Gedöns
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RP Online relauncht sich ins Jahr 2012

Es war der Rheinischen Post nicht einmal eine Pressemitteilung wert: Am Samstag, dem 9. November, erschien ab etwa 13.30 Uhr ihr Onlineableger RP Online in einem neuen Gewand. Dabei wäre dieses Redesign durchaus einer Meldung wert gewesen, denn es ist die erste größere Veränderung von RP Online seit der Umgestaltung der Website durch die Agentur interone im Jahre 2006.

Was RP Online seinen Leser_innen in einem eigenen Vorstellungsbeitrag verspricht, ist nicht wenig: eine „klarere Struktur, ein frisches, übersichtliches, großzügiges Layout – [sic!] und eine persönliche Note!“ Was das Team um Redaktionsleiter Oliver Havlat davon einlösen kann, möchte ich Euch jetzt gernen erklären.

So sieht RP Online aus: vorher (links) und nachher (rechts)

Die Eckdaten

RP Online ist mit rund 70 Millionen Page Impressions (nachzulesen bei der IVW) mit das am meisten besuchte Portal einer regionalen Tageszeitung. Noch öfter werden in dieser Branche nur die Webseiten bundesweit vertriebener Magazine und Zeitungen aufgerufen. Die Rheinische Post hat eine verkaufte Auflage von rund 320.000 Exemplaren pro Tag und spielt auch damit in der gleichen Liga wie online, sie erreicht täglich rund eine Million Leser_innen und konkurriert somit in allen Punkten mit DerWesten.de und der WAZ als Hauptprodukt der Funke Mediengruppe. Die RP beschäftigt knapp 240 Redakteur_innen und Volontär_innen.
Von dieser Situation ausgehend ist ein Redesign von RP Online durchaus mehr als nur die Neugestaltung einer Zeitungswebseite.

Das Erste, was mir auffällt, ist die neu gewonnene Größe von RP Online. War der alte Auftritt gerade 804 Pixel schlank, nimmt sich der neue immerhin 940 Pixel in der Breite. Im Gegensatz zum Vorgänger kommt die neue Website aber konsequent mit zwei Spalten aus. Es gibt eine breite Spalte für den im Vordergrund stehenden Content und eine schmale Spalte für weitere Meldungen und Ergänzungen zum Artikel. Dabei wechselt die breitere Spalte auf den Artikelseiten nach rechts. Nicht nennenswert geändert hat sich aber, dass RP Online am linken Bildschirmrand klebt.

Auch die Farbigkeit des neuen RP Online wurde modifiziert: Wo vorher Orange sehr dominant war und Gelb das Bild nur ergänzte, ist jetzt ein etwas aufgefrischtes Gelb die einzige Akzentfarbe, das zugleich näher an den Printableger „Rheinische Post“ rückt. Die Farbe selbst wurde dabei großzügiger eingesetzt, nur im Header findet sich nun weniger Gelb. Orange taucht nur noch auf, um Werbung zu kennzeichnen.

Generell wird den Texten mehr Weißraum gewährt, das neue Design wirkt in der Tat großzügiger und klarer. Das ist eine große Verbesserung.

Die Navigation

So sieht es aus, wenn sich die Navigation von RP Online ausklappt.

So sieht es aus, wenn sich die Navigation von RP Online ausklappt.

Findet sich auf vielen anderen Nachrichtenportalen (DerWesten.de, Spiegel Online, FAZ) eine horizontale Navigation, aus der die Unterpunkte der einzelnen Navigationselemente als Liste nach unten ausklappen, geht RP Online hier einen anderen Weg. Aus der horizontalen Navigation klappt das aus, was andere Portale als Schaufenster fix integriert haben: ein Bild mit daneben stehenden Topmeldungen. Zusätzlich dazu finden sich links vom Bild die Unterpunkte als Liste.
Die zweite Zeile der Navigationsleiste dient dabei auf der Startseite als Platz für Tickermeldungen und auf Artikel- und Unterseite als Raum für eine Breadcrumb-Navigation, ganz ähnlich wie bei Süddeutsche.de.

Die Navigationsleiste als solche ist – auch eine Rarität in der deutschen Medienlandschaft – fix. Sobald ich die Seite hinunter scrolle und sie zu verschwinden droht, klebt sie sich an den oberen Bildschirmrand. So etwas sah ich zuletzt bei kabel eins. Da sie dabei aber recht schmal bleibt, ist das ein deutlicher Zugewinn in Sachen Usability. Kurios ist nur, dass die Schrift dabei phasenweise fetter, unscharf oder dunkler wird.

