Gedöns
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Bilk is in Düsseldorf

Ich zie­he um, bald schon. Seit Tagen will ich davon schrei­ben und kann es doch nicht. Seit Tagen hän­ge ich über immer ande­ren Anfän­gen und immer neu­en For­mu­lie­run­gen, und jedes Mal möch­te ich am Ende statt eines Punk­tes einen neu­en Ver­such set­zen.
Ich zie­he um, nach Düs­sel­dorf. Es klingt so ein­fach, es schreibt sich ein­fach, doch lie­ße ich das so ste­hen und freu­te mich, stie­ße ich damit eini­ge Leu­te – und auch mich – vor den Kopf. Das wäre, nach allem, was pas­siert ist, nicht ich und igno­rier­te völ­lig, wer ich bin. Wie soll ich mich also nun freu­en kön­nen? Ich glau­be, ich muss da was erklä­ren.

Düsseldorf von oben | Foto: SebastianDooris; Bearbeitung: Hendryk Schäfer | Lizenz: CC-BY

Düs­sel­dorf von oben | Foto: Sebas­ti­an­Doo­ris; Bear­bei­tung: Hen­dryk Schä­fer | Lizenz: CC-BY

Et es wie et es

Ich bin ein Pott­kind. Punkt. Ich wur­de in Her­ne gebo­ren, ich wuchs dort auf, ich ging mit mei­nem Groß­va­ter auf den Markt, spiel­te mit den ande­ren Kin­dern auf der Stra­ße, hör­te von mei­nem Vater (!, aber dazu gleich mehr) die Geschich­ten des Ruhr­ge­biets und fuhr nach Hol­land in den Urlaub, kurz­um: Ich bin ein Pott­kind, aber das sag­te ich ja bereits.

Nun ist es aber so, dass mei­ne Groß­el­tern väter­li­cher­seits das abso­lu­te Kon­trast­pro­gramm auf­bo­ten: Sie leben auf dem Land, in einem 700-See­len-Dorf und betrie­ben frü­her auch noch neben­er­werb­lich Land­wirt­schaft. Mein Vater ist noch mit Pfer­den und Kühen auf­ge­wach­sen, mir blie­ben nur noch die Schwei­ne­füt­te­rung und ver­ein­zel­te Aus­flü­ge mit dem Tre­cker. Ich habe das Kochen auf einem ech­ten Ofen (mit Rin­gen für die ver­schie­de­nen Topf­durch­mes­ser) eben­so ken­nen­ler­nen dür­fen wie die Cer­an­koch­plat­ten bei Omma, aber die­ses spe­zi­el­le Hei­mat­ge­fühl über­kam mich nur hier, im Pott, und wenn wir aus der Fer­ne über die Auto­bahn zurück­kehr­ten und sich am Hori­zont das Kraft­werk Her­ne-Bau­kau erhob, dann spür­te ich: Ich bin zuhau­se, und mit die­ser genüg­sa­men Glück­se­lig­keit und der zupa­cken­den Herz­lich­keit der Men­schen im Ruhr­ge­biet über­leb­te ich mei­ne Kind­heit und Jugend und mach­te Abitur.

Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet.

Schu­le aus, und nun? Mir blieb das Pla­nen erspart, denn das Bun­des­amt für Zivil­dienst (ja, so alt bin ich) rief – und ich ant­wor­te­te. Wo ande­re erst ein­mal ein Jahr im Aus­land ein­leg­ten oder einen län­ge­ren Urlaub mach­ten, trat ich rund zwei Mona­te nach dem Abitur mei­nen Zivil­dienst in einer Jugend­her­ber­ge in der Rur­ei­fel an. So hat­te ich auch Jubel, Tru­bel, Hei­ter­keit, und in die unge­bän­dig­te, wil­de Eifel woll­te ich schon immer mal.
Man muss dazu sagen: Ins Rhein­land hat­te ich mich schon vor­her ver­guckt. Die Lebens­wei­se und vor allem die Spra­che hat­ten mich ange­lockt und lie­ßen mich seit­dem nie wie­der los. Nur dass es Köln war, das an allem Schuld trug.
Jetzt woll­te ich – so sehr ich mich auch in Köln ver­liebt hat­te – aber nach gefühlt zwan­zig Jah­ren Groß­stadt (um nicht zu sagen „Metro­pol­re­gi­on“) auch mal län­ger als nur zwei Wochen Urlaub aufs Land, und Land plus Rhein­land ergab in mei­nem Fall eben Eifel, um genau zu sein: Mons­chau.

