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WAZ sollen wir lesen? das zeitungsabo-experiment (epilog in zwei teilen. drittens)

WAZ sollen wir lesen

Nun ist es schon eini­ge Tage her, dass mein WAZ-Pro­be­abo aus­lief und irgend­wie gelang es mir auch, das auf­zu­schrei­ben, was ich dabei erleb­te und emp­fand. Aller­dings waren die­se Bei­trä­ge nicht unbe­dingt das, was ich per­sön­lich als wirk­lich kon­struk­tiv emp­fin­den wür­de. Sicher­lich, eini­ge Anmer­kun­gen gab es schon, die durch­aus jeman­dem etwas brin­gen könn­ten, aber im Gro­ßen und Gan­zen war es eher ein "Tu' das nicht! Hör' damit auf! Lass' das sein!". In die­sem, vor­erst letz­ten Bei­trag wird das alles anders, hier kommt mei­ne geball­te Wut kon­struk­ti­ve, posi­ti­ve Kri­tik, hier kom­men mei­ne Wün­sche an eine Tages­zei­tung, die ich ger­ne lesen möch­te!
Teil eins fokus­sier­te sich dabei auf die Aus­gangs­si­tua­ti­on, die Anfor­de­run­gen und das fak­ti­sche Ange­bot der WAZ und wird ende­te mit den Schwä­chen. Im zwei­ten Teil ging es um die Stär­ken der WAZ und um mich und mei­ne Anfor­de­run­gen. Dar­an anknüp­fend stell­te ich mei­ne Wunsch­zei­tung vor, kon­fron­tier­te sie mit der Rea­li­tät und ver­such­te zu einer Lösung zu kom­men.
Zu einem wirk­li­chen Fazit, einem Rück­blick und einem Aus­blick möch­te ich jetzt kom­men.

Rückblick

Nach nun­mehr fast genau einem Monat, nach­dem ich die prak­ti­sche Pha­se mei­nes WAZ-Zei­tungs­abo-Expe­ri­ments abge­schlos­sen habe, muss ich doch ein­mal ein paar Sachen fest­stel­len.
Ich bin für die WAZ nicht eher auf­ge­stan­den als sonst. Dass ich Berufs­schu­le en bloc hat­te, war sicher­lich nicht unbe­dingt vor­teil­haft, weil es zu unschö­nen Auf­steh­zei­ten führ­te, war aber kein Nach­teil, weil ich schon bis­her Zeit für ein aus­gie­bi­ges Früh­stück und die Mor­gen­lek­tü­re ein­ge­plant hat­te, wel­che aber bis dato aus­schließ­lich online erle­digt wur­de. Was hin­ge­gen nach­tei­lig war, war der Umstand, dass die WAZ so früh am Mor­gen (halb Sechs) noch nicht im Brief­kas­ten lag, so dass mir die gan­ze Zeit nichts nütz­te, außer dass sie durch die bis­he­ri­ge Blog­schau am Mor­gen aus­ge­füllt wer­den konn­te. Die WAZ gab ich mir dann jeden­falls erst mit dem Ver­las­sen des Hau­ses als Weg­zeh­rung mit.
In der U-Bahn mor­gens um halb Sie­ben Zei­tung zu lesen ist mach­bar. Die U-Bahn ist nicht zu voll, es gibt Sitz­plät­ze und die Beleuch­tung ist aus­ge­zeich­net. Das kann man im Bus lei­der nicht behaup­ten. Im bes­ten Fall gibt es enge Sitz­plät­ze und die neben mir sit­zen­de Per­son mag die Zei­tung nicht im Gesicht haben. Das schränkt den Radi­us zum Blät­tern extrem ein. Wenn dann noch (vor Mor­gen­däm­me­rung) die Beleuch­tung im Schlaf­wa­gen­mo­dus ist, kann man das Lesen ver­ges­sen, es sei denn, man hat eine Taschen­lam­pe dabei. Aber wer nimmt schon zur Arbeit eine Taschen­lam­pe mit? Wenn man dann noch mit Arbeits­kol­le­gen (oder in dem Fall Klas­sen­ka­me­ra­den) im Bus sitzt, ist es zudem trotz der uhr­zeit­be­ding­ten Wach­heit nicht son­der­lich kom­mu­ni­ka­tiv sich hin­ter der Zei­tung zu ver­ber­gen, wenn sonst nie­mand mit­liest oder mit­le­sen will, zumal es rela­tiv schwie­rig wird den Gesprä­chen kom­plett zu fol­gen und dabei auf die Fein­hei­ten der Bericht­erstat­tung zu ach­ten – und gezz kommt mir nicht mit Mul­ti­tas­king.

