Sohschel Miehdia oder: Wenn Drucker ins Internet wollen.

von Dogma Pillenknick am 25. Juli 2011

Print stirbt!

Die Zei­tun­gen ver­lie­ren an Auf­lage, weil sie im Inter­net alles umsonst anbie­ten müs­sen. Die Wer­be­preise sin­ken, weil die ver­kauf­ten Auf­la­gen sin­ken. Im Inter­net kann man kein Geld ver­die­nen außer über Wer­bung, und auch das ist noch viel zu wenig – und in Zei­ten, in denen so gere­det wird, mache ich eine Aus­bil­dung zum Medi­en­ge­stal­ter digi­tal und print in einer Druckerei.

Ganz schön doof, oder?

Ich denke nicht.
Ich war jetzt zuletzt auf zwei Ver­an­stal­tun­gen des Ver­ban­des Druck und Medien NRW e.V., und auch wenn ich bis­wei­len dachte, dass die Druck­bran­che der­zeit anschei­nend wirk­lich nur noch Ver­tei­di­gungs­kämpfe führt, um mög­lichst wenig Ter­rain zu ver­lie­ren, ließ ich mich auch gerne eines Bes­se­ren beleh­ren. Auch und gerade weil es um »neue Medien« und »social media« ging. Aber der Reihe nach.

Von aus­ge­tre­te­nen Pfaden …

Ende Juno fand der fünfte prin­thouse talk in den heil’gen Hal­len des VDM NRW in Lünen statt, ein For­mat, bei dem Exper­ten in einer »Dis­kus­sion«, wie man das so erwar­tet, zu einem Thema Stel­lung bezie­hen. Obwohl: eine Dis­kus­sion mit kon­tro­ver­sen Debat­ten wurde es erst durch die bis­wei­len sehr skep­ti­schen Ein­würfe des Publi­kums. Unter dem Motto »iPad & Co. – Bleibt alles anders: E-Magazin oder doch lie­ber gedruckt?« ging es um die – was sonst?, fragt der Ket­zer – Chan­cen, die die »neuen Medien« (ver­sinn­bild­licht durch das iPad) der Druck­bran­che bie­ten. Um Mut zu machen, gab es Unter­neh­mer als Gäste, die als Best-practice-Beispiel von ihren Erfah­run­gen mit der Pro­duk­tion für’s iPad berich­ten konn­ten. Summa sum­ma­rum bekam die expli­zit erwähnte Zeit­schrift eine höhere Reich­weite, es wurde mit ihr neues Geld ver­dient und die Druck­um­sätze stie­gen auch. Amen.

Und was macht nun die kleine Dru­cke­rei, die keine Agen­tur hat und wirk­lich nur druckt? Gute Frage, ernst­ge­meinte, aber ver­zwei­felt wir­kende Ant­wort: Die Dru­cke­rei kann ja ihrer Agen­tur anbie­ten – frei nach dem Gedan­ken, dass die Dru­cke­rei zum Medi­en­dienst­leis­ter wird und alles aus einer Hand bie­ten kann – die Datei mobile-device-tauglich zu machen, immer­hin kann man ja rela­tiv sim­pel aus einer PDF eine App machen; das wäre doch zum Bei­spiel etwas für Geschäftsberichte.

"zukunft medien"-Seminar "social media" beim VDM NRW - © Verband Druck + Medien NRW e.V.
Ein­druck vom Social-Media-Seminar beim VDM NRW. © Ver­band Druck + Medien NRW e.V.