Ungewohnt, nicht immer intuitiv, aber sehr nötig: das Interaktions-Menü.

Ungewohnt, nicht immer intuitiv, aber sehr nötig: das Interaktions-Menü.

Ebenfalls ein Element, das sich so sicherlich nicht oft wiederfindet, ist das rechts senkrecht angeordnete Interaktions-Menü, bestehend aus einem lesezeichenähnlichen Symbol, Sharing-Buttons und einem Buttons zur Vergrößerung der Schrift. Dazu kommen dannnoch ein Button, um zu den Kommentaren bzw. zum Kopf der Seite zu springen. Für Menschen, die sich tagtäglich online bewegen, sind diese sicherlich leicht zu entziffern – und sie sind auch bitter nötig, denn zwischen Artikel und Kommentare liegen doch noch einige Meter Werbung.

Schrift ist, was wir lesen

Ohnehin zähle ich die Schrift nicht unbedingt zu den Stärken von RP Online – und das bei einer Zeitung! Dabei scheint Redaktionsleiter Havlat selbst sehr stolz darauf zu sein, dass Webfonts eingesetzt werden: „Wir verwenden neue, für die Bildschirmdarstellung optimierte Schriftarten (für alle, die es genau wissen wollen: Es sind die „Lato“ [sic!] und die „Merriweather“ [sic!] aus dem Google Font Pool).“ Allein für den Einsatz von Webfonts an sich könnte man der Rheinische Post an dieser Stelle schon auf die Schulter klopfen, steht man doch neben der Süddeutschen Zeitung und der Braunschweiger Zeitung damit ziemlich allein auf weiter Flur.

Warum ich davon aber absehen muss, zeigt aber auf, wie sehr Schriftgestaltung wertgeschätzt werden kann und wieviel davon im Hause der Rheinische Post übrig bleibt. Die Braunschweiger Zeitung setzt online zumindest für die Überschriften die gleiche Schrift ein wie auf Papier, die Süddeutsche Zeitung hat sich sogar eine eigene Schriftsippe (bestehend aus einer serifenlosen Schriftart, einer Serifenschrift für den Fließtext und eine Schrift für die Überschriften) entwickeln lassen, die sie auch im Web einsetzt. Die Rheinische Post hingegen setzt auf Freefonts, der Kosten wegen.

Oben: Publico Text, die Brotschrift der RP. Unten: Merriweather, muss für’s Web reichen.

Oben: Publico Text, die Brotschrift der RP. Unten: Merriweather, muss für’s Web reichen.

Auch den Unterschied sieht keiner: Guardian Sans (oben) auf Papier, Lato (unten) im Web.

Auch den Unterschied sieht keiner: Guardian Sans (oben) auf Papier, Lato (unten) im Web.

Dabei will ich nichts gegen Freefonts sagen; es gibt viele gut ausgebaute und vielfältig einsetzbare Schriften, die unter Lizenzen vertrieben werden, welche mir auch ohne (großes) Budget die legale Nutzung ermöglichen. Gerade die Lato und die Merriweather sind dafür gute Beispiele. Die Rheinische Post aber sah sich schlicht finanziell nicht in der Lage, das nötige Kleingeld in die Hand zu nehmen, welches sie gebraucht hätte, um auch online noch mehr so auszusehen wie auf dem Papier. Stattdessen hieß es wohl „Nehmt doch etwas, was so ähnlich aussieht. Merkt doch eh keiner.“ Und es stimmt ja leider auch.

Umsonst ist nur der Tod: miserable Schriftdarstellung in Chrome unter Windows 7.

Umsonst ist nur der Tod: miserable Schriftdarstellung in Chrome unter Windows 7.

Ärgerlich für alle Beteiligten wird es nur, wenn der Schuss so dermaßen in den Ofen geht, weil die Schrift am Bildschirm in einer handelsüblichen Konfiguration (Windows 7, Google Chrome) einfach hundsmiserabel dargestellt wird. Da merkt man dann doch den Unterschied zu perfekt auf den Einsatzzweck angepassten Fonts, wie die Süddeutsche sie einsetzt.

War bis Montagmorgen noch für die Teaser und die Kommentare noch die Kursive der Merriweather im Einsatz, erscheint seitdem hier der normale Schnitt. Ein kleiner Schritt in Richtung besserer Lesbarkeit.

