Gestaltung
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O, SH!FT – eine Blattkritik

In einer Zeit, da den Zei­tun­gen die Abon­nen­tIn­nen und Lese­rIn­nen weg­ster­ben, ein neu­es Maga­zin auf den Markt zu brin­gen, wel­ches auf Papier pro­du­ziert wer­den soll, braucht eine Men­ge Mut – oder Leicht­sinn. Wie es dazu kom­men konn­te, dass SH!FT ent­stand, habe ich vor eini­gen Tagen schon geschrie­ben. Das allein war mir aber zu wenig. Ich woll­te auch mal einen tie­fe­ren Blick in das Heft wer­fen. Hier kommt also mei­ne Design­kri­tik.

Als ich nach mei­nem Urlaub die Benach­rich­ti­gung, ich kön­ne ein Paket abho­len, im Brief­kas­ten fand, ahn­te ich schon, was da kom­men soll­te. Einer­seits war mir klar, dass in die­sem Zeit­raum nicht außer der SH!FT ankom­men soll­te, ande­rer­seits hat­te ich die SH!FT schon recht früh mit einer klei­nen Spen­de unter­stützt und lechz­te seit­dem nach Neu­ig­kei­ten. Die 25-sei­ti­ge Vor­schau hat­te ich also schon gele­sen, und auch einen Ent­wurf des Covers kann­te ich schon. Zu die­sem Zeit­punkt hat­te ich schon ein aus­führ­li­ches Feed­back ange­kün­digt, kam aber lei­der nicht dazu.

Der erste Eindruck

Als ich die SH!FT aus der Post-Filia­le abho­len woll­te, erhielt ich gegen die Benach­rich­ti­gung einen sehr sta­bi­len Umschlag. Noch auf dem Weg aus der Filia­le her­aus öff­ne­te ich ihn und zog die SH!FT her­aus. Wow! Was für ein dickes Ding – und dann auch noch mit Kle­be­bin­dung! Das Cover sah gut aus, und es fühl­te sich auch gut an. Ich schlug die SH!FT ein­fach auf, steck­te mei­ne Nase in das Papier und atme­te ein­mal tief ein. Ver­ges­sen war die gute Düs­sel­dor­fer Stadt­luft, ich roch nur noch eines: Off­set­druck­far­be, und davon reich­lich. Sen­si­ble­re Nasen hät­ten das viel­leicht als Gestank bezeich­net, aber das ist mei­ne Welt. Off­set­far­be ist mein Par­füm. Oder so.

Die ers­ten Tex­te woll­te ich direkt im Anschluss in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit lesen – allein es wur­de nichts, ich ging auf­grund einer etwas sehr ner­ven­auf­rei­ben­den Rück­rei­se aus dem Urlaub auf dem Zahn­fleisch und däm­mer­te den Tag so vor mich hin.

Reading articles

In den fol­gen­den Tagen las ich wäh­rend mei­ner Pen­de­lei immer mal wie­der den einen oder ande­ren Text und ging dabei fak­tisch line­ar vor, las das Heft von vor­ne bis hin­ten. Als Schnell- und Viel­le­ser wer­de ich dafür sicher­lich sechs bis sie­ben Stun­den gebraucht haben, eher ein biss­chen mehr. Denn in der Erwar­tung sei­end, dass ich zur SH!FT spä­ter even­tu­ell mal mei­ne Mei­nung abge­ben wür­de, neig­te ich dazu, ein­fach inne­zu­hal­ten und einen Stift zu zücken, wenn mir etwas auf­fiel, was ich für spä­ter ein­mal wich­tig wer­dend hielt – oder wenn ich einen Schreib­feh­ler fand. Mein Exem­plar der SH!FT sieht also bei wei­tem nicht mehr so aus wie sie es im Umschlag noch tat, von „Aus­lie­fe­rungs­zu­stand“ kann man defi­ni­tiv nicht mehr spre­chen.

So sieht es aus, wenn ich mich irgendwo festgebissen habe. Armes Premierenexemplar.

So sieht es aus, wenn ich mich irgend­wo fest­ge­bis­sen habe. Armes Pre­mie­ren­ex­em­plar.

Die Tex­te – und damit mei­ne ich alle außer den Tex­ten rund um „Wahr­heit“ – lasen sich sehr gut und flüs­sig und waren für mich auch nach­voll­zieh­bar und ver­ständ­lich. Ein Text war in eng­li­scher Spra­che ver­fasst; ich las es, war erstaunt und frag­te mich, war­um noch nie­mand zuvor auf die­se Idee gekom­men war. Davon hät­te ich in Zukunft ger­ne mehr.

