Gedöns
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„Seid weiter geistesgestört!“

Es hat nur sechs Jah­re gedau­ert. Am Sams­tag, dem 16. Juli 2005 sah ich sie zum ers­ten Mal. Ich saß vor der Matt­schei­be, sie dahin­ter. Ich woll­te sie sofort tref­fen. Mei­ne ers­te gro­ße Lie­be. Eine Frau. Simo­ne Ker­mes.

Dass ich für eine Frau schwär­men wür­de, war schon absurd genug. Dass ich einen Pro­mi tref­fen wol­len wür­de, war noch viel absur­der. Dass es mir gelin­gen soll­te, war eigent­lich aus­ge­schlos­sen. Und den­noch ist es pas­siert.
Dies ist ein lan­ger Text über einen kurz­wei­li­gen Abend, über klei­ne Geis­ter und gro­ße Gefüh­le. Vor­hang auf!

1. Akt

Durch eine halb­wegs klas­si­sche Erzie­hung mit Gewalt­frei­heit und gut­bür­ger­li­chem Instru­ment (Vio­li­ne) schon früh­zei­tig geschä­digt geprägt, lag es nicht unbe­dingt nahe, dass ich halb­wegs nor­mal wer­den wür­de. Statt­des­sen ver­schlug es mich über Umwe­ge zur Alten Musik, und alt ist in dem Fall alles, was vor 1750 ent­stand. So viel dazu!

Howe­ver. Infol­ge­des­sen stol­per­te ich der­einst im Som­mer 2005 unge­wollt (!) über ein selt­sam span­nen­des Fern­seh­pro­gramm. Eine rot­haa­ri­ge Frau und eine blon­de Frau san­gen in den höchs­ten Höhen und dazwi­schen saß eine grau­haa­ri­ge Frau und erzähl­te von ihrer Lie­be zu der Musik von Georg Fried­rich Hän­del – man mag den Namen schon ein­mal gehört haben, das ist der, der die Cham­pi­ons-League-Hym­ne kom­po­niert hat – und Vene­dig. Es war die Zeit der Hän­del-Fest­spie­le in Hal­le und 3sat über­trug live eine Ver­an­stal­tung mit Joy­ce DiDo­na­to – auch sie habe ich seit­her nicht ver­ges­sen – Don­na Leon und Simo­ne Ker­mes.

Jah­re spä­ter und eini­ge CDs mehr in mei­nem Besitz, wur­de ich Autor eines mitt­ler­wei­le been­de­ten Blog­pro­jekts und schwärm­te mei­nen Mit­au­to­ren, so wir mit­ein­an­der schrie­ben - man wohn­te ja, wie das im Inter­netz so war, mei­len­weit aus­ein­an­der – von der groß­ar­ti­gen, tol­li­gen, auf­re­gen­den Simo­ne Ker­mes vor.

Letzt­lich sorg­te es dafür, dass mei­ne bes­se­re Hälf­te, von mir infi­ziert, über Frau Ker­mes blogg­te, was wie­der­um auf ihrer Web­site ver­linkt wur­de – Hal­lo, Frau Ker­mes, someabout.net gibt es lei­der nicht mehr, aber Sie kön­nen ger­ne, wenn Sie möch­ten, hier­her ver­lin­ken. Viel­leicht erin­nern Sie sich ja an uns drei jun­ge Gestal­ten, wenn Sie den Titel die­ses Bei­trags als ein Zitat von Ihnen erken­nen. – und als wir sie dann vor ein paar Wochen im Fern­se­hen sahen, wo sie indi­rekt für ihr Enga­ge­ment an der Oper Köln warb, ließ ich es mir im Wis­sen um mei­ne für Frau Ker­mes begeis­ter­te bes­te Freun­din und um den damals noch nahen­den Geburts­tag mei­nes Freun­des nicht neh­men, uns drei­en die­ses Erleb­nis zu besche­ren. Ich sage nur ein Wort: Rinal­do.

2. Akt

Über die Hand­lung Hän­dels ers­ter Lon­do­ner Oper will ich nicht all­zu vie­le Wor­te ver­lie­ren, nur die fol­gen­den. (Regie­an­wei­sung: Man stel­le sich vor, Götz Als­mann stell­te jetzt das „Zim­mer Frei“-Bilderrätsel vor)
Rinal­do. Et is damm­als. Die Chris­ten haben Kreuz­zugs­ses­si­on und lie­gen mit ihren Trup­pen vor Jeru­sa­lem. Goff­re­do ali­as Gott­fried von Bouil­lon, der wo der Brü­he Namens­ge­ber wur­de, will die Stadt von den Ungläu­bi­gen unter Herr­scher Argan­te zurück­er­obern und ver­spricht für die Ein­nah­me der Stadt sei­nem Hel­den Rinal­do sei­ne Toch­ter Almirena. Da Argan­te natur­ge­mäß etwas gegen den Ver­lust sei­ner Stadt hat, setzt er auf die magi­schen Küns­te sei­ner Gelieb­ten Armi­da und es kommt wie es kom­men muss: Armi­da lässt Almirena ent­füh­ren, Rinal­do ver­zwei­felt und will sie ret­ten, Argan­te ver­liebt sich in die ver­zwei­fel­te Almirena, Armi­da ver­guckt sich in den schö­nen Rinal­do, doch am Ende, vor der gro­ßen Schlacht, steht die Gutes­te Armi­da doch recht allein da. Nichts­des­to­trotz kommt es doch zur Schlacht um Jeru­sa­lem, Argan­te steht Armi­da doch bei, aber sie ver­lie­ren und die Stadt fällt an die Chris­ten. Rinal­do hat gute Argu­men­te für einen Über­tritt der bei­den zum Chris­ten­tum, ande­re nen­nen es Fol­ter, und am Ende gibt es Frie­de, Freu­de, But­ter­ku­chen. Hand­lung Ende.

