Gedöns
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Zurück zur Natur – mein Weg zum Brot

Kölner Röggelchen, der zweite Anlauf

Kölner Röggelchen, der zweite Anlauf

Es gibt Momente im Leben, da frage ich mich, was das alles soll; Momente, in denen ich einfach nicht mehr weiter weiß.
Regelmäßig – um jetzt nicht in eine Sinnkrise abzurutschen – passiert mir das beim Bäcker: Ich habe gefühlte einundelfzig verschiedene Brotsorten zur Auswahl und weiß nicht einmal, was sie darstellen sollen. Das ist im Eiscafé einfacher.
Da ich aber selten angesichts der hinter mir schon anstehenden Schlange und mangels meiner Fachkenntnis mit dem oder der Bäckereifachverkäufer_in fachsimpeln möchte, welches Brot sich warum wie anfühlt und wie schmeckt, und was da alles drin ist, stehe ich armer Tor also stets so klug als wie zuvor vor der Auslage und weiß nicht, was ich nehmen soll. Doch ich habe jetzt einen Ausweg aus meinem Dilemma gefunden.

Ein Schritt zurück

Es gibt Fotos von mir in Lederhose auf dem Bauernhof meiner Großeltern in der Pfalz. Damals, in den Neunzigern, hatten meine Großeltern noch ein paar Schweine, die ich, wenn ich mal da war, auch füttern durfte. Sie waren – neben der Hofanlage mit Misthaufen, Ställen und Wohnhaus und dem Traktor (Deutz D-06) – die letzten Überbleibsel eines Nebenerwerbsbauernhofes, auf dem mein Vater noch mit Pferden, Kühen und vielem mehr aufgewachsen ist. Ich wusste also früh schon, woher die Wurst kommt und wie lecker gute Pfälzer Leberwurst sein kann. Ich kann mich auch noch gut an den Gestank erinnern, den so eine Wurstproduktion verursachen kann.
Auch wenn es ein Grundgesetz ist, dass Großmütter die besten Köchinnen sind, so konnte meine Großmutter noch besser backen. Ihre Buttercremetorten (natürlich mit Marzipanrosen!) waren legendär. Ich kenne meine Großmutter väterlicherseits gar nicht anders als mit einem Becher zum Abmessen des Mehls und einer Laufgewichtswaage für alles, was die Skala des Messbechers nicht kannte. Ziehe ich noch den Rest meiner Familie in Betracht, dann fiel mir meine Leidenschaft fürs Kochen und Backen quasi in die Wiege. Ich konnte letztlich gar nicht anders als gerne selbst zu kochen und zu backen. Warum habe ich eigentlich etwas anderes gelernt?

Zurück ins Jetzt

Es ist jetzt nicht so, dass ich schon immer nur selbst und bio und mit frischen Zutaten gekocht oder gebacken habe. Es ist leider noch heute nicht immer so. Viel zu oft – und das ist wohl einer größten Nachteile eines langen Arbeitstages mit weiten Arbeitswegen – steht das abendlichen Kochen unter dem Motto „Was ist lecker und geht schnell?“

Doch ohne dass ich mir zum Jahreswechsel bewusst den Vorsatz gemacht hätte, daran etwas zu ändern, hat sich doch etwas verändert. Anstatt immer wieder dieselben Gerichte zu kochen, die ich dafür aber im Schlaf beherrsche, schaue ich jetzt gezielt in Büchern und auf Webseiten nach schnellen, nicht allzu aufwändigen Gerichten, die ich noch nie gemacht habe. Absurderweise schreibe ich mir seit Jahresanfang auch auf, was es abends zu essen gab. Ich weiß nicht einmal, warum ich das tue.

Während ich immer mal wieder durch Kochblogs stöberte, stieß ich vor einiger Zeit auf ein Brotbackblog. Zuerst war es nur interessant, darin zu lesen und die wirklich tollen Fotos zu bewundern, doch irgendwann kam mein persönlicher „Das wär’ doch gelacht“-Moment. Das wär’ doch gelacht, wenn ich das nicht auch könnte.
Damit wären wir also wieder bei der Auslage beim Bäcker.

