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WAZ sollen wir lesen? das zeitungsabo-experiment (epilog in zwei teilen. erstens)

WAZ sollen wir lesen

Update: Nach einem Kom­men­tar habe ich mei­ne Aus­sa­ge über Hal­lo Her­ne ein wenig kon­kre­ti­siert.

Nun ist es schon eini­ge Tage her, dass mein WAZ-Pro­be­abo aus­lief und irgend­wie gelang es mir auch, das auf­zu­schrei­ben, was ich dabei erleb­te und emp­fand. Aller­dings waren die­se Bei­trä­ge nicht unbe­dingt das, was ich per­sön­lich als wirk­lich kon­struk­tiv emp­fin­den wür­de. Sicher­lich, eini­ge Anmer­kun­gen gab es schon, die durch­aus jeman­dem etwas brin­gen könn­ten, aber im Gro­ßen und Gan­zen war es eher ein "Tu' das nicht! Hör' damit auf! Lass' das sein!". In die­sem, vor­erst letz­ten Bei­trag wird das alles anders, hier kommt mei­ne geball­te Wut kon­struk­ti­ve, posi­ti­ve Kri­tik, hier kom­men mei­ne Wün­sche an eine Tages­zei­tung, die ich ger­ne lesen möch­te!
Teil eins wird sich dabei auf die Aus­gangs­si­tua­ti­on fokus­sie­ren, die Anfor­de­run­gen und das fak­ti­sche Ange­bot der WAZ und wird mit den Schwä­chen enden. Erst im zwei­ten Teil geht es dann um die Stär­ken der WAZ und um mich und mei­ne Anfor­de­run­gen. Dar­an anknüp­fend stel­le ich mei­ne Wunsch­zei­tung vor, kon­fron­tie­re sie mit der Rea­li­tät und ver­su­che zu einer Lösung zu kom­men.
Ein eigent­li­ches Fazit, einen Rück­blick und eine abschlie­ßen­de Ein­schät­zung gibt es dann – im drit­ten Teil.

Die Ausgangssituation

Es gibt nur die WAZ in Her­ne! Bis Mit­te der 70er-Jah­re hat­te es mit "Her­ner Zei­tung" und den Lokal­aus­ga­ben der West­fä­li­schen Rund­schau und der Ruhr Nach­rich­ten noch Kon­kur­renz gege­ben, doch seit­dem ist Her­ne fest und aus­schließ­lich in WAZ-Hand. Das mitt­wochs und sonn­tags erschei­nen­de Anzei­gen­blatt "Wochen­blatt" gehört, ver­ein­facht gesagt, der WVW-West­deut­sche Ver­lags- und Wer­be­ge­sell­schaft mbH & Co. KG, wel­che wie­der­um ein­hun­dert­pro­zen­ti­ge Toch­ter­ge­sell­schaft der WAZ Medi­en­grup­pe ist, und ist somit eben­so wie das Lokal­ra­dio 90.8 Radio Her­ne (die­ses über die West­funk Gmbh & Co. KG) ein Geschöpf der WAZ Medi­en­grup­pe. Die Sonn­tags­nach­rich­ten, die direk­te Kon­kur­renz des Wochen­blatts gehö­ren hin­ge­gen dem "Ver­lag Lokal­pres­se GmbH".

Gordische Tochtergesellschaften

Macht euch nicht die Mühe, nach den Zusam­men­hän­gen zwi­schen den ver­schie­de­nen GmbH & Co. KGs zu goog­len, es bringt euch nicht mehr als ein unzäh­li­ges Erschei­nen des Namens Rolf-Micha­el Küh­ne und eini­ger grau­er Haa­re – und www.verlag-lokalpresse.de ist auch kei­ne gro­ße Hil­fe, falls ihr die Geflech­te rund um die Her­ner Lokal­zei­tun­gen ent­wir­ren wollt. Da hilft wohl nur ein schar­fes Schwert!

