Eimer über dem Kopf aus und spende 10 Dollar bzw. Euro oder ich verweigere mich dessen in den nächsten 24 Stunden und muss dafür 100 Dollar bzw. Euro spenden. Habe ich mich vor laufender Kamera der Herausforderung gestellt, darf ich drei weitere Personen nominieren, die es mir nachmachen müssen.
Sind die Ursprünge der Ice Bucket Challenge auch unklar, so lassen sich manche Wurzeln vermutlich auch bei der Cold Water Challenge sehen, die vor ein paar Wochen zu einem Todesfall führte.
Als Initiatoren der Ice Water Challenge gelten Corey Griffin (der jüngst bei einem Badeunfall starb; welch Ironie der Geschichte) und dessen Freund Pete Frates, ein ehemaliger Baseballspieler, der die Nervenkrankheit ALS hat, welcher die Ice Bucket Challenge zugute kommen soll.

Was ist ALS?

Amyotrophe Lateralsklerose (kurz: ALS) ist eine Erkrankung, bei der das motorische Nervensystem degeneriert. Durch dir fortschreitende permanente Schädigung des Nervensystems kommt es zunehmend zu Muskelschwäche und Muskelschwund bis hin zu Lähmungen, unter anderem der Atemmuskulatur. ALS ist derzeit nicht heilbar; die durchschnittliche Überlebenszeit beträgt drei bis fünf Jahre.
Bekannte ALS-Erkrankte waren bzw. sind der Maler Jörg Immendorff und der Physiker Stephen Hawking. Bei Hawking hatte man die Krankheit 1963 diagnostiziert; seit 1968 sitzt er im Rollstuhl.

Was für die Ice Bucket Challenge spricht

Der Ice Bucket Challenge gelang, wovon wohl niemand zu träumen gewagt hatte. Eine nahezu unbekannte Krankheit rückte für einen Moment ins Rampenlicht der Öffentlichkeit und wo im Vorjahr zwischen dem 29. Juli und dem 23. August nur knapp zweieinhalb Millionen US-Dollar an Spenden bei der ALS Association eingingen, gab es ein Jahr später in demselben Zeitraum mehr als 62 Millionen US-Dollar, die gespendet wurden. Das gelang auch, weil sich viele Prominente an der Aktion beteiligten, bis hin zu US-Präsident Barack Obama und seinen beiden Vorgängern Bill Clinton und George W. Bush.
Viele Menschen konnten auf einfache Weise einen Beitrag dazu leisten und mit verhältnismäßig geringem Aufwand ihren Anteil an der Schaffung von Aufmerksamkeit für ALS beitragen.
An ALS erkrankte Menschen und ihre Angehörigen (man rechnet mit drei bis acht Erkrankten zu 100.000 Menschen) erfahren Öffentlichkeit und Unterstützung.

Was gegen die Ice Bucket Challenge spricht

Mögen das Ziel und die Intention der Ice Bucket Challenge auch noch so hehr sein, so ist doch zu beobachten, dass nicht immer die Amyotrophe Lateralsklerose im Vordergrund der Videos steht, sondern oft genug nur noch der Spaß, sich selbst mit Eiswasser zu übergießen oder andere dabei zu beobachten. Natürlich kann man aber hier auch der Auffassung sein, dass auch diese Videos dazu beitragen, die Ice Bucket Challenge in aller Munde zu halten und weiter zu verbreiten. Aber wie realistisch ist es, dass dadurch mehr Menschen über ALS aufgeklärt werden? Wie realistisch ist es, dass dadurch mehr spenden generiert werden? Ich kann es nicht beurteilen und will den Gedanken deshalb nur als kritischen Einwand mal in den Raum werfen.
Man kann die Ice Bucket Challenge aber auch als Beispiel für „Slacktivism“ anführen: Aktionismus, der kaum Unterstützung leistet, weil er sich zumeist auf das Ausfüllen von Petitionen, das Anklicken von Buttons und die Anmeldung in Communities etc. beschränkt, ohne dass daraus ein weiteres Engagement erwüchse.
Nicht zuletzt sollten wir nicht vergessen – aber das ist ein Totschlagargument! –, dass die Ice Bucket Challenge in Kalifornien, wo seit Jahren eine Dürre herrscht, weil viel zu wenig Regen fällt, für die Wasserverschwendung kritisiert wird. Und über die Kinder in Afrika sage ich mal lieber nichts. Wie gesagt: Totschlagargument, und auch noch eines der perfideren Sorte. Invalid argument.

Mein Beitrag zur Ice Bucket Challenge

Wenn es etwas gibt, das ich noch nie leiden konnte, wogegen ich seit einem einschneidenden Ereignis im zarten Grundschulalter schon immer eine starke Aversion hatte, dann war es Gruppenzwang – und genau damit arbeitet die Ice Bucket Challenge. Sie ist ein Kettenbrief mit öffentlicher Kontrolle, mit sozialem Druck. Sie ist bisweilen natürlich auch ziemlich chauvinistisch, denn dass wir alle ausnahmslos vernünftig wären, halte ich für ein Gerücht. Sie treibt einen Keil zwischen Menschen, indem sie polarisiert und meint, falsch von richtig scheiden zu können. Wie so oft verschwindet als erstes die Erkenntnis, dass es mehr als nur Schwarz und Weiß gibt, aber dafür kann sie nichts, das liegt an uns Menschen.