Man ver­zeihe mir diese Pole­mik, aber … ganz ehr­lich: Warum sollte ich als Unter­neh­mer, der gerne sei­nen Geschäfts­be­richt digi­tal hätte, mir eine Geschäftsbericht-App zule­gen, wenn ich mir ein­fach die PDF anschauen könnte? Und warum sollte ich als Agen­turin­ha­ber mich nicht selbst schleu­nigst daran set­zen, mir diese Fähig­kei­ten zuzu­le­gen, wenn ich Apps aus InDe­sign erstel­len kann? … Man kann sich auch ein Sze­na­rio kon­stru­ie­ren, bloß um einen Nut­zen zu fin­den.
Ist es nicht eher so, dass eh nicht jedes Unter­neh­men irgend­wann alles nur noch digi­tal haben wird? Es gibt wohl sicher­lich andere Stär­ken, die Dru­cke­reien als sol­che haben kön­nen. Wie­viel wäre schon gewon­nen, wenn von Agen­tur­seite gute, sau­bere und sinn­voll aus­ge­zeich­nete PDFs mit Lese­zei­chen etc. kämen. Damit kann man auch schon extrem viel errei­chen! Als reine Dru­cke­rei kann man immer noch den per­sön­li­chen Ser­vice bie­ten, kür­zere Lie­fer­zei­ten als in der Online-Druckerei, örtli­che Nähe mit dem damit ver­bun­de­nen Blick über die Schul­ter und die schnelle Kom­mu­ni­ka­tion bei Schwie­rig­kei­ten. Per­sön­li­che Bera­tung ist ein Wert an sich – auch wenn dafür nicht jede_r gewillt ist zu zah­len. Da hofft man dann ein­fach auf gute Dru­ck­er­geb­nisse der Online-Druckerei, und daran ist auch nichts ver­werf­lich, immer­hin ist es nur logisch, wenn der Druck güns­ti­ger wird, weil immer nur das glei­che Papier in der glei­chen Form unter glei­chen Bedin­gun­gen ver­ar­bei­tet wird. Das muss aber jede_r für sich wis­sen und ist sicher­lich auch eine Frage des eige­nen Anspruchs im Ver­hält­nis zu den ein­setz­ba­ren Mit­teln. Da hat jede_r so seine Nische, die er oder sie beset­zen muss, die große Online-Druckerei ebenso wie der kleine Fach­be­trieb, der sich auf die Ver­ede­lung von Druck­pro­duk­ten spe­zia­li­siert hat.

… und neuen Wegen

Wenn wir schon dabei sind, dass sich Betriebe der Druck­bran­che ganz indi­vi­du­ell auf ihren Stär­ken kon­zen­trie­ren müs­sen, dann kom­men wir nicht umhin, auf »social media« zu spre­chen.
Vor­ges­tern fand – wie­der beim VDM NRW, da bin ich froh, dass mein Aus­bil­dungs­be­trieb Ver­bands­mit­glied ist, denn das macht die Teil­nahme an sol­chen Ver­an­stal­tun­gen güns­tig bis kos­ten­frei – ein Semi­nar statt zum Thema »social media«. Aus mei­ner Per­spek­tive (Digi­tal Native, Smart­pho­nenut­zer, Net­book– und Note­book­be­sit­zer, ver­tre­ten u.a. bei twit­ter, Face­book, Google+ und XING) gab es wenig Neues zu erfah­ren, wes­we­gen ich es auch lie­ber als Grund­la­gen­se­mi­nar beti­teln möchte, und das war es womög­lich auch für die Mehr­heit der Gäste (mehr­heit­lich männ­lich und nicht mehr ganz so jung). Aber es war gut. Es hat mir ver­ge­gen­wär­tigt, was ich schon wusste und es hat ande­ren hof­fent­lich Mut gemacht, sich in die­sen »social media« zu enga­gie­ren, denn das war es durch­aus: ermu­ti­gend. »zukunft medien: social media« hat ganz bewusst keine Ängste geschürt vor dem Kon­troll­ver­lust und all dem ande­ren, was man fürch­ten kann, wenn man schon froh ist, den Wech­sel von InDe­sign CS3 auf CS5 halb­wegs pro­blem­los über­stan­den zu haben.

Nennt es pole­misch, aber für jeman­den, der mit dem Radio und nur zwei Fern­seh­sen­dern groß gewor­den ist, war schon der Com­pu­ter eine Revo­lu­tion, das Inter­net ein neues Uni­ver­sum (man wurde ja nicht jün­ger) und der Weg von sta­ti­schen Sei­ten zum »Web 2.0″ ist auch nicht allzu kurz. Wer weiß, vor wel­chen Ent­wick­lun­gen ich mich in zwan­zig bis drei­ßig Jah­ren scheuen werde sie mit­zu­ge­hen. Inso­fern war die­ses Semi­nar genau rich­tig für alle, die gemerkt haben, dass sie da nicht ganz up to date sind, was ihren Kennt­nis­stand angeht.

Ein biss­chen über­spitzt, aber nie ganz falsch, schil­der­ten Katha­rina Mat­ters und Daniela Wer­ner, die bei­den Refe­ren­tin­nen des VDM NRW, den Tages­ab­lauf eines Digi­tal Native und ich fand mich darin durch­aus wie­der – auch wenn ich mei­ner Freu­din, so ich eine hätte, nie­mals um 9 Uhr MESZ eine Guten-Morgen-SMS nach Ecua­dor schi­cken würde, schon weil es dort 2 Uhr nachts wäre.
Die bei­den schaff­ten es ziem­lich gut zu zei­gen, dass es eigent­lich nur im Sinne der Unter­neh­men sein kann, am Puls der Zeit zu blei­ben. Auch wenn nur Digi­tal Nati­ves Digi­tal Nati­ves sein könn­ten – ach?! – könne prin­zi­pi­ell jede_r ihr bzw. sein Medi­en­nut­zungs­ver­hal­ten über­den­ken und adap­tie­ren. Nie­mand müsse zurück­blei­ben, könne sich Hilfe holen.