Eine unbequeme Wahrheit

Das Schwer­punkt­the­ma die­ser ers­ten Aus­ga­be lau­tet „Eine unbe­que­me Wahr­heit.“ Dani­el Höly schreibt auf der zu SH!FT gehö­ren­den Web­sei­te dazu: „Das ver­deut­licht, dass in SH!FT auch erns­te und unan­ge­neh­me The­men behan­delt wer­den.“ Bezieht man dies auf den unmit­tel­bar dazu gehö­ren­den Arti­kel „Die unbe­que­men Wahr­hei­ten“, wel­cher der mit Abstand längs­te der gesam­ten Aus­ga­be ist (auch wenn er aus meh­re­ren Bei­trä­gen besteht), dann muss man die­sen Anspruch aber als ver­fehlt betrach­ten, denn es han­delt sich „ledig­lich“ um eine Ansamm­lung geis­tes­wis­sen­schaft­li­cher Betrach­tungs­häpp­chen. Was dann tat­säch­lich die unbe­que­men Wahr­hei­ten sind, musst du für dich selbst ent­schei­den. Da ist in mei­nen Augen zwar eini­ges dabei, aber ich kann mich nicht ent­schei­den, ob ich es gut fin­den soll, dass wir Lesen­de für so mün­dig gehal­ten wer­den, dass wir das selbst her­aus­fin­den kön­nen, oder ob ich nicht ein biss­chen mehr Klar­heit, was jetzt zum Titel­the­ma gehört, gut gefun­den hät­te.
Was aber gar nicht gegan­gen wäre – und da bin ich froh, dass es ver­mie­den wur­de –, wäre ein Heft gewe­sen, das sich in allen Tex­ten nur um unbe­que­me Wahr­hei­ten gedreht und dann Vor­stel­lun­gen von tol­len Gad­gets neben Elends­re­por­ta­gen gestellt hät­te.

Gute Zeilen, schlechte Zeilen

Da du wahr­schein­lich nicht zu den erlauch­ten Spen­dern gehö­ren wirst, bringt es jetzt wohl wenig, alle Tex­te ein­zeln zu bespre­chen. Im Gro­ßen und Gan­zen waren die Tex­te lesens­wert, facet­ten­reich und zeig­ten eine gro­ße Viel­falt jour­na­lis­ti­schen Dis­zi­pli­nen. Thus said möch­te ich aber exem­pla­risch auf eini­ge Tex­te etwas genau­er ein­ge­hen.

News auf einer Seite, und das recht heiter: „Gezwitscher“.

News auf einer Sei­te, und das recht hei­ter: „Gezwit­scher“.

Gezwitscher

Die Idee, Tweets in einem Maga­zin abzu­dru­cken, ist nicht neu, die Idee, eine Dop­pel­sei­te mit Ihnen zu fül­len und so einen kur­zen Abriss über das zu geben, was zuletzt geschah, wohl schon – und sie ist gut. So macht ein Vier­tel­jah­res­rück­blick Spaß, auch weil er – typisch Twit­ter – den Spa­gat zwi­schen phi­lo­so­phi­scher Ernst­haf­tig­keit und hin­ter­grün­di­gen Kalau­ern per­fekt beherrscht.

Medienpartner: Warum das Internet ins Fernsehen gehört

The­ma­tisch pas­send zu einem Maga­zin vom Inter­net für das Inter­net und oben­drein mit dem glei­chen Namen geseg­net wie „SH!FT“, nur anders geschrie­ben, darf hier eine Auto­rin eine Sei­te Wer­bung für „Shift“, eine Fern­seh­sen­dung über Inter­netthe­men, machen, immer­hin ist man ja auch Medi­en­part­ner. Man könn­te den Text auch für eine Vor­stel­lung hal­ten, aber das ist mit gera­de zu dif­fe­ren­ziert für ein biss­chen Pole­mik. In Anbe­tracht der Umstän­de habe ich aber aus­nahms­wei­se mal kei­ne Pro­ble­me mit der Ver­men­gung von Anzei­gen und Inhal­ten.

Re:think: Escaping the education trap or Why I left school

Mit sie­ben Sei­ten ist dies einer der längs­ten Tex­te. Er argu­men­tiert wort­ge­wal­tig und fak­ten­reich gegen die Schul­sys­te­me, die der Autor selbst erlebt hat­te, und für „true edu­ca­ti­on“, er ist streit­bar und mei­nungs­stark – und auf Eng­lisch. Selbst wenn ich mit ihm nicht über­ein­stim­me, muss ich doch aner­ken­nen: Da beherrscht jemand sein Hand­werk und ver­sucht mich für sei­ne Posi­ti­on zu ver­ein­nah­men und von ihr zu über­zeu­gen, und das gan­ze abseits der sonst so gern und oft gehör­ten The­men für Kon­tro­ver­sen. Dass die­ser Bei­trag nicht noch ins Deut­sche über­setzt wur­de, ist sozu­sa­gen das I-Tüp­fel­chen auf die­sem Text, den ich den­noch nicht für den bes­ten die­ser Aus­ga­be hal­te.

