Gesellschaft
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Sohschel Miehdia oder: Wenn Drucker ins Internet wollen.

Ein voller Tonerfilter am Ende seiner Lebenszeit: Cyan-, Magenta- und Gelb-Partikel besetzen die feinen Lamellen.

Print stirbt!

Die Zeitungen verlieren an Auflage, weil sie im Internet alles umsonst anbieten müssen. Die Werbepreise sinken, weil die verkauften Auflagen sinken. Im Internet kann man kein Geld verdienen außer über Werbung, und auch das ist noch viel zu wenig – und in Zeiten, in denen so geredet wird, mache ich eine Ausbildung zum Mediengestalter digital und print in einer Druckerei.

Ganz schön doof, oder?

Ich denke nicht.
Ich war jetzt zuletzt auf zwei Veranstaltungen des Verbandes Druck und Medien NRW e.V., und auch wenn ich bisweilen dachte, dass die Druckbranche derzeit anscheinend wirklich nur noch Verteidigungskämpfe führt, um möglichst wenig Terrain zu verlieren, ließ ich mich auch gerne eines Besseren belehren. Auch und gerade weil es um „neue Medien“ und „social media“ ging. Aber der Reihe nach.

Von ausgetretenen Pfaden …

Ende Juno fand der fünfte printhouse talk in den heil’gen Hallen des VDM NRW in Lünen statt, ein Format, bei dem Experten in einer „Diskussion“, wie man das so erwartet, zu einem Thema Stellung beziehen. Obwohl: eine Diskussion mit kontroversen Debatten wurde es erst durch die bisweilen sehr skeptischen Einwürfe des Publikums. Unter dem Motto „iPad & Co. – Bleibt alles anders: E-Magazin oder doch lieber gedruckt?“ ging es um die – was sonst?, fragt der Ketzer – Chancen, die die „neuen Medien“ (versinnbildlicht durch das iPad) der Druckbranche bieten. Um Mut zu machen, gab es Unternehmer als Gäste, die als Best-practice-Beispiel von ihren Erfahrungen mit der Produktion für’s iPad berichten konnten. Summa summarum bekam die explizit erwähnte Zeitschrift eine höhere Reichweite, es wurde mit ihr neues Geld verdient und die Druckumsätze stiegen auch. Amen.

Und was macht nun die kleine Druckerei, die keine Agentur hat und wirklich nur druckt? Gute Frage, ernstgemeinte, aber verzweifelt wirkende Antwort: Die Druckerei kann ja ihrer Agentur anbieten – frei nach dem Gedanken, dass die Druckerei zum Mediendienstleister wird und alles aus einer Hand bieten kann – die Datei mobile-device-tauglich zu machen, immerhin kann man ja relativ simpel aus einer PDF eine App machen; das wäre doch zum Beispiel etwas für Geschäftsberichte.

"zukunft medien"-Seminar "social media" beim VDM NRW - © Verband Druck + Medien NRW e.V.
Eindruck vom Social-Media-Seminar beim VDM NRW. © Verband Druck + Medien NRW e.V.

Man verzeihe mir diese Polemik, aber … ganz ehrlich: Warum sollte ich als Unternehmer, der gerne seinen Geschäftsbericht digital hätte, mir eine Geschäftsbericht-App zulegen, wenn ich mir einfach die PDF anschauen könnte? Und warum sollte ich als Agenturinhaber mich nicht selbst schleunigst daran setzen, mir diese Fähigkeiten zuzulegen, wenn ich Apps aus InDesign erstellen kann? … Man kann sich auch ein Szenario konstruieren, bloß um einen Nutzen zu finden.
Ist es nicht eher so, dass eh nicht jedes Unternehmen irgendwann alles nur noch digital haben wird? Es gibt wohl sicherlich andere Stärken, die Druckereien als solche haben können. Wieviel wäre schon gewonnen, wenn von Agenturseite gute, saubere und sinnvoll ausgezeichnete PDFs mit Lesezeichen etc. kämen. Damit kann man auch schon extrem viel erreichen! Als reine Druckerei kann man immer noch den persönlichen Service bieten, kürzere Lieferzeiten als in der Online-Druckerei, örtliche Nähe mit dem damit verbundenen Blick über die Schulter und die schnelle Kommunikation bei Schwierigkeiten. Persönliche Beratung ist ein Wert an sich – auch wenn dafür nicht jede_r gewillt ist zu zahlen. Da hofft man dann einfach auf gute Druckergebnisse der Online-Druckerei, und daran ist auch nichts verwerflich, immerhin ist es nur logisch, wenn der Druck günstiger wird, weil immer nur das gleiche Papier in der gleichen Form unter gleichen Bedingungen verarbeitet wird. Das muss aber jede_r für sich wissen und ist sicherlich auch eine Frage des eigenen Anspruchs im Verhältnis zu den einsetzbaren Mitteln. Da hat jede_r so seine Nische, die er oder sie besetzen muss, die große Online-Druckerei ebenso wie der kleine Fachbetrieb, der sich auf die Veredelung von Druckprodukten spezialisiert hat.