Gut, das war jetzt sehr ver­kürzt und um alle Neben­fi­gu­ren (Eus­ta­zio, die Sire­nen, Mago, Aral­do) redu­ziert und auch die Insze­nie­rung als sol­che soll hier jetzt nicht The­ma sein, aber im Gro­ßen und Gan­zen war es in etwa so.

Simo­ne Ker­mes, als gro­ßer Name der Oper Köln zu Glanz ver­hel­fen sol­lend - Kann man das gemei­ner­wei­se so sagen, ohne allen Betei­lig­ten auf den Schlips zu tre­ten? - war der Star des Abends. Nach­dem die Insze­nie­rung geplan­ter­ma­ßen eine gute hal­be Stun­de zu Beginn ohne sie aus­kom­men muss­te und auch die Blä­ser (Trom­pe­ten!) schon zei­gen durf­ten, was sie nicht konn­ten, trat sie mit Don­ner­grol­len auf und die Büh­ne war ihre. Gut, die ande­ren Sänger_innen, allen vor­an Kren­a­re Gashi als Almirena und Wolf Mat­thi­as Fried­rich als Argan­te waren auch nicht schlecht, aber auch wer Simo­ne Ker­mes schon von ihren CDs und den Schnip­seln bei You­Tube „kann­te“, durf­te bewun­dern, was wah­re Büh­nen­prä­senz aus­ma­chen kann. So leid­lich sie sich in die­ses Team ein­zu­bin­den ver­moch­te, so sehr stell­te sie es auch in den Schat­ten.

3. Akt

Allein ihr Auf­tritt als letz­ter Akt am Ende des zwei­ten Aktes sprach Bän­de. „Vo’ far guer­ra, e vin­cer voglio“, oder auch: Frau Ker­mes allein zuhaus’. Kei­ner mag sie, kei­ner will sie und dann darf sie nicht ein­mal als Zei­chen ihrer Wut ihre Arie schmet­tern, weil ihr der Cem­ba­list das vir­tuo­se Solo klaut. Man soll­te dazu wis­sen, dass es zu Hän­dels Zeit ein abso­lu­tes Unding war, der Sän­ge­rin bzw. dem Sän­ger das Solo zu neh­men, aber ein Georg Fried­rich Hän­del, der ein gran­dio­ser Cem­ba­list gewe­sen sein muss, hat­te es sich nicht neh­men las­sen, sich der­einst 1711 selbst ans Cem­ba­lo zu set­zen und sei­ne Impro­vi­sa­ti­ons­fä­hig­kei­ten dar­zu­bie­ten und so tun es Cembalist_innen in die­ser Oper noch heu­te. So rich­te­te sich also die Wut der ver­las­se­nen Armi­da auf die­sen unver­schäm­ten, unver­schämt guten Cem­ba­lis­ten, und dass die­ses Emp­fin­den auch noch in der qua­si hin­ter­letz­ten Rei­he ankam und ein­fach nur ein gro­ßes Ver­gnü­gen anzu­se­hen war, dafür cha­peau und Hut ab bis auf den Boden!

Prak­ti­scher­wei­se war dann der zwei­te Akt auch vor­bei und der Applaus war fre­ne­tisch, auch wenn es man­chen wohl zu viel war, wes­we­gen wir uns als geis­tes­ge­stört beschimp­fen las­sen durf­ten, aber davon unbe­ein­druckt, weil noch unwis­send, hielt es Frau Ker­mes dann in der Pau­se nicht in ihrer Gar­de­ro­be son­dern dräng­te sie ins Foy­er, um – ten­den­zi­ell wohl eher opern­un­ty­pisch – für Fotos bereit­zu­ste­hen und Auto­gram­me zu geben.

Es hat nur sechs Jah­re gedau­ert. Am Sams­tag, dem 21. Mai 2011 traf ich sie zum ers­ten Mal. Ich stand vor einem Tisch, sie saß dahin­ter. Ich ließ mei­ne Beglei­tung ihre Auto­gram­me erste­hen, sag­te nichts. Mei­ne ers­te gro­ße Lie­be. Eine Frau.

Nur kurz noch zum Titel die­ses Bei­trags. Die auf­merk­sa­men Leser wer­den es bemerkt haben: Es ist ein Zitat von Frau Ker­mes, nach­dem sie dann doch von Frau Ninet­te erfah­ren hat­te, dass gewis­se Sauer­töp­fe uns am liebs­ten im Sana­to­ri­um oder Kel­ler und sich selbst in einer gesit­te­ten Insze­nie­rung gese­hen hät­ten. Nu.
In die­sem Sin­ne: Vie­len Dank für die­sen wun­der­vol­len Abend, den best­mög­li­chen Ein­stieg in die Welt der live erleb­ten Oper!

„Seid wei­ter geis­tes­ge­stört!“ – Machen wir und bis zum nächs­ten Mal, Frau Ker­mes!

PS: Falls nun jemand nicht völ­lig abge­schreckt wur­de und einen Ein­druck von Simo­ne Ker­mes bekom­men möch­te, kann ich nur das fol­gen­de Video emp­feh­len.

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