Hal­ten wir ver­ein­fa­chend fest: In Sachen Lokal­jour­na­lis­mus ist die WAZ gedruck­ter- und gehör­ter­wei­se Mono­po­lis­tin. Online ist es zum Glück ein wenig bes­ser um die Medi­en­viel­falt bestellt, gibt es doch mit Hal­lo Her­ne mitt­ler­wei­le ein von ehe­ma­li­gen WAZ-Mit­ar­bei­tern redak­tio­nell geführ­tes Online­an­ge­bot, wel­ches in man­chen Din­gen durch­aus schnel­ler als die WAZ reagiert, defi­ni­tiv mehr ver­öf­fent­licht (zumin­dest online) und auch sonst ein­fach eine Alter­na­ti­ve dar­stellt.
Rund­her­um ist die Lage also nicht gera­de rosig, wenn man in Her­ne nach Kan­di­da­ten für einen Wett­be­werb um das bes­te (ich will nicht sagen "um ein halb­wegs pas­sa­bles") jour­na­lis­ti­sche Ange­bot sucht.

Daraus abgeleitete Anforderungen

Für eine Zei­tung, die für vie­le – und gera­de für die Zei­tung selbst, aber das ist selbst­ver­ständ­lich – DAS Medi­um zur Infor­ma­ti­on schlecht­hin ist, ergibt sich aus die­ser Situa­ti­on ein beson­de­rer Anspruch. Aus Sicht der Leser soll­te sie einen all­ge­mei­nen Infor­ma­ti­ons­auf­trag wie die öffent­lich-recht­li­chen Medi­en haben, aus Unter­neh­mer­sicht muss sie aber auch irgend­wie ren­ta­bel sein oder zumin­dest (wir sind ja ein im gan­zen Ruhr­ge­biet erschei­nen­der Ver­lag) nicht all­zu rote Zah­len schrei­ben.
Anders gesagt: Man erwar­tet einen gut infor­mie­ren­den und ein­ord­nen­den Pol­tik- und Wirt­schafts­teil, einen soli­den Sport­teil mit viel Fuß­ball (immer­hin sind wir im Ruhr­ge­biet), einen soli­den Lokal­teil (immer­hin will man, Glo­ba­li­sie­rung hin oder her, doch noch mit­be­kom­men, was in der Stadt pas­siert) und ein biss­chen Klatsch und Tratsch soll­te auch dazu gehö­ren, will man ja dafür in der Regel nicht noch extra eine zwei­te Zei­tung kau­fen. Mit die­ser bun­ten Mischung sol­len dann so vie­le Men­schen wie mög­lich erreicht wer­den und das am bes­ten so, dass es sich rech­net.
Klar, das ist jetzt eine sehr pau­scha­le Ein­schät­zung, aber es deckt sich unge­fähr mit den Beob­ach­tun­gen, wie die WAZ in Her­ne auf­ge­stellt ist.

Das Angebot der WAZ

Die WAZ erscheint zum werk­täg­li­chen Stra­ßen­ver­kaufs­preis von 1,20 € in einem Umfang von vier Büchern à acht Sei­ten im WAZ-For­mat (34 cm x 48 cm). Dazu gibt es diens­tags die Bei­la­ge "Mein Diens­tag" im WAZ-Halb­for­mat und frei­tags die Fern­seh­zeit­schrift "rtv". Das kann man gut­fin­den, muss man aber nicht, zumal gera­de "Mein Diens­tag" mit einer wöchent­lich wech­seln­den The­men­ab­fol­ge nicht unbe­dingt ein Garant für kon­stan­tes Inter­es­se ist.
Am Sams­tag erscheint die WAZ für 1,40 € in einem wesent­lich grö­ße­ren Umfang, gibt es doch zusätz­lich ein fünf­tes Buch "Wochen­en­de" und dazu von "Ver­lags­son­der­ver­öf­fent­li­chun­gen" gesäum­te Unmen­gen an Klein, Rei­se-, Auto- und Stel­len­an­zei­gen. Für den Bat­zen, der da an Far­be und Papier dazu­ge­tan wird, sind die 20 Cent Auf­preis sicher­lich gerecht­fer­tigt, über den Inhalt möch­te ich lie­ber schwei­gen.
Zu ganz beson­de­ren Anläs­sen (wie zum Bei­spiel der Tod Micha­el Jack­sons (PDF)) gibt es dar­über hin­aus sogar eine im WAZ-Halb­for­mat bei­ge­füg­te Son­der­bei­la­ge, aber die­ser Tablo­id-WAZ-Ver­such scheint wohl ein eher rar durch­ge­führ­tes Expe­ri­ment zu sein. Nu.