… und neuen Wegen

Wenn wir schon dabei sind, dass sich Betriebe der Druckbranche ganz individuell auf ihren Stärken konzentrieren müssen, dann kommen wir nicht umhin, auf „social media“ zu sprechen.
Vorgestern fand – wieder beim VDM NRW, da bin ich froh, dass mein Ausbildungsbetrieb Verbandsmitglied ist, denn das macht die Teilnahme an solchen Veranstaltungen günstig bis kostenfrei – ein Seminar statt zum Thema „social media“. Aus meiner Perspektive (Digital Native, Smartphonenutzer, Netbook- und Notebookbesitzer, vertreten u.a. bei twitter, Facebook, Google+ und XING) gab es wenig Neues zu erfahren, weswegen ich es auch lieber als Grundlagenseminar betiteln möchte, und das war es womöglich auch für die Mehrheit der Gäste (mehrheitlich männlich und nicht mehr ganz so jung). Aber es war gut. Es hat mir vergegenwärtigt, was ich schon wusste und es hat anderen hoffentlich Mut gemacht, sich in diesen „social media“ zu engagieren, denn das war es durchaus: ermutigend. „zukunft medien: social media“ hat ganz bewusst keine Ängste geschürt vor dem Kontrollverlust und all dem anderen, was man fürchten kann, wenn man schon froh ist, den Wechsel von InDesign CS3 auf CS5 halbwegs problemlos überstanden zu haben.

Nennt es polemisch, aber für jemanden, der mit dem Radio und nur zwei Fernsehsendern groß geworden ist, war schon der Computer eine Revolution, das Internet ein neues Universum (man wurde ja nicht jünger) und der Weg von statischen Seiten zum „Web 2.0“ ist auch nicht allzu kurz. Wer weiß, vor welchen Entwicklungen ich mich in zwanzig bis dreißig Jahren scheuen werde sie mitzugehen. Insofern war dieses Seminar genau richtig für alle, die gemerkt haben, dass sie da nicht ganz up to date sind, was ihren Kenntnisstand angeht.

Ein bisschen überspitzt, aber nie ganz falsch, schilderten Katharina Matters und Daniela Werner, die beiden Referentinnen des VDM NRW, den Tagesablauf eines Digital Native und ich fand mich darin durchaus wieder – auch wenn ich meiner Freudin, so ich eine hätte, niemals um 9 Uhr MESZ eine Guten-Morgen-SMS nach Ecuador schicken würde, schon weil es dort 2 Uhr nachts wäre.
Die beiden schafften es ziemlich gut zu zeigen, dass es eigentlich nur im Sinne der Unternehmen sein kann, am Puls der Zeit zu bleiben. Auch wenn nur Digital Natives Digital Natives sein könnten – ach?! – könne prinzipiell jede_r ihr bzw. sein Mediennutzungsverhalten überdenken und adaptieren. Niemand müsse zurückbleiben, könne sich Hilfe holen.

Nach diesem Mutmacher gab Stefan Höynck vom VDM NRW einen grundlegenden, positiven Einblick in einige der in Deutschland relevanten sozialen Netzwerke (Facebook, XING, twitter) und zeigte dabei auch, wie leicht und gut daraus ein Nutzen gezogen werden kann, und plötzlich war ich der anscheinend einzige der Runde, der schon in Sachen Google+ aus dem Nähkästchen plaudern konnte. So wird man wohl zur digitalen Avantgarde – zumindest in gewissen Kreisen. Pardon.

Nach einer kleinen Pause ging es dann ans Eingemachte. Daisy Leenders von E&A BEST Websolutions und Thomas Amann vom Medienzentrum Straelen zeigten, wie man durch Kooperation neue Märkte erschließen kann, wie eine deutsche Druckerei durch Erweiterung um eine Agentur, Zusammenarbeit mit einer niederländischen Webmarketingagentur und intensive Nutzung neuer Medien zu einem grenzübergreifenden, erfolgreichen Mediendienstleister werden konnte – ganz ohne iPad.
Es brauche eigentlich nur einen Plan und eine Strategie, und wie diese aussehen könne, das zeigten die beiden sehr anschaulich anhand ihres eigenen beruflichen Umgangs mit twitter, facebook und YouTube.

Spätestens da fragte ich mich dann doch, warum nicht viel mehr Unternehmen aktiv Social Media nutzten, so banal wie das eigentlich ist. Nu. … Dass das Internet „kein rechtsfreier Raum“ ist, hätte klar sein können, es wurde dennoch in einem separaten Vortrag von Henrike Prömmel erklärt und betont (immerhin ohne diese unsägliche Formulierung), dabei lässt es in die eigentlich eh schon bekannten Hürden und Fallstricke fassen: AGB, Datenschutz, Urheberrecht, Markenrecht, Telemedienrecht, allgemeines Persönlichkeitsrecht, Jugendschutz und Arbeitsrechts – nichts, was einer Unternehmensführung so grundlegend fremd sein sollte.

Eine triviale Sache für ernsthafte Leute?

Das klingt jetzt alles sehr simpel – und für mich, der damit aufgewachsen ist, und der als Mediengestalter in seiner Ausbildung auch damit auch schon in Kontakt gekommen ist, ist es das auch – aber für diejenigen, die verhältnismäßig neu im Internet sind und einen ganz anderen Umgang damit haben, war dieses Seminar doch ein guter Einstieg in die Welt der „Sohschel Miehdia“.
Es klingt auch simpel, wenn ich sage, dass man die Leute da ansprechen und erreichen muss, wo sie gerade sind, aber es wird echt Zeit, dass sich diese Erkenntnis – auch und gerade auf das Internet bezogen – auch mal in der Druckbranche durchsetzt. Wen ich mit einer Suchmaschine nicht online finde, den gibt es nicht. Wer online in einen Dialog mit anderen kommt, kann sich empfehlen.
Wenn die Empfehlung der Freund_innen und Bekannten immer mehr ein Kriterium für eine Entscheidung wird, dann wird es Zeit mit ihnen zu reden. Es gibt noch immer so viele Menschen, die ein Druckunternehmen suchen – warum hoffen wir noch immer darauf, dass sie uns finden? Warum tun wir nicht aktiv etwas dafür, dass ihre Suche sie zu uns führt?

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