Nur mal unter uns: Ginge man von nur 50 statt 70 Millionen Page Impressions aus, müsste die Rheinische Post einmalig rund 18.000 US-Dollar in die Hand nehmen, hätte dafür aber genügend Schriftschnitte zur Hand, um das RP-Feeling eins zu eins auch ins Netz übertrügen. Ja, ich weiß: 18.000 US-Dollar sind eine ordentliche Stange Geld – aber für so ein umfangreiches Redesign werden auch schon ganz andere Summen in die Hand genommen. Was für eine Aussage ist es zudem, an dieser Stelle zu sparen, wenn RP-Verleger Karl Hans Arnold in einem Gespräch mit Meedia noch vor einem Jahr sagte: „Wir wollen unsere Zukunft aktiv gestalten und sind auf Wachstum eingestellt. Die dafür erforderlichen Spielräume haben wir.“ Doch Markenführung und so Gedöns wird ja auch überbewertet.

Und wo ich schon so gut in Fahrt bin: Auch RP Online schafft es nicht, richtige Anführungszeichen zu benutzen – aber das schafft derzeit noch kein Nachrichtenportal, das gelingt nur Blogger_innen.

RP Online und das Mobile Web

So sieht RP Online auf einem Smartphone aus.

So sieht RP Online auf einem Smartphone aus.

Wäre es nicht schon 2013, müsste ich gar nicht fragen, ob denn das neue RP Online auch für Mobilgeräte optimiert wurde. … Machen wir es kurz: nein, wurde es nicht. Es gab für die bisherige Mobilseite ein kleines Facelift, welches mal gepflegt den ganzen Webfont-Spaß ignoriert und stattdessen kleine Standardschriften liefert – dabei kämen gerade auf diese kleinen, hochauflösenden Displays die Stärken solcher Fonts zum Tragen.
Was sonst so nicht geht: die Kommentare; die gibt es unterwegs scheinbar nicht. Was hingegen gut geht: das Tippen; das ist aber auch nötig, weil selbst kürzeste Artikel auf gefühlte zwanzigtausend Seiten verteilt werden.
Da stellt sich nun auch die Frage: Warum entwickelt man bei einem Redesign im Jahre 2013 nicht gleich die ganze Seite responsiv? Dann müsste man nur noch einmal entwickeln und hätte vom Smartphone bis zum internetfähigen Fernseher ein konsistentes RP-Erlebnis.

Size matters?

Die Startseite von RP Online. Nur Giraffen haben längere Hälse.

Die Startseite von RP Online. Nur Giraffen haben längere Hälse.

Großzügigkeit und Luftigkeit in allen Ehren, aber was RP Online mit seiner Startseite treibt, geht dann doch zu weit. Auch wenn es im Internet keine Platzbeschränkung gibt, muss man das doch nicht immer ausnutzen und einfach mal gefühlt alle Inhalte auf die Startseite klatschen – und wenn man es schon unbedingt tun muss, dann sollte man vielleicht die Struktur der Navigation eins zu eins abbilden und nicht plötzlich auf Unterpunkte zurückgreifen.
Klick doch mal auf das Bild hier links, dann entfaltet sich das neue RP Online in seiner ganzen Pracht.

Fazit

Im Großen und Ganzen ist das neue RP Online ein Quantensprung nach vorne. Wäre es auch vor einem Jahr erschienen, hätte man es sogar als gute Inspiration für andere nehmen können. Mittlerweile taugt RP Online leider nur noch als Inspiration. Es gibt viele gute Ansätze, aber allein die Beibehaltung der funktionsreduzierten Mobilseite ist nicht mehr zeitgemäß. Auch der Umgang mit Schriften verdient einen Rüffel. Das neue RP Online kommt in der Gegenwart an, aber zukunftsweisend ist es nicht.

Eine weitere fundierte Einschätzung findet Ihr bei Christian Zimmer.

PS: Versuch doch mal irgendein Wort von RP Online zu kopieren und einfach hier in einen Kommentar einzufügen. Viel Spaß dabei.

Update

Nachfragen bei Twitter hilft. Dass die Mobilseite nicht mehr angepasst wurde, hat einen simplen Grund: das Redesign kommt später, weil dort gezielt andere Themen und Anzeigen publiziert werden können sollen. Insofern gehe ich mit meiner Kritik dazu mal in Wartestellung. Für das Redesign zeichnet die Agentur KircherBurkhardt verantwortlich, die zuletzt der Rhein-Zeitung ein neues Gesicht gab.

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  1. Pingback: Links anne Ruhr (12.11.2013) » Pottblog

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