Gedöns
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Freefont des Monats: Vollkorn

Vollkorn – Echt kernig.

Neben Yanones Yanone Kaffeesatz und Jos Buivengas Museo ist sie ein Klassiker der Freefont-Szene. Veröffentlicht wurde sie 2006 von Friedrich Althausen, der jedoch kontinuierlich an ihr arbeitete, Zeichen korrigierte und jüngst vier neue Schnitte schuf und den Zeichensatz unter anderem um das kyrillische Alphabet erweiterte. Der Rede ist von der Vollkorn.

Einordnung/Charakteristik

Die Vollkorn spielt in einer eigenen Liga. Sie gehört zu den dynamische Serifenschriften, wirkt aber im Gegensatz zu bekannteren Vertretern dieser Gattung (Garamond, Swift) ziemlich robust und schwer; sie ist wahrlich das Vollkorn unter den Schriften.

Sonderlich offen sind ihre Buchstabenformen daher nicht, da trifft sie ziemlich gut die Mitte zwischen geschlossenen und offenen Formen. Ihre Abstriche sind kräftig, die Rundungen organisch ohne angestrengte Schwünge und auch die Serifen fallen solide aus.

Eigenheiten der Vollkorn

Die kursiven Schnitte der Vollkorn laufen allesamt ein wenig schmaler als die aufrechten. Mit ihrem dennoch deutlichen Strichstärkenkontrast haben sie eine leichte handschriftliche Anmutung, wirken aber vor allem ein wenig leichter als ihre aufrechten Geschwister. Alle Schnitte ergänzen sich zu einer breit laufenden harmonischen Schriftfamilie, deren Schwerpunkt auf der Mittellänge liegt

Überhaupt kann man sagen, dass kein Buchstabe durch besondere Extravaganzen aus einem ruhigen Erscheinungsbild heraussticht, im Gegenteil: Alles sieht vertraut aus.
Im Ergebnis ist es aber genau das, was sie so sympathisch macht: Sie ist unauffällig und gut lesbar. Nur die beiden fetten Schnitte (Bold und Bold Italic) sind alles andere als unauffällig. Sie laufen so breit und haben so massive Formen, dass sie den Eindruck erwecken, als wollten sie keinesfalls außerhalb von richtig großen Überschriften angewendet werden. Es geht trotzdem, erfordert aber einen sehr bewussten, sparsamen Einsatz.

Umfang/Ausbau

Gab es die Vollkorn bis Ende letzten Jahres nur in vier Schnitten (Regular, Italic, Bold, Bold Italic), so bietet sie jetzt die doppelte Anzahl und schließt endlich die riesige Lücke, die sich zwischen dem schon robusten Regular-Schnitt und einem überaus gehaltvollen Bold-Schnitt aufgetan hatte. Mit der Vollkorn Mittel und der Vollkorn Halb Fett gibt es jetzt endlich im Fließtext nutzbare Schnitte zur Textauszeichnung, denn dafür war und ist Bold einfach zu fett.

Sechs Schnitte reichen für fast alle Fälle.

Der Zeichenumfang (535 Glyphen bei den Aufrechten, 458 Glyphen bei den Kursiven) deckt fast alle Bedürfnisse ab. Die europäischen Sprachen lassen sich abbilden und auch ein kyrillisches Alphabet ist zumindest in den aufrechten Schnitten vorhanden. Um Zeichen wie das Versaleszett ist die Vollkorn nicht verlegen und bietet sogar eine besonders schöne Form als Alternative an, so wie es auch für andere Buchstaben alternative Formen gibt, und auch Ligaturen gibt es in Hülle und Fülle. Selbst an Mediäval- und Versalziffern für verschiedene Einsatzzwecke hat Friedrich Althausen gedacht. Nur echte Kapitälchen gibt es leider keine.

Vollkorn: eine Brotschrift mit Biss

Besonders schön aber: Für einzelne Zeichen gibt es in den ganz fetten Schnitten einige eigens gezeichnete Formen – und sogar ein Interrobang hat sich in den Zeichensatz verirrt.

Praxistest

Man sollte meinen, dass es mehr als genügend Serifenschriften gibt. Man sollte auch meinen, dass der Markt der warmen Serifenschriften gesättigt ist, denn die Auswahl ist groß. Der Vollkorn gelingt es aber dennoch eine Nische zu besetzen. Sie ist so robust und warm und gleichzeitig unprätentiös, dass neben ihr kaum eine (zumal noch kostenfreie) Schrift bestehen kann, die die gleichen Kriterien erfüllen soll.
Sie will eine großartige Brotschrift sein, und das ist sie auch. Abgesehen von den fetten Schnitten ist sie perfekt darauf abgestimmt, in langen, langen Texten zu funktionieren und das macht sie auch mit Bravur. Sie braucht nur Raum und Luft zum Atmen. Für kleine, kompakte, vor allem platzsparende Bücher ist sie also nichts. In großzügigen Schmökern (Achtung, Werbung!) wie „Wäre nicht der Bauer – hätten wir kein Brot“, die selbstbewusst mit dem ihnen zur Verfügung stehenden Platz umgehen, kann sie glänzen. Mit großem Durchschuss gesetzt, gibt sie selbstbewussten Büchern ein gutes Gefühl.

Rechtliches

Die Vollkorn steht unter der Open Font License. Sie gilt somit als echte Open-Source-Schrift, deren Datenbestand auch modifiziert werden darf. Ein Recht zum Verkauf der Schriftdaten ergibt sich daraus aber nicht.

Downloads

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