Gedöns
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Ein Sprung ins kalte Wasser – mein Wochenende mit Tourette

Die­ser Text erschien Anfang Dezem­ber 2012 in der „Touret­te aktu­ell“. Die TA kann auf der Web­sei­te der Touret­te-Gesell­schaft Deutsch­land bestellt wer­den.

Es hat lan­ge gedau­ert, bis ich schwim­men konn­te. Ehr­lich gesagt brauch­te ich sogar einen Was­ser­ge­wöh­nungs­kurs, so trau­ma­ti­siert war ich von einem Trop­fen Sham­poo im Auge, bevor ich über­haupt dar­an den­ken konn­te, frei­wil­lig in ein Gewäs­ser zu gehen, in wel­chem ich nicht mehr ste­hen konn­te.

Im letz­ten Jahr trat die Touret­te-Gesell­schaft Deutsch­land e.V. an mei­nen Arbeit­ge­ber, die druck­frisch medi­en­zen­trum ruhr gmbh, her­an und beauf­trag­te uns mit einem Rede­sign und der Pro­duk­ti­on der Mit­glie­der­zeit­schrift „Touret­te aktu­ell“. Nach­dem wir uns in Zusam­men­ar­beit mit dem Vor­stand der TGD auf ein neu­es, fri­sche­res und bes­ser les­ba­res Design geei­nigt hat­ten, lau­te­te unse­re Auf­ga­be, dafür zu sor­gen, dass aus den Tex­ten, die die Redak­ti­on ver­fasst und zusam­men­ge­tra­gen hat­te, eine blät­ter­ba­re Zeit­schrift wür­de.

Berlin an einem sonnigen Märztag 2012

Ber­lin an einem son­ni­gen März­tag 2012 | © Hen­dryk Schä­fer bei Insta­gram

Wenn man eine neue Redak­ti­on und eine neue Lay­out­ab­tei­lung hat, ist das nicht ganz ein­fach. Nie­mand hat Erfah­rungs­wer­te, wie lang Tex­te sein dür­fen, wie das mit Bil­dern zu lösen ist und wie man vor­ge­hen soll, wenn man plötz­lich viel mehr Text als ver­füg­ba­ren Platz hat. Nach­dem die­se ers­te neue Aus­ga­be also nur dank stän­di­ger Rück­spra­chen ent­ste­hen konn­te, reif­te sei­tens der TGD der Gedan­ke, dass es doch ganz sinn­voll sein könn­te, wenn jemand, der sich mit der Gestal­tung der „Touret­te aktu­ell“ aus­kennt, die­ses Wis­sen wei­ter­gibt, damit die künf­ti­ge Zusam­men­ar­beit etwas ein­fa­cher und rei­bungs­lo­ser wird.
Da ich die meis­te Zeit an der Aus­ga­be gear­bei­tet hat­te, hat­te ich nun die Ehre, zur Redak­ti­ons­sit­zung nach Ber­lin zu fah­ren, um einen Ein­blick in die Her­stel­lung der "Touret­te aktu­ell" zu geben.

Wir hat­ten ver­ab­re­det, dass wir uns im Foy­er des Hotels, in wel­chem wir unter­ge­bracht waren, tref­fen wür­den. Natür­lich wuss­te ich, was mich erwar­ten wür­de. Ich kann­te Tei­le der Redak­ti­on von den Bil­dern der letz­ten Aus­ga­be, ich hat­te die Tex­te gele­sen, die „Touret­te aktu­ell“ war auch nicht der ers­te von mir bear­bei­te­te Auf­trag der TGD, aber über die­ses Bücher­wis­sen und ein paar ober­fläch­li­che Dar­stel­lun­gen aus Fern­seh­bei­trä­gen oder Zei­tungs­be­rich­ten hin­aus hat­te ich abso­lut kei­ne Ahnung, was mich erwar­ten wür­de, und dann stan­den und saßen sie da, die Redak­teu­rin­nen und Redak­teu­re der „Touret­te aktu­ell“. Men­schen wie du und ich.