Die Schwächen der WAZ

Wenn ich die WAZ so lese, las­sen sich ihre größ­ten inhalt­li­chen Schäw­chen (auf die Kon­zep­ti­on will ich hier bewusst nicht ein­ge­hen, dazu spä­ter mehr) auf drei Wör­ter redu­zie­ren: Unauf­merk­sam­keit, Unauf­merk­sam­keit, Unauf­merk­sam­keit.

Unaufmerksamkeit 1: Das doppelte Lottchen

Irgend­wann mach­te das Auf­zäh­len kei­nen Spaß mehr, aber die WAZ hat es augen­schein­lich nicht so mit dem Nach­hal­ten, wel­che Arti­kel schon erschie­nen sind und wel­che nicht. Mehr als ein­mal fand ich Mel­dun­gen an ande­rer Stel­le umge­schrie­ben oder im Wort­laut oder – der Extrem­fall – eine gan­ze Sei­te wur­de an einem ande­ren Tag ein­fach noch ein­mal abge­druckt. Bei so sel­ten erschei­nen­den Sei­te wie "Hoch­schu­le" fällt das ja auch kaum auf, oder? Sol­che Feh­ler sind ein­fach ärger­lich und wenn sie sich häu­fen, bleibt der Ein­druck nicht aus, dass da schlam­pig gear­bei­tet wird. Gibt es da kei­ne Instanz, die nach­hält, wel­che Arti­kel schon ver­öf­fent­licht wur­den?

Unaufmerksamkeit 2: Kein Felher im System

Auch die­se Unauf­merk­sam­keit als sol­che kann mal vor­kom­men. Auch ich bin bei wei­tem nicht per­fekt, was die Recht­schrei­bung angeht, aber an eine Tages­zei­tung soll­te ich als Leser doch höhe­re Ansprü­che stel­len dür­fen. Wenn ich Wör­ter wie "Kir­chen-Geld" sehe, fra­ge ich mich aber unwill­kür­lich "Darf die dat?" und der Duden muss mir erst sagen "Die darf dat." und ich dann den­ke mir nur "Datt die dat darf …". Wann darf ich denn dann "Dach-Decker" schrei­ben oder "Chef-Redak­teur" oder "Medi­en-Schaf­fen­der"? War­um wer­den so schö­ne wie über­lie­fer­te und gül­ti­ge For­men wie "Kir­chen­geld" so mit Füßen getre­ten? Aber ach, ich will nicht wei­ter kla­gen, ist die Tages­zei­tung doch weder Deutsch­leh­rer noch Deutsch-Leh­rer.
Doch das ist ja nicht der Man­gel, den ich hier zuvör­derst bekla­ge, denn der sind bis­wei­len unzäh­li­ge Flüch­tig­keits­feh­ler, die selbst die Word-Recht­schreib­kor­rek­tur sicher aus­ge­merzt hät­te. Für abge­bro­che­ne oder ander­wei­tig zusam­men­hang­lo­se Sät­ze wäre dann doch ein Lek­to­rat nötig gewe­sen. Oder gab es das? Umso schlim­mer.

Unaufmerksamkeit 3: Ja, was weiß ich denn?

