Gedöns
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Oper am Rande des Irrsinns

Foto: Hendryk Schäfer | Lizenz: CC-BY 3.0

Foto: Hendryk Schäfer | Lizenz: CC-BY 3.0

Wer mich kennt, weiß um meinen nicht immer – welch’ Untertreibung! – ganz formatradiotauglichen Musikgeschmack. Wer mich kennt, weiß um meine Vorliebe für Alte Musik, und weiß auch, dass Alte Musik für mich nicht jünger als zweihundertfünfzig Jahre sein kann. Mit diesem Musikgeschmack lag es nahe, dass ich mich irgendwann in die Welt der Oper verirren würde. Nun ist es aber so, dass ich jemand bin, der bisweilen gerne schon vorher wüsste, was ihn erwartet – es sei denn, es handelt sich um einen Kinofilm mit tollen Schauspielern und einem ansprechenden Plakat oder Trailer. Im Falle der Oper bin ich also jemand, der sich sehr gerne – Spotify sei Dank – schon einmal vorhandene Aufnahmen anhört und dann bei Wikipedia die Inhaltsangaben durchliest. Bei Klassiker wie Händels „Rinaldo“ oder „Xerxes“ ist das ja durchaus mehr oder weniger möglich, jedenfalls theoretisch. Praktisch hätte es mir aber mehr geholfen, ein Flussdiagramm zu zeichnen.
Als ich jedenfalls zwischen den Jahren einer anstehenden Inszenierung von „Xerxes“ mit Valer Barna-Sabadus und Terry Wey in der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf gewahr wurde, gab es für mich als potenziellem Händelianer und Countertenor-Fanatiker kein Halten mehr und so trug es sich zu, dass mein Freund und ich uns in freudiger Erwartung am 1. Februar im Opernhaus Düsseldorf einfanden.

Man kann alles in einen Tweet erklären – nur keine Händel-Opern

Auch wenn ich es gerade selbst erwähnte, dass das mit der Handlung in Opern nicht immer ganz ohne ist, will ich doch versuchen, euch die Handlung rudimentär zusammenzufassen. Schon schwer kann es nicht sein, denn schon im Textbuch zur Uraufführung stand Folgendes.

“The contexture of this Drama is so very easy, that it wou’d be troubling the reader to give him a long argument to explain it. Some imbicillities, and the temerity of Xerxes (such as his being deeply enamour’d with a plane tree, and the building a bridge over the Hellespont to unite Asia to Europe) are the basis of the story; the rest is fiction.”

Xerxes (im Original Serse geheißen, immerhin sang man Italienisch) also ist König und als solcher mit Amastre vermählt. Durch einen Zufall lernt er Romilda kennen, welche wiederum die Geliebte seines Bruders Arsamene ist. Er verliebt sich in sie und will sie heiraten. Da sein Bruder ihm im Weg steht, verbannt er ihn, doch Romilda will ihrem Arsamene treu bleiben. Das alles wäre allerdings nicht weiter dramatisch, wäre da nicht Arsamenes potenzielle Schwägerin Atalanta, welche also Romildas Schwester ist ist, aber lieber Geliebte anstelle der Geliebten wäre. Atalanta wünscht sich nichts sehnlicher, als vom verbannten Arsamene geliebt zu werden, und tut infolge dessen alles, um Romilda ihrem Arsamene untreu zu werden zu lassen und in die Arme von König Xerxes zu treiben. Um das Bild abzurunden, spielt noch Arsamenes Diener Elviro mit, der als Bote zwischen Arsamene und Romilda fungieren soll (aber mit seinem Missgeschick nur zum Chaos beiträgt), und Ariodate, der als Vater von Romilda und Atalanta und Feldherr unter Xerxes eine seiner Töchter mit königlichem Geblüt vermählen will. Erst seine tölpelhafte Schlichtheit (man könnte auch sagen: seine Unvoreingenommenheit gegenüber allen Intrigen) ist es, die letztlich doch alles gut ausgehen lässt. Arsamene heiratet seine Romilda, womit Ariodate bekommt, was er will, Serse kehrt reumütig zu Amastre zurück und Atalanta lässt endlich von Arsamene ab.

Oh. My. Hach.

Wenn man nicht im Parkett in der ersten Reihe sitzt, kann einem ganz schön was entgehen. Ich hätte Valer Barna-Sabadus auf dem Schoß haben können – und wer will nicht nicht einen gerade ein Jahr älteren, leckeren Countertenor mal so nah erleben? Ich hätte mich wohl nicht gewehrt. Andererseits ist es bisweilen auch ganz gut weniger exponiert zu sitzen, wenn man nicht in die Handlung eingebunden werden will oder keinen Regenschirm dabei hat. Im zweiten Rang links zu sitzen, ist da im ersten Moment nur suboptimal, aber die Einblick, die man von da oben bekommt, sind auch schon wieder zu toll, als dass man einfach so die dreißigste Reihe vorzöge , bloß um im Parkett zu sitzen.
Ich saß also quasi oben links, hätte mir ein bisschen Übung Kirschkerne in den Orchestergraben spucken können und konnte durch die Kulissen den ganzen fleißigen Bienchen beim Bühnenbau zuschauen, und es war gut so.