Nach die­sem Mut­ma­cher gab Ste­fan Höynck vom VDM NRW einen grund­le­gen­den, posi­ti­ven Ein­blick in einige der in Deutsch­land rele­van­ten sozia­len Netz­werke (Face­book, XING, twit­ter) und zeigte dabei auch, wie leicht und gut dar­aus ein Nut­zen gezo­gen wer­den kann, und plötz­lich war ich der anschei­nend ein­zige der Runde, der schon in Sachen Google+ aus dem Näh­käst­chen plau­dern konnte. So wird man wohl zur digi­ta­len Avant­garde – zumin­dest in gewis­sen Krei­sen. Pardon.

Nach einer klei­nen Pause ging es dann ans Ein­ge­machte. Daisy Leen­ders von E&A BEST Webso­lu­ti­ons und Tho­mas Amann vom Medi­en­zen­trum Strae­len zeig­ten, wie man durch Koope­ra­tion neue Märkte erschlie­ßen kann, wie eine deut­sche Dru­cke­rei durch Erwei­te­rung um eine Agen­tur, Zusam­men­ar­beit mit einer nie­der­län­di­schen Web­mar­ke­ting­agen­tur und inten­sive Nut­zung neuer Medien zu einem grenz­über­grei­fen­den, erfolg­rei­chen Medi­en­dienst­leis­ter wer­den konnte – ganz ohne iPad.
Es brau­che eigent­lich nur einen Plan und eine Stra­te­gie, und wie diese aus­se­hen könne, das zeig­ten die bei­den sehr anschau­lich anhand ihres eige­nen beruf­li­chen Umgangs mit twit­ter, face­book und YouTube.

Spä­tes­tens da fragte ich mich dann doch, warum nicht viel mehr Unter­neh­men aktiv Social Media nutz­ten, so banal wie das eigent­lich ist. Nu. … Dass das Inter­net »kein rechts­freier Raum« ist, hätte klar sein kön­nen, es wurde den­noch in einem sepa­ra­ten Vor­trag von Hen­rike Pröm­mel erklärt und betont (immer­hin ohne diese unsäg­li­che For­mu­lie­rung), dabei lässt es in die eigent­lich eh schon bekann­ten Hür­den und Fall­stri­cke fas­sen: AGB, Daten­schutz, Urhe­ber­recht, Mar­ken­recht, Tele­me­di­en­recht, all­ge­mei­nes Per­sön­lich­keits­recht, Jugend­schutz und Arbeits­rechts – nichts, was einer Unter­neh­mens­füh­rung so grund­le­gend fremd sein sollte.

Eine tri­viale Sache für ernst­hafte Leute?

Das klingt jetzt alles sehr sim­pel – und für mich, der damit auf­ge­wach­sen ist, und der als Medi­en­ge­stal­ter in sei­ner Aus­bil­dung auch damit auch schon in Kon­takt gekom­men ist, ist es das auch – aber für die­je­ni­gen, die ver­hält­nis­mä­ßig neu im Inter­net sind und einen ganz ande­ren Umgang damit haben, war die­ses Semi­nar doch ein guter Ein­stieg in die Welt der »Soh­schel Mieh­dia«.
Es klingt auch sim­pel, wenn ich sage, dass man die Leute da anspre­chen und errei­chen muss, wo sie gerade sind, aber es wird echt Zeit, dass sich diese Erkennt­nis – auch und gerade auf das Inter­net bezo­gen – auch mal in der Druck­bran­che durch­setzt. Wen ich mit einer Such­ma­schine nicht online finde, den gibt es nicht. Wer online in einen Dia­log mit ande­ren kommt, kann sich emp­feh­len.
Wenn die Emp­feh­lung der Freund_innen und Bekann­ten immer mehr ein Kri­te­rium für eine Ent­schei­dung wird, dann wird es Zeit mit ihnen zu reden. Es gibt noch immer so viele Men­schen, die ein Druck­un­ter­neh­men suchen – warum hof­fen wir noch immer dar­auf, dass sie uns fin­den? Warum tun wir nicht aktiv etwas dafür, dass ihre Suche sie zu uns führt?

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