Mons­chau. 12000 Ein­woh­ner, davon knapp 2000 (qua­si nur Frau­en) im Ort Mons­chau selbst, viel altes Fach­werk, noch mehr Tou­ris­ten, zwei Jugend­her­ber­gen, das Hohe Venn vor der Tür und eine Mund­art zum Ver­rückt­wer­den – oder Ver­lie­ben.
Es war länd­lich, sehr länd­lich, mit Tou­ris­mus zum Abge­wöh­nen, wenn man die Jugend­her­ber­ge mal außen­vor lässt, aber bis auf das nicht vor­han­de­ne Inter­net genau das, was ich brauch­te. So viel geschrie­ben wie in die­sen neun Mona­ten habe ich danach wohl nie wie­der.
Irgend­wann – in dem Fall nach eben neun Mona­ten – war auch die schöns­te Aus­zeit vor­bei. Was war ich oft in Aachen gewe­sen, und in Köln, und wenn ich wirk­lich die Wahl oder, bes­ser gesagt, den Mut gehabt hät­te, dann hät­te ich dort stu­diert. Hat nicht sol­len sein.

Hät­te ich zu die­sem Zeit­punkt eine Lis­te mei­ner Lieb­lings­städ­te auf­stel­len müs­sen, so wäre es klar gewe­sen: Aachen auf der Eins, Köln auf der Zwei, auf Drei dann Wien, dann Her­ne und Trier, viel­leicht noch Dub­lin. Aber Düs­sel­dorf? Das war doch die Stadt, die mein­te, sie hät­te eine tol­le­re Kir­mes als die Cran­ger Kir­mes. Nach Köln muss­te ich durch, zur Lan­des­ge­schäfts­stel­le der Grü­nen Jugend NRW muss­te ich hin, und auch wenn ich Düs­sel­dorf nicht hass­te, so wäre mir nie in den Sinn gekom­men, frei­wil­lig dort­hin zu zie­hen. Und so soll­te es ja auch kom­men.

Et kütt wie et kütt.

Die nächs­ten Jah­re änder­ten nichts an der für Düs­sel­dorf deso­la­ten Situa­ti­on, im Gegen­teil: Es kame neue Städ­te auf mei­ne Lis­te, und alle auf den Plät­zen davor. Ham­burg? Jup. Leip­zig? Ja. Ams­ter­dam? JAJAJAJA! Düs­sel­dorf? UM GOTTESWILLEN!
Ja, soweit war es schon bei mir.

Zum Glück – für Düs­sel­dorf und mei­nen Freund – ergab es sich, dass er eine Zusa­ge für sein Volon­ta­ri­at bei Anten­ne Düs­sel­dorf bekam, und ich als in Her­ne leben­der ÖPNV-Pend­ler mit Wup­per­tal als Stu­di­en­ort zwar die ein­zi­ge Mög­lich­keit ergrif­fen, aber kein son­der­lich glück­li­ches Händ­chen bewie­sen hat­te. Ich war, bin und blei­be wohl ein Trüf­fel­schwein für Kon­struk­ti­ons­män­gel und aus­ver­kauf­te Pro­duk­te. Was ich will, gibt es nicht, und in dem Fall war es eine zeit­lich güns­tig lie­gen­de Qua­si-Direkt­ver­bin­dung von Her­ne nach Wup­per­tal.

Apro­pos Wup­per­tal: Schon vor mei­nem Stu­di­um hat­te ich hin und wie­der ein paar Stun­den oder hal­be Tage dort ver­bracht, war mit nem Kas­ten Bier (nicht allein) Schwe­be­bahn gefah­ren und hat­te die­se so schrof­fe, fast schon kaput­te Stadt ruck­zuck ins Herz geschlos­sen, aber sowas von. Da stört es mich auch nicht, wenn ich mon­tag­mor­gens um halb Fünf auf­ste­hen muss, um eine Vor­le­sung um acht Uhr zu besu­chen, die mir nichts bringt, wenn ich danach fünf Stun­den Zeit habe bis zur zwei­ten und letz­ten, dafür aber bes­se­ren Vor­le­sung des Tages, ein­fach weil ich in der Zwi­schen­zeit in Wup­per­tal bin.

Und wie kommt Düs­sel­dorf da jetzt ins Spiel? Zunächst mal mit dem net­ten Fea­ture, dass ich künf­tig zur Arbeit statt zwan­zig Minu­ten zwei Stun­den benö­ti­gen wer­de. Dafür wer­de ich zur Uni aber nur noch eine Stun­de brau­chen. Das nen­ne ich mal ein gutes Geschäft. Naja. Immer­hin dau­ert es dafür nach Köln und zu mei­nem archi­tek­to­nisch heiß­ge­lieb­ten Dom nur noch eine Drei­vier­tel­stun­de statt mehr als dop­pelt so lan­ge.