Ich muss es lei­der so kon­sta­tie­ren: Ich habe mich wesent­lich öfter über die WAZ geär­gert als gefreut. Im bes­ten Fall fand ich in der Regel, dass die Tex­te soli­de waren, nicht her­aus­ra­gend oder gut, son­dern schlicht in Ord­nung bis "geht so". Wirk­lich gut, weil packend erzählt oder beson­ders gut recher­chiert, fand ich zu wenig und gestal­te­risch gefällt mir die WAZ schlicht nicht. Ich habe lei­der nur wenig mehr Neu­es erfah­ren als ich bis zur Zei­tungs­lek­tü­re schon wuss­te und ich fand nur wenig mehr in der Zei­tung als ich online schon gese­hen hat­te und noch weni­ger fand ich online, was in der Zei­tung gestan­den hat­te – ich hät­te ger­ne durch­aus noch eini­ge Arti­kel mehr ver­linkt, aber ich fand sie ein­fach nicht, es gab sie ein­fach nicht.
Als die WAZ dann wie­der weg war, hab' ich dann auch nicht so son­der­lich viel ver­misst. Viel­leicht die Kari­ka­tu­ren, und dass ich sie auch gut und halb­wegs bequem im Ste­hen lesen konn­te, nach­dem ich mein Umfeld mit Zei­tungs­ori­ga­mi ins Koma geschla­gen hat­te. Aber sonst? Ja, gut, mein Net­book raschelt nicht so schön – aber wenn das raschel­te, mach­te ich mir auch Gedan­ken – und es riecht auch nicht so gut nach Papier und Far­be, aber ich bekom­me auch kei­ne schwar­zen Fin­ger von der Dru­cker­schwär­ze. Außer­dem kann ich mich pro­blem­los und ohne Wech­sel des Medi­ums nach ande­ren Quel­len und Stand­punk­ten erkun­di­gen und nicht zuletzt kann ich – twit­ter und face­book sei Dank! – ziem­lich schnell und ein­fach ande­ren emp­feh­len, was ich gera­de gele­sen habe, auch wenn das zuge­ge­be­ner­ma­ßen eher sel­ten vor­kommt, da ich viel mehr über Goog­le Reader bzw. den Umweg tumb­lr "sha­re", also wei­ter­emp­feh­le.
Was ich in den zwei Wochen erle­ben durf­te, hat mich nicht davon über­zeugt, die WAZ als Tages­zei­tung zu abon­nie­ren. Es hat mich auch nicht davon über­zeugt, die Tages­zei­tung als sol­che zu ver­dam­men oder schon jetzt auf's Abstell­gleis zu schie­ben, auch wenn ich die Tages­zei­tung als sol­che in nicht all­zu fer­ner Zukunft – spä­tes­tens, wenn fast die gesam­te Bevöl­ke­rung online ist und mit "online" die täg­li­che Nut­zung des Inter­nets gemeint ist – dort ver­mu­te, weil sie in Sachen Schnel­lig­keit und Aktua­li­tät nicht mit dem Inter­net als Schrift­me­di­um kon­kur­rie­ren kann. Ihre Stär­ke sind die ten­den­zi­ell eher zeit­lo­sen Repor­ta­gen und Hin­ter­grund­be­rich­te, die nicht auf ein fixes Datum ange­wie­sen sind um aktu­ell zu sein. Das kann auch von einer mehr­mals wöchent­lich erschei­nen­den Zei­tung geleis­tet wer­den. Aber las­sen wir mal mei­ne The­sen zur Zukunft der Tages­zei­tung außen vor.
Auch wenn die WAZ für vie­le Men­schen ihre Tages­zei­tung ist und sie mit ihr so zufrie­den sind, dass sie sie wei­ter­hin lesen wol­len, so ist sie das für mich nicht. Sie erfüllt mei­ne Ansprü­che an eine Tages­zei­tung nicht, sie bie­tet mir zu wenig ori­gi­när neue Mel­dun­gen und zu wenig ver­tie­fen­de Hin­ter­grund­be­richt­erstat­tung zu schon bekann­ten Ereig­nis­sen. Sie hat als Mono­po­lis­tin in Her­ne einen Lokal­teil, der mir zu wenig aus dem städ­ti­schen Leben ver­mit­telt, gera­de aus dem städ­ti­schen poli­ti­schen Leben, die zu sel­ten an mei­ner statt die ört­li­chen poli­ti­schen Gre­mi­en unter die Lupe nimmt und mir von ihnen berich­tet (eigent­lich nur, wenn es Kon­tro­ver­sen gibt), und der sonst von Men­schen mit unge­wöhn­li­chen Hob­bies berich­tet oder Schüler_innen für die Bebil­de­rung der Mel­dung, dass die­se für ein Jahr ins Aus­land gehen, mit einem Lokal­po­li­ti­ker posie­ren lässt, der von den immer glei­chen Klein­gar­ten­ver­eins­fes­ten berich­tet und eben ander­wei­tig Brat­wurst­jour­na­lis­mus ablie­fert. Sie bie­tet mir zu wenig Poli­tik, Wirt­schaft und Loka­les, zu wenig mensch­li­che Selbst­re­flek­ti­on (wie sie zum Bei­spiel die kom­bi­nier­te Wirt­schafts- und Umwelt-Sei­te der taz bie­tet) und zu viel Men­scheln­des und Obrig­keits­hei­schen­des. Ich will nichts von Pro­mi­hoch­zei­ten oder ver­film­te Psy­cho­the­ra­pie­sit­zun­gen von see­li­schen Exhi­bi­tio­nis­ten wis­sen. Ich kann nach­voll­zie­hen, dass vie­le Men­schen aus wel­chen Grün­den auch immer sol­che Din­ge lesen wol­len, aber mich stößt es nur ab.