Was soll ich groß sagen? Im ersten Moment irritierte es mich, dass auf Deutsch gesungen wurde – nur die großen, bekannten Arien erklangen auf Italienisch –, doch mit der Zeit fiel es mir quasi nicht mehr auf und half sogar beim Verständnis der Handlung ohne einen Blick auf die Übertitel. Das Orchester, die Neue Düsseldorfer Hofmusik unter der Leitung von Konrad Junghänel, war glänzend aufgelegt, spielte spritzig und jederzeit passend. Ich vermochte in diesem Opernrausch keine falschen Töne zu hören bis auf einen, bei dem es mir schien, als kämpfte der Continuo-Cellist mit seinem spontan verstimmten Instrument. Ich bin noch jetzt überwältigt von der Inszenierung, viel zu viel passiert in gerade einmal dreieinhalb Stunden, als dass ich das alles aufzählen könnte. Der Bühnenumbau selbst gehörte zur Handlung. Es waren dreieinhalb Stunden purer Spielfreude und Leidenschaft, dreieinhalb Stunden gelebte bitterböse Komödie an der Grenze zu Satire und Klamauk, dreieinhalb äußerst einfallsreiche Stunden, die immer und immer wieder das Publikum zu Szenenapplaus hinrissen. Die Solistinnen und Solisten spielten mit ihren Stücken, mit dem Orchester und mit den Erwartungen der Gäste. Die Inszenierung von Stefan Herheim spaltet die Geister, überzeugte mich aber mit fast allem.

Heidi Elisabeth Meier (Romilda), Terry Wey (Arsamenes), Statisterie | Foto: © Hans Jörg Michel

Heidi Elisabeth Meier (Romilda), Terry Wey (Arsamenes), Statisterie | Foto: © Hans Jörg Michel

Allein dass Hagen Matzeit – der mich schon in der Kölner Inszenierung von „Rinaldo“ als Goffredo überzeugt hatte – als zur Blumenverkäuferin verkleideter Bote Elviro zwischen Bariton und Countertenor sprang und zwischendrin noch berlinerte, war mehr als nur unterhaltsam. Wie Anke Krabbe als Atalanta stets Romilda imitierte und alle umgarte, beeindruckte mich ebenso wie Heidi Elisabeth Meier, die – mich an Florian Carove als Miss Gwendolen Fairfax in der Josefstädter Aufführung von „Bunbury“ erinnernd – eine selbstbewusste, treue, aber hin und her gerissene Romilda verkörperte. Torben Jürgens’ Ariodate war selten zu sehen, aber sehr präsent, Katarina Bradić gab eine wütende, verletzte Amastre, kämpfte aber aufgrund der Tiefe ihrer Arien gegen die Lautstärke des Orchesters und den Umbaulärm. Valer Barna-Sabadus war ein hinreißender Xerxes: liebestoll, charmant, gefährlich und verdammt gut ausgestattet! Und dabei rede ich jetzt nur von seiner Stimme. Was für ein beweglicher, klarer, leichter Countertenor! Er stand zurecht im Mittelpunkt. Ich jedoch schubse ihn auf Platz zwei meiner Favoritenliste, denn auf dem Thron steht unangefochten Terry Wey. Es hieß, er sei erkältet – ich habe es nicht gehört. Kein Krächzen, kein schiefer Ton, nicht einmal besonders leise, im Gegenteil! Er rang um seine Geliebte, legte sich mit Xerxes an, klagte, litt und bewies mir schon mit seinem ersten Ton, dass er mehr kann als nur flämische Renaissancemusik (denn daher, vom Ensemble Cinquecento, war er mir schon länger ein Begriff). Selbst der Chor war verdammt gut aufgelegt.

Ein Fazit

Ich weiß, dieser Text ist sicherlich nicht die Opernkritik des Jahres, denn er erzählt nichts zur Inszenierung, gibt keine Hintergründe, sondern schwelgt in purer Begeisterung. Ich will euch aber auch nicht zu viel erzählen, denn „Xerxes“ in der Deutschen Oper am Rhein war eine gute Show sondergleichen. Sie machte aus dem Irrsinn der Handlung eine durch und durch plausible, aberwitzige Komödie. Rheinische Spiellust und Lebensfreude trafen auf Berliner Unverschämtheit und Direktheit und machten den Abend zu einem Vergnügen jenseits jeder Vernunft.

Wer jetzt noch mitliest und nicht abgeschreckt ist, dem empfehle ich dringendst, in eine der verbleibenden Aufführungen zu gehen. Karten gibt es ab 9,20 € (ermäßigt).

Ein paar Gassenhauer zum Reinhören

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  1. Pingback: Das war das Jahr, das war: 2013 | Hendryk Schäfer

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