Trotz die­ser sub­op­ti­ma­len Start­be­din­gun­gen (Fahrt­zei­ten, die Stadt als sol­che, höhe­re Mie­te) war Düs­sel­dorf für uns der bes­te Kom­pro­miss. Damit das klar wird, soll­te man aber auch erwäh­nen, dass mein Herr Freund in Sachen Köln vs. Düs­sel­dorf auf der fal­schen Rhein­sei­te steht. Sein Job ist in Düs­sel­dorf (und es hat gute Grün­de, war­um außer Düs­sel­dorf nur Düs­sel­dorf als Wohn­ort infra­ge kam) und die höhe­ren Kos­ten gehen zum lück auch mit höhe­ren Ein­nah­men ein­her. Rein argu­men­ta­tiv-objek­tiv sprach nichts gegen, aber alles für Düs­sel­dorf. Nur ich nicht. Wir such­ten nach Woh­nun­gen, fan­den eine und sag­ten zu. Ab April sind wir Düs­sel­dor­fer. Wenn auch nur Zuge­zo­ge­ne.

Wat wells de maache?

Wir hat­ten uns also ent­schie­den, doch damit fing das Dra­ma eigent­lich erst rich­tig an. Hat­te ich vor­her nur gequen­gelt (wobei: das soll­ten ande­re beur­tei­len) und nicht immer gegen Düs­sel­dorf gesti­chelt (aber immer öfter), so wur­de es jetzt wohl uner­träg­lich. Ich kul­ti­vier­te mei­ne Abnei­gung, und da ich durch­aus mit Wor­ten umge­hen und sehr gut aus­tei­len kann, ließ ich jeden spü­ren, dass ich eigent­lich nicht nach Düs­sel­dorf will. Woll­te.
Ja, ich kann jam­mern, sehr gut sogar. Ich tue es nicht oft, und schon gar nicht vor aller Welt Augen, aber ent­re nous, da habe ken­ne ich kei­ne Hem­mun­gen. Man könn­te durch­aus sagen, ich habe in der letz­ten Zeit für die nächs­te Jam­mer­lap­pen-WM trai­niert, und mein Stil ist ein doch sehr bosar­ti­ger. Mir gefällt er gut, denn er macht ande­ren Schuld­ge­füh­le ohne dass ich sie per­sön­lich angrei­fen muss. Letzt­lich tat ich aber etwas ganz ande­res. Ich bau­te Fall­hö­he auf, reich­lich Fall­hö­he.

Man muss sich ja eine gewis­se Fall­hö­he auf­bau­en, sonst hät­te das Leben kein Dra­ma.

Et hätt noch emer joot jejange

Sie hat­te es pro­phe­zeit, noch bevor sie wuss­te, dass sie recht behal­ten wür­de. Sabi­ne Piel behaup­te­te, auch ich wür­de der­einst Düs­sel­dorf noch mögen, das hät­ten schon ganz ande­re über’s Herz gebracht.

Ich gehe es der­zeit lie­ber noch nüch­tern an. Hal­ten wir also fest: Düs­sel­dorf ist nicht Köln. Aaaber: Auch Düs­sel­dorf liegt im Rhein­land. In Her­ne leben Men­schen, die ich sehr schät­ze, in Düs­sel­dorf aber auch. Im Ruhr­pott ist alles irgend­wie um die Ecke, wenn auch nicht in einer Stadt – in Düs­sel­dorf qua­si auch, nur halt in einer Stadt. Düs­sel­dorf ist nicht so his­to­risch wie Köln, aber auch nicht so hys­te­risch; Stra­ßen­ver­kehr in Köln geht nur mit Gum­mi gut. Ähem. Düs­sel­dorf hat nicht den Dom und nicht die Hohen­zol­lern­brü­cke, aber der Rhein fließt auch und Rhein­au­en hat’s auch.

Ich gebe zu: Das ist jetzt kei­ne Lie­bes­er­klä­rung – o, Under­state­ment, treu­er Freund – aber ich rede mir auch nichts in mei­ner Ver­zweif­lung schön.
Düs­sel­dorf hat schö­ne Sei­ten, und wenn ich mich nicht unbe­dingt auf der Kö ver­lie­re, sind auch die Men­schen ganz okay. Es gibt rund um den Haupt­bahn­hof atem­be­rau­ben­de Graf­fi­tis (ja, der Duden will das so, „Graf­fi­tis“) und durch­aus wun­der­bar kaput­te Ecken. Düs­sel­dorf hat bis­wei­len eine stu­den­ti­sche Atmo­sphä­re mit zuge­kleb­ten Later­nen und Ampeln vol­ler Abreiß­zet­tel, es hat tol­le, gemüt­li­che Cafés – und ein Foto­fach­ge­schäft direkt vor unse­rer Haus­tür! Düs­sel­dorf wird mir – anders als zum Bei­spiel Dort­mund oder Essen – eine tol­le foto­gra­fi­sche Inspi­ra­ti­on sein, ich wer­de gan­ze Tage in Cafés ver­brin­gen kön­nen (zumin­dest gefühlt). So selt­sam es klingt, auch auf mich: Düs­sel­dorf ist Frei­heit.

Düs­sel­dorf, es ist zwar kei­ne Lie­be, aber ich freue mich auf dich! Auch wenn ich ewig spot­ten wer­de.

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