Gedöns
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Fast ein Interview

Da sitze ich im Prinzip schon seit der diesjährigen Weihnachtsbackorgie leidlich erfolglos an einem Blogbeitrag über ebenjene Backorgie und will eigentlich nur die Rezepte verbloggen, doch stattdessen geht mir so ein Stöckchen voller Fragen, obwohl sie durchaus existenziell sind, wesentlich lockerer von der Hand. Manchmal finde ich mich recht seltsam.
Aber sei es drum. Als Freund von Stöckchen aber Feind von Kettenbriefen will ich nur den Teil übernehmen, der mir gefällt, immerhin fand ich die Fragen bei Till Westermayer, der sie zur freien Verfügung gab. So spare ich mir nur das Bild, will aber auf seine Fragen antworten.

Fragen über Fragen

1. Wo ist dein Platz, an dem du am Tiefsten zur inneren Ruhe kommen kannst?

Es ist nicht an einem stillen See und auch nicht in einem dunklen Wald, nicht in meinem Bett, auf dem Sofa oder an einem anderen Ort, wo ich zur Ruhe finde. Wo ich zur Ruhe finde, ist unterwegs, auf dem Rad, allein in freier Wildbahn. Was ich für innere Ruhe brauche, ist Abstand, und den bekomme ich am besten, wenn ich mit meinen Eindrücken allein bin. Je weniger Verkehr, desto besser ist es natürlich, aber der Rhein-Radweg ist auch in Ordnung. Selbst ein Ziel kann ich haben, das ist okay, aber vorwiegend ist es wohl die Gleichmäßigkeit, die mich beruhigt, die meine Gedanken schweifen lässt. Der Körper hat ein Ziel, nur mein Geist dreht frei.

2. Welchen Ort möchtest du noch besuchen?

So gern ich auch die ganze Welt mit dem Rad erkunden möchte, so gibt es doch auch einen mir noch unbekannten Ort, der dabei unbedingt dabei sein sollte: Lissabon – schon weil ich noch nie so weit im Süden und so nah am Atlantik war. Dass es dort eine Straßenbahn gibt und die SPrache so schön klingt, nehme ich dann gerne in Kauf.

3. Was macht dich so richtig wütend?

Ignoranz. Ich kann es absolut nicht leiden, wenn andere Menschen Dinge tun und darin zeigen, wie egal ihnen die anderen sind. Das fängt bei Zweite-Reihe-Parkern und Gehwegradlern an und endet bei Menschen, die glauben, sie könnten alles machen, weil ihnen niemand widerspricht.

4. Wofür wirst du dich 2014 engagieren?

Ich bin kein Mensch, der auf die Straße geht und demonstriert – gleichwohl es oft genug durchaus sinnvoll wäre. Ich bin auch niemand, der sich an einen Stand stellt und Leute in Gespräche verwickelt um sie zu überzeugen. Ich bin Mediengestalter mit einem Faible für Typografie; ich arbeite im Verborgenen, wo niemand mich sieht, sondern nur das, was ich tue.
Als Radfahrer sehe und merke ich aber mit jeder Fahrt, wo es im Straßenverkehr hakt, und als Radfahrer in Düsseldorf erlebe ich jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse, wo von allen Verkehrsteilnehmer_innen die Straßenverkehrsordnung aus den unterschiedlichsten Gründen gebeugt wird.
Daran möchte und werde ich arbeiten, dass der Straßenverkehr für alle Beteiligten sicherer wird, und das aus meiner Perspektive: als Radfahrer, der mal gerne effizient ein Ziel erreichen will und mal einfach nur so unterwegs ist. Ob das Mitwirken beim ADFC dafür das Richtige ist – wer weiß? Vielleicht finde ich mich ja auch mal in einer Critical Mass wieder. Vielleicht fahre ich einfach auch mit anderen Menschen irgendwo her. Vielleicht entwerfe ich auch Flyer oder Ähnliches.
Was genau ich also mache, steht also noch nicht fest. Warum ich es machen werde, weiß ich aber schon, und wie ich es machen möchte, auch: konstruktiv und humorvoll. Der Straßenverkehr ist schon aggressiv genug.

5. Was bereichert dein Leben zur Zeit am meisten?

Die Bahn. Jeden Tag mit der Bahn fahrend treffe ich jeden Tag andere Menschen und andere Situationen, ab und zu auch mal ein paar Bekannte. War es gestern noch die Mitpendlerin mit Fahrrad, der ich ein frohes Fest wünschte, obwohl wir uns sonst nie unterhalten, ist es heute ein Zug voller anlässlich der Feiertage zur Familie reisender Eltern mit kleinen Kindern, wird es morgen vielleicht eine verspätete und überfüllte S-Bahn voller Fußballfans auf dem Weg zum Stadion sein. Was auch wird, wird es doch nie langweilig und jeder Tag im Zug ist auf seine Weise ein guter Tag. (Und bald schon habe ich mein eigenes Zimmer im Zug.)

6. Worauf freust du dich 2014?

Wenn ich jetzt schon wüsste, was mich im Jahr 2014 erwarten wird, könnte ich schon manches mehr benennen, worauf ich mich freue. Auf jeden Fall freue ich mich aber auf ein neues Jahr für die Alte Musik Session im Café Central in Köln, eine kleine, aber feine – ich will’s eigentlich nicht sagen – Veranstaltungsreihe, bei der sich Menschen einmal im Monat zum Improvisieren treffen. Worauf ich mich auch freue, ist jede freie Minute, die ich bei Wind und Wetter auf dem Fahrrad verbringen kann, aber auch die Arbeit, die auf mich zukommen wird. Aber das alles ist erst der Anfang eines tollen Jahres.