Das gemein­sa­me Abend­essen beim Ita­lie­ner hat­te etwas von einem Spa­zier­gang an einem unge­si­cher­ten Bahn­über­gang. Es war laut, es war voll und eine Stim­me in mei­nem Kopf woll­te nicht auf­hö­ren zu den­ken „Und was wird pas­sie­ren, wenn jetzt jemand was Obszö­nes sagt und die ande­ren Gäs­te drauf ansprin­gen?“, aber es pas­sier­te nichts. Ich merk­te schon, wann wer gera­de vokal tic­te, mei­ne Refle­xe mein­ten, dass die neben mir sit­zen­de Chris­tia­ne mich mit ihrem moto­ri­schen Tic abste­chen woll­te, und da half es mei­nen Refle­xen anfangs auch wenig, wenn sie mir sag­te, dass da kei­ne Gefahr droht. Irgend­wie kam es schon im Lau­fe die­ses Abends dazu, dass ich all die Tics um mich her­um gar nicht mehr so bewusst als etwas Her­aus­ste­chen­des wahr­nahm. Die Stim­me in mei­nem Kopf schwieg, die Refle­xe wur­den unter­be­wusst kon­trol­lier­bar.

War ich zu Beginn wohl noch ein wenig zurück­hal­tend und muss­te mich erst her­an­tas­ten an die­se für mich trotz allem so neue Welt, konn­te ich gar nicht anders als mich ins Getüm­mel stür­zen, als ich mit Jean-Marc und Dani­el ins Gespräch kam. Ich hal­te mich ja schon für schlag­fer­tig und um kei­nen Wort­witz ver­le­gen, aber so eine tur­bu­len­te Unter­hal­tung – und sie soll­te sich gefühlt über das gan­ze Wochen­en­de hin­zie­hen – hat­te ich schon lan­ge nicht mehr erlebt. Spä­tes­tens jetzt merk­te ich: Hier bret­tert gera­de ein ICE an mir vor­bei, und ich habe irgend­wo Halt gefun­den und wer­de nun mit­ge­ris­sen – und es gefiel mir. Ich fühl­te mich in die­ser ein­zig­ar­ti­gen Run­de aus­ge­spro­chen wohl. Ein­zig­ar­tig? Ja, denn wann kom­men wir jemals wie­der so jung zusam­men?

Natür­lich war nicht alles so schlag­fer­tig und lus­tig, auch wenn wir viel gelacht haben. Natür­lich habe ich auch von den Schat­ten­sei­ten erfah­ren und auch erlebt, dass der All­tag mit Touret­te nicht immer ein­fach ist – Sie, lie­be Lese­rin­nen und Leser, wis­sen das sicher­lich viel bes­ser als ich. Aber das hat mir auch nur gezeigt, dass Men­schen, die mit dem Touret­te-Syn­drom leben – ob als Ange­hö­ri­ge oder selbst Betrof­fe­ne – auch nur Men­schen sind … als hät­te ich das noch nicht gewusst.

Die­ses Wochen­en­de mit allem, was dazu gehör­te, von den gemein­sa­men Mahl­zei­ten bis hin zur har­ten Redak­ti­ons­ar­beit, war für mich ein ein­zi­ger Rausch. Es war eine unglaub­lich inten­si­ve Erfah­rung, und es fiel und fällt mir – trotz der Hil­fe von Leidmedien.de – abso­lut schwer, dar­über so zu spre­chen und dafür eine Aus­drucks­wei­se zu fin­den, dass es die­sem Erleb­nis auch nur annä­hernd gerecht wer­de kann. Die­ses Wochen­en­de hat mich dar­in bestärkt, auch wei­ter­hin so unvor­ein­ge­nom­men und offen auf ande­ren Men­schen zuzu­ge­hen, wie es mir mög­lich ist.

Es war trotz aller Vor­be­rei­tung ein Sprung ins kal­te Was­ser, mein Wochen­en­de mit Touret­te, aber ich bin geschwom­men. Ich wür­de es jeder­zeit wie­der tun.

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