Ausblick

Ich will von mei­ner Tages­zei­tung infor­miert wer­den, ich will von ihr dar­in unter­stützt wer­den, mein Leben in den heu­ti­gen Ver­hält­nis­sen gut zu meis­tern, ich will mich anhand ihrer Bericht­erstat­tung selbst befä­hi­gen, mich aus mei­ner selbst ver­schul­de­ten Unmün­dig­keit und Ahnungs­lo­sig­keit von den gesell­schaft­li­chen Zustän­den zu befrei­en und die Gesell­schaft, in der ich lebe, aktiv mit­ge­stal­ten zu kön­nen. Ablen­ken von und aus­klin­ken aus die­ser Welt kann ich mich sehr gut selbst, da hel­fen mir ande­re Indus­tri­en mit ihren Zeit­schrif­ten, Büchern, Songs, Fil­men, Thea­ter­stü­cken, Kon­zer­ten, Par­ties, Kirch­weih­fes­ten (oder hat jemand einen schö­nen Plu­ral von "Kir­mes" für mich im Ange­bot?), Trö­del­märk­ten und ande­ren lega­len Dro­gen.

Wenn ich also nun kein Abon­ne­ment mit der WAZ abschlie­ßen wer­de, dann nur weil ich es nicht kann. Ich kann nicht zwei­mal über das­sel­be Ereig­nis infor­miert wer­den und bei bei­den Malen behaup­ten, es wäre mir neu. Ich kann mich nicht damit arran­gie­ren, regel­mä­ßig Feh­ler zu rekla­mie­ren weil sie nicht abge­stellt wer­den; irgend­wann wird das Pro­dukt gewan­delt und die Mar­ke hat ihren Ver­trau­ens­vor­sprung ein­ge­büßt und ich gehe zur Kon­kur­renz. Wenn ich nun kei­ne Kon­kur­renz, kei­ne Alter­na­ti­ve habe, muss ich mich ent­schei­den: Fin­de ich mich mit den Män­geln ab, weil ich das Pro­dukt so sehr benö­ti­ge, oder kann ich auch gut ohne leben?
In Bezug auf das Pro­dukt WAZ sieht es lei­der so aus: Die WAZ in Her­ne ist Mono­po­lis­tin und des­halb kann sie machen, was sie will. Ich muss die Sachen mit erwer­ben, die ich gar nicht haben will und bekom­me zudem zu wenig von dem, was ich brau­che. Da mache ich nicht mehr mit. Ich kann gut ohne die WAZ leben – ohne DerWesten.de aller­dings nicht.

Le fin.

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