7. Welches Buch sollte ich unbedingt gelesen haben?

„Madame Verona steigt den Hügel hinab“, oder wie es im Original heißt: „Mevrouw Verona daalt de heuvel af“, was wesentlich rhythmischer klingt, von Dimitri Verhulst. Eine alte Frau beschließt, nachdem sie den letzten von ihrem vor vielen Jahren verstorbenen Mann geschlagene Holzscheit verfeuert hat, ihr Haus auf einem Hügel zu verlassen und sich unten im Dorf zum Sterben auf eine Bank zu setzen, und während sie den Weg zu ihrem Ende geht, lässt sie ihr ganzes Leben, und ihr Leben in diesem fiktiven belgischen Dorf und all die Absurditäten des Alltags Revue passieren – ein wunderbar poetisches, tragisches und heiteres Buch für stille Stunden in der dunklen Zeit.

8. Welches Buch hast du zuletzt fertig gelesen, und wo?

Welches Buch ich zuletzt fertig gelesen habe? „Little Brother“ von Cory Doctorow war es, und es geschah irgendwo in einem Zug, auf dem Smartphone. Weil es geht. Weil es ein tolles Buch ist (das war das vierte Mal, dass ich es las). Und weil immer wieder etwas Neues in ihm zu entdecken gibt, was leider schon Realität wurde.

9. Ich verlasse das Haus nie ohne …?

… mein Smartphone. Das klingt jetzt nicht sonderlich innovativ oder bedeutsam, aber mein Smartphone vereint so viele Funktionen für mich, dass mir etwas fehlt, wenn ich es nicht bei mir habe. Es ist meine Kamera, denn die beste Kamera ist immer die, die man dabei hat. Es ist meine Zeitung, denn wozu soll ich meine Mitreisenden erschlagen, wenn ich auch auf einem Bildschirm blättern kann. Es ist meine Telefonzelle, auch wenn ich die auch nicht benutzt habe. Es ist mein Schachpartner, wenn mal niemand in der Nähe ist. Und es ist meine Speaker’s Corner, denn auch bloggen kann ich damit gut.
Nur ohne Schlüssel aus dem Haus zu gehen, fühlt sich schlimmer an.

10. Was ist für dich Arbeit?

Arbeit ist anstrengend. Mein Beruf nicht. Ich bin Mediengestalter und ich bin es gerne. Was ich dort mache – sei es nun das Platzieren von Text auf einer stilistisch vorgegebenen Visitenkarte, die gestalterische Entwicklung eines kompletten Buches mit einem besonders verarbeiteten Umschlag und der Abklärung von Reproduktionsrechten (will sagen: Dürfen wir eine Abbildung aus einem anderen Buch verwenden?) oder der Druck und die buchbinderische und postalische Verarbeitung (Falzen, Schneiden, Heften, Kuvertieren und Frankieren) einer umfangreichen Broschüre in einer hohen Auflage innerhalb kürzester Zeit – macht mir Spaß, auch wenn es oft vor allem eine hohe nervliche Belastbarkeit erfordert, weil erst sechs Stunden lang absolut nichts zu tun kann und dann in den letzten beiden Stunden des Tages vier Aufträge auf einmal kommen und alle am besten gestern fertig gewesen sein sollten.
Arbeit ist für mich vor allem die Arbeit an mir und meinen Schwächen. Arbeit ist es für mich, konsequenter zu werden und energischer und Ideen nicht nur zu haben, sondern auch sie umzusetzen. Ich weiß, dass ich darin nicht gut bin, aber das zu ändern fällt mir am schwersten.

11. Glaubst du, dass es insgesamt und überhaupt so weitergehen kann? Und wenn nicht: was ziehst du für Schlüsse daraus?

Es kann so nicht weitergehen, definitiv. Im Großen bin ich unzufrieden mit der gesellschaftlichen Situation, im Kleinen mit meiner Work-Life-Balance, wie es immer so schön heißt. Für das große Ganze heißt das: mehr Engagement, mehr Einmischung. Was das für das Kleine heißt, hat hier aber nichts verloren.

Und jetzt ihr

Gemäß den Regeln dieses Kettenbriefs (die ich ja eh nur lose befolge), darf ich nun Euch Fragen stellen und um Antwort bitten. Dabei werde ich durchaus Fragen von Till recyceln. Here we go.

  1. Auf welche persönliche Leistung aus dem Jahr 2013 bist Du besonders stolz?
  2. Wann ist für Dich ein Tag ein guter Tag?
  3. Welches Buch sollte ich unbedingt gelesen haben?
  4. Was ist für Dich Arbeit?
  5. Was würdest Du am meisten vermissen, wenn man es Dir nähme?
  6. Wen würdest Du gerne noch einmal treffen?
  7. Was macht für Dich alltägliche Mobilität aus?
  8. Hättest Du die Gelegenheit zu einem Sabbatjahr, dann …?
  9. Am ehesten komme ich zur Ruhe, wenn …?
  10. Was willst Du verändern und warum und wie?
  11. Worauf freust Du Dich 2014?

Und von wem erhoffe ich mir nun Antworten? Von Dominic, Ninette, Nicolas, Henning, Vera, Nico, Dominik, Aleks, Franziska und Dir.

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