Brot backen

Es war sicherlich motivierend, dass meines Freundes Vater auch schon seit einiger Zeit sein Brot selbst bäckt. Anstatt zu planen und zu überlegen, wie ich es machen könnte, nahm ich neulich wie einst Lutz Geißler einfach die Anleitung von Pöt zur Hand, holte Mehl, verrührte es mit Wasser und wartete und rührte und wiederholte den Vorgang mehrfach, bis nach diversen anderen Schritten ein Brot gebacken war.

Mein erstes Brot. Es war den Umständen entsprechend.

Mein erstes Brot. Es war den Umständen entsprechend.

Das Ergebnis war enttäuschend, denn es entsprach nicht meinen Erwartungen. Aber wie sollte es das auch, wo ich doch so frei mit dem Rezept umgegangen war? Es hatte das falsche Mehl und keine Ahnung von der richtigen Teigverarbeitung, aber schmecken tat es trotzdem. Immerhin wusste ich zumindest in Teilen, warum es nicht so wurde wie es werden sollte.

Seit diesem ersten Versuch, ein Brot ohne Fertigbackmischung und Hefe zu backen, sind jetzt gut zwei Wochen ins Land gezogen. Das Brot ist endlich verputzt und nachdem letzte Woche die „Operation Röggelchen“ (die ersten selbst gebackenen Brötchen, die ich auch im Rückblick noch so nennen würde) deutlich zufriedenstellender verlief, habe ich sie heute wiederholt und dazu noch ein neues Brot für die nächste Woche gebacken.

Worauf es wirklich ankommt

So fängt es an mit dem Brot. (Bildbeschreibung: Nahaufnahme von goldgelben, reifen Getreideähren vor einem Getreidefeld. Dahinter erscheinen unscharf die Berge nördlich von Leutesdorf am Mittelrhein.)

So fängt es an mit dem Brot.

Wobei: „heute gebacken“ ist relativ; das war die erste und wahrscheinlich auch wichtigste Erfahrung, die ich beim Brotbacken gemacht habe. Es gibt kein „mal eben etwas tun“. Fertigbackmischungen suggerieren es zwar ebenso wie es unzählige Rezepte tun, aber wenn ich nicht unbedingt mit Unmengen an Hefe backen will, dann braucht das Backen einfach seine Zeit.
Dabei will ich nichts gegen Hefe sagen – es geht wenig über einen guten Hefeteig –, aber wenn ich keinen Hefegeschmack möchte, dann muss ich sehr sparsam mit ihr umgehen.

Ein einfaches Roggenmischbrot

Ein einfaches Roggenmischbrot

Handwerk – und das ist das Backen ja eigentlich – braucht einfach seine Zeit. Damit zum Beispiel heute die Brötchen um 11 Uhr fertig wurden, stand ich heute morgen seit kurz vor Acht in der Küche. Nehme ich alle rezeptrelevanten Schritte noch dazu, dann habe ich bereits gestern Mittag angefangen. Der Teig musste gehen und garen, das geht nicht in zehn Minuten.

Doch auch, wenn ich quasi für zwei Frühstücksbrötchen heute schon um halb Acht wach wurde – und das an einem Sonntag! –, so war es mir das wert. Etwas selbst gemacht zu haben und es sozusagen gemessenen Schrittes getan zu haben, einfach nicht „mal eben“ etwas erledigt zu haben sondern Zeit zu haben und Zeit zu geben, das war es mir wert – und der Duft in der Küche und der Geschmack von Brot und Brötchen sagen mir, dass es richtig war, einfach mal zu machen.
Der Anfang ist gemacht. Jetzt kann es nur noch besser werden.

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  1. Pingback: Ich baue mir ein Brot | Hendryk Schäfer

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