Plakativ: Poster, die die Welt erklären

Natür­lich gibt es für Gebrauchs­gra­fi­ken eige­ne Maga­zi­ne, Web­sei­ten und Blogs, natür­lich kann ich mir Abschluss­ar­bei­ten auch vor Ort an den Unis und Fach­hoch­schu­len anschau­en, und natür­lich gibt es unzäh­li­ge Tumb­le­logs die voll von Kunst­ka­cke sind – aber wie willst du das für Nor­mal­sterb­li­che attrak­tiv machen? Du musst es zei­gen, kom­men­tie­ren und erklä­ren, und zwar da, wo die Leu­te sind. Inso­fern habe ich die­sen Bei­trag nur stell­ver­tre­tend für den hohen Anteil an Foto­gra­fie, Gra­fi­ken und Gemäl­den aus­ge­wählt, denn hier wer­den gesell­schaft­li­che Prin­zi­pi­en und Geis­tes­hal­tun­gen kurz, prä­gnant und humor­voll zu Pla­kat gebracht.

Zoomed: Panning in der Fotografie

Das hat­te noch gefehlt: ein Tuto­ri­al – ein Tuto­ri­al oben­drein, das kei­nes ist, weil es die abzu­ar­bei­ten­den Schrit­te nicht klar genug her­aus­stellt und zu schlecht erklärt. What’s next? Koch­re­zep­te? Rei­se­tipps? Wie fli­cke ich einen plat­ten Fahr­rad­rei­fen? Für sol­che Din­ge gibt es bei wei­tem bes­se­re Prä­sen­ta­ti­ons­for­men: Vide­os, Gra­fi­ken, wha­te­ver. Vor allem aber ist das Tuto­ri­al ein sti­lis­ti­scher Bruch mit allem, was SH!FT bis­her war: erzäh­lend, mei­nungs­stark, kon­tro­vers, anspruchs­voll, ohne geis­ti­ge Fer­tig­nah­rung. Und jetzt kommt hier ein Ser­vice­bei­trag? Nein, dan­ke. Damit kann ich mal gar nichts anfan­gen.

Online und das richtige Leben

Die Absicht Online und Off­line gegen­über­zu­stel­len, um sie von­ein­an­der abzu­gren­zen mit dem Ziel, das eine zur Rea­li­tät zu erklä­ren und das ande­re eben nicht, soll­ten wir eigent­lich schon längst hin­ter uns gelas­sen haben. Schaue ich stell­ver­tre­tend für vie­le ande­re Ebe­nen des Lebens auf den Zeit­schrif­ten­markt, muss ich fest­stel­len, dass Online und Off­line ent­we­der zwei Sphä­ren sind, die nichts mit­ein­an­der zu tun haben, oder bes­ten­falls auf­ein­an­der ver­wei­sen. SH!FT nimmt auch hier eine Son­der­stel­lung ein: Es gibt online neben Arti­keln zum Anhö­ren (macht die Zeit auch) und Vide­os (macht die Süd­deut­sche Zei­tung eben­falls) direkt ver­link­te Blog­bei­trä­ge und ein spe­zi­el­les Online-Add-On: zusätz­li­che Tex­te im Maga­zin-Design, zum Blät­tern.
Die­se Idee, online ein­fach im bekann­ten Papier­lay­out wei­ter­zu­ma­chen, schwankt für mich ein klei­nes biss­chen zwi­schen Ana­chro­nis­mus und Inno­va­ti­on. Einer­seits kann im Prin­zip jeder Mensch PDF-Datei­en ins Inter­net stel­len, ande­rer­seits kann nicht jeder Mensch lay­ou­ten. Einer­seits ist es abso­lut unhand­lich am Bild­schirm Dop­pel­sei­ten zu blät­tern, um nicht zu sagen „nahe­zu unles­bar“ (es sei denn, man hat einen Fern­se­her als Bild­schirm), ande­rer­seits ist es eine schö­ne Kon­ti­nui­tät, die vom Design getra­gen dort ent­steht.