Die Ice Bucket Challenge zwingt mich Position zu beziehen und mich zu rechtfertigen. Sie bringt mich in eine Situation, in der ich mich erpresst fühle, weil sie mir eine Entscheidung aufzwingt, auf die es von einem gewissen moralischen Standpunkt nur eine richtige Antwort zu geben scheint. Sie fordert mich heraus – aber das ist auch der einzige positive Aspekt, den ich ihr in diesem Kontext abgewinnen kann.
Die Ice Bucket Challenge fordert mich heraus, eine Frage zu klären, die Erik Flügge schon wunderbar beantwortet hat: Lasse ich mir von anderen aufzwingen, wofür ich mich zu engagieren habe? Sicherlich kann jeder Mensch bei mir um Unterstützung für seine Sache werben, aber ob ich seine Sache gutheiße oder gar unterstütze, das steht auf einem ganz anderen Blatt.

Gerade deshalb finde ich es trotz allem gut, dass sich die Ice Bucket Challenge offen und durchlässig zeigt und neben ALS auch andere unheilbare Erkrankungen nicht vergessen lässt. Wenn es uns jetzt noch gelingt, dass ALS und HIV und AIDS und Alzheimer Demenz und Parkinson und Morbus Bechterew und Mukoviszidose und all die anderen unheilbaren und mitunter tödlich verlaufenden Krankheiten auch nach dem Hype noch in einem Monat, in einem Jahr noch präsent sind, und wenn es uns gelingt, dass diese Erkrankungen noch immer so viel Aufmerksamkeit und Energie bekommen, wie ihnen jetzt zuteil wird, dann können wir uns wirklich mal so richtig auf die Schulter klopfen. Aber das sollten wir jetzt trotzdem nicht unterlassen.

Ich habe mir keinen Eimer voller Eiswasser über dem Kopf ausgeleert. Ich sehe darin keinen Sinn mehr – denn zum Anstoß der Challenge war diese Idee in der Tat ein wunderbarer Katalysator. Es ist nichts, was mir Spaß machte, nichts, wovon ich mich herausgefordert fühle. Bitte entschuldigt, aber ich fahre bei jedem Wetter mit dem Rad zur Arbeit.
Ich spiele nicht nach euren Regeln in einem Spiel, das ich nie spielen wollte, auch wenn es einen ernsten Hintergrund hat.

Es ist an der Zeit, die Ice Bucket Challenge vom Hype in etwas Nachhaltigeres zu verwandeln.
Ich werde etwas anderes tun, mit den Mitteln, die ich habe und mit einer Aufgabe, die mich wirklich herausfordert.
Ich werde Bienenstich backen, ein ganzes Blech, das vierte binnen vier Wochen. Am Freitag, dem 29. August, fahre ich dann mit dem Rad nach Köln zur Critical Mass und werde die Stücke dort gegen Spenden verteilen, ab 17 Uhr auf dem Rudolfplatz, wo die Critical Mass um 17.30 Uhr beginnt. Damit die ganze Chose auch nachhaltig wird, werde ich es bei dem einen Mal nicht belassen. Am Freitag, dem 5. September findet die Critical Mass in Wuppertal statt, dort werde ich das ganze wiederholen. Und am 3. Oktober. Und am 7. November. Und am 5. Dezember. Aber dann gibt es etwas Weihnachtlicheres. Socializing, das ist meine Herausforderung. Den Erlös werde ich jeweils aufrunden und zu gleichen Teilen an die Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke und die Deutsche AIDS-Hilfe spenden.

And the nominees are …

Hielte ich mich an die Regeln, so bliebe jetzt noch eines übrig: Ich müsste drei Personen nominieren, es mir gleich zu tun und sich mit Eiswasser zu übergießen.
Liebe Ninette, lieber Floris, liebe Hannah … it’s up to you now. Denkt einfach mal drüber nach. Fühlt euch herausgefordert euren Standpunkt zu hinterfragen. Überschüttet euch mit Eiswasser, wenn ihr es wollt, lasst es bleiben, wenn euch das lieber ist. Bloggt drüber, postet ein Video, schreibt einen Song oder lasst es bleiben, aber tragt bitte das Fünkchen Hoffnung in die Welt. Vielleicht sehen wir uns ja am Freitag auf dem Rudolfplatz in Köln auf ein Stück Kuchen, oder am Freitag danach in Wuppertal, oder auf einen Muffin, oder einen Schnack.

Und jetzt: Film ab

PS:

Liebe Vera, ich hasse dich natürlich nicht. Im Gegenteil!

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4 Kommentare

  1. Pingback: Mach, was du liebst, und werde glücklich damit. #BTK14 | Hendryk Schäfer

  2. Pingback: Zu Gast bei der Critical Mass in Düsseldorf | *Talradler

  3. Moin, Hendryk!

    -Na wenn ich Deinen Namen und die Bienenstichgeschichte gestern noch ernsthaft zu würdigen in der Lage gewesen wäre, hätte ich Dich nicht durch Dein Geklapper beschrieben…! Es war mir ein Vergnügen mit euch fahren zu können. Bis demnächst vielleicht. MFG (und mit Kontaktdaten…), Oliver

    • Moin Oliver!

      Danke für deinen lieben Kommentar. Ich kann auch gut mit der Beschreibung leben, dass ich der mit dem Geklapper bin. Den Bienenstich mache ich dennoch am 3. Oktober in Wuppertal. ;-)

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