Was ich mir nur gewünscht hät­te, wäre mehr gewe­sen als nur ein blät­ter­ba­res PDF. Wir leben in Zei­ten schneller(er) Inter­net­ver­bin­dun­gen und Volu­men­flat­rates, war­um macht man dann so etwas nicht mul­ti­me­di­al? War­um bin­det man dann kei­ne Vide­os in die PDF ein? War­um baut man QR-Codes ein in Doku­men­te, die man eh nur am Bild­schirm betrach­ten kann? Und war­um muss man die­se PDF-Datei dann über issuu ein­bin­den? (Nichts gegen issuu, aber bei so einem viel­fäl­ti­gen Maga­zin wie SH!FT ist ein simp­ler PDF-Anzei­ger, der immer­hin Links klick­bar macht) wie ein Kor­ken, den jemand zu tief in den Fla­schen­hals gescho­ben hat.

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2 Kommentare

  1. Lie­ber Hen­dryk,

    end­lich kom­me ich mal dazu, dei­ne aus­führ­li­che (und bis­her mit Abstand längs­te) Kri­tik zu lesen. Zunächst ein­mal vie­len Dank dafür! Du hast dir rich­tig viel Mühe gege­ben, was mich wirk­lich beein­druckt. Mir bleibt eben­falls nichts zu sagen außer "Wow!" - fast nichts.

    Dein Fazit beschreibt es sehr tref­fend: "Es sind (…) vie­le gute Ansät­ze da, die ich ger­ne bei der nächs­ten Aus­ga­be der SH!FT wei­ter­ent­wi­ckeln wür­de (…)." Ja, SH!FT soll sich wei­ter­ent­wi­ckeln und ver­bes­sern. SH!FT soll nie­mals ste­hen­blei­ben und nie auf­hö­ren, dazu­zu­ler­nen. Das gilt auch fürs Design und Lay­out. Und hier fin­de ich dei­nen Bei­trag sehr wert­voll, da er den Blick auf Details lenkt, die mir so nicht bewusst waren und die ich mit Sicher­heit beim nächs­ten Mal anspre­chen wer­de.

    Damit man das im Kon­text nicht miss­ver­steht: Bei SH!FT war es mir zunächst ein­mal sehr wich­tig, dass die Arti­kel optisch auch zum Inhalt pas­sen - etwas, das oft­mals sehr schwie­rig ist und die Agen­tur aus mei­ner Sicht mit Bra­vour gemeis­tert hat. Denn nichts ist schlim­mer, als eine Optik-Inhalt-Sche­re. Das hat gepasst, das war stim­mig.

    Dass ins­ge­samt noch Luft nach oben ist, sehe ich auch so. Aber ich will den­noch ger­ne noch­mal fest­hal­ten, dass die Optik ins­ge­samt bei den Lesern sehr gut ankam (und sie von den vie­len Schrift­ar­ten tat­säch­lich nichts gemerkt haben) und vor allem eines super ver­mit­tel­te: ein erfri­schend-moder­nes Design, das zugleich ele­gant daher­kommt und in sei­ner Mischung ein neu­es, zeit­ge­mä­ßes Gefühl her­vor­ruft. Nichts­des­to­trotz gibt es ein paar Schwä­chen (die du völ­lig rich­tig erkannt hast), die beho­ben wer­den müs­sen.

    Dei­ne Kri­tik zeigt mir, dass Crowd­fun­ding der rich­ti­ge Weg war: Ich woll­te ein mög­lichst brei­tes Feed­back der Mas­se - und zwar kon­struk­ti­ve Kri­tik statt Honig ums Maul geschmiert. Die habe ich auch bekom­men - und mit dir vor allem aus der Sicht eines (pro­fes­sio­nel­len) Medi­en­ge­stal­ters. Noch­mals vie­len Dank dafür!

    Wich­tig war mir mit die­ser Erst­aus­ga­be zu zei­gen, wie viel Poten­zi­al in SH!FT steckt, wie so ein neu­es Maga­zin aus­se­hen könn­te und wie­so es die­ses Maga­zin geben soll­te. Und ich den­ke, dass die Erst­aus­ga­be die­se Fra­gen auch beant­wor­ten konn­te. Auch wenn es nicht ganz ein­fach war, den Spa­gat zwi­schen gerin­gem Bud­get (und wenig finan­zi­el­len Spiel­räu­men) und pro­fes­sio­nel­lem End­ergeb­nis hin­zu­be­kom­men. Wenn die Finan­zie­rung für die nächs­te Aus­ga­be klappt, kannst du dich auf jeden Fall über eine wei­ter­ent­wi­ckel­te zwei­te Aus­ga­be 2014 freu­en - und ich mich dann auf dei­ne zwei­te detail­lier­te Kri­tik. :-)

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