Es wäre fast schon ein Fall für einen eige­nen Bei­trag, aber es passt so gut, dar­um soll es als beson­ders kras­ses Bei­spiel hier bestehen. Abge­se­hen davon, dass ich (Dis­c­lai­mer Anfang) Mit­glied der Grü­nen bin (Dis­c­lai­mer Ende), war es hand­werk­lich doch ein dicker Hund, dass das Der­Wes­ten-Recher­che­blog (lei­der ohne RSS-Feed, könn­te sich dar­an bit­te etwas ändern?) am 18.02.2011 einen Bei­trag über den Zweit­wohn­sitz der grü­nen Bür­ger­meis­te­rin Her­nes, Tina Jel­veh, in Bochum ver­öf­fent­li­che und Fak­ten dazu vor­brach­te, wäh­rend, eben­falls am 18.02.2011, Micha­el Muscheid für den Her­ner Teil nur Gerüch­te vor­zu­brin­gen hat­te. Weiß die eine Hand nicht, was die ande­re schrieb?
Außer­dem war da noch Arne Poll. Ja, mal wie­der. Er hat­te sich – höchst über­rascht, möch­te man iro­nisch aus­ru­fen – dar­über empört, dass der Her­ner SPD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Alex­an­der Vogt sich zu einem The­ma mit­hil­fe von Text­bau­stei­nen einer Mus­ter­pres­se­mel­dung der Land­tags­frak­ti­on geäu­ßert hat­te, als wäre das eine "PR-Pan­ne", obgleich es eigent­lich bekannt, weil rein logisch anzu­neh­men sein soll­te, dass ein Abge­ord­ne­ter nicht alles zu jedem The­ma wis­sen kann. Aber in dem Fall war es natür­lich (klei­ner geht es ja kaum) ein Skan­dal. Wie eigent­lich alles, was heut­zu­ta­ge noch pas­siert, wenn es nicht gera­de eine gute Nach­richt ist.
So wie es in den Frak­tio­nen Bericht­erstat­ten­de zu ein­zel­nen The­men gibt, die sich damit aus­ken­nen (und es sind nicht weni­ge The­men), die damit dafür sor­gen, die ande­ren Abge­ord­ne­ten über die Fak­ten und Stand­punk­te (und dem­zu­fol­ge auch die Par­tei­li­nie) in Kennt­nis zu set­zen, gibt es logi­scher­wei­se auch dar­auf basie­ren­de Pres­se­mit­tei­lun­gen, damit Abge­ord­ne­te sich auch zu Ereig­nis­sen äußern kön­nen, bei denen sie nicht als Exper­ten gel­ten.
Sicher ist es dis­kus­si­ons­wür­dig, ob es in Ord­nung ist, die Exper­ti­se und den Stand­punkt ande­rer unter eige­nem Namen zu ver­kau­fen (ich will nicht sagen "Gut­ten­berg"; oh, zu spät), ande­rer­seits ist die Annah­me, jeder Abge­ord­ne­te wäre Exper­te in allem oder hät­te zu jedem The­ma die Zeit sich so weit ein­zu­le­sen, dass er eine fun­dier­te Mei­nung in eige­ne, ver­öf­fent­li­chungs­fä­hi­ge (!) Wor­te gie­ßen könn­te, doch arg uto­pisch. Mit wel­cher Begrün­dung soll­te die Her­ner WAZ auch eine Pres­se­mit­tei­lung eines Düre­ner Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten abdru­cken? Weil das The­ma im Land­tags dis­ku­tiert wur­de? Dafür gibt es den regio­na­len Poli­tik­teil. Weil der Her­ner Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter die Pres­se­mit­tei­lung wei­ter­ge­lei­tet hat? Ach, küsst mich doch anne Füße! Wo ist denn da der Lokal­be­zug?
Aber genug vom armen Arne Poll, auf dem mit Sicher­heit (und auch von mir) ordent­lich her­um­ge­hackt wird, wenn auch nicht ohne Grund. Die­se bei­den Bei­spie­le sind nur exem­pla­risch, aber sie zei­gen deut­lich: Ein biss­chen mehr Ahnung von der Mate­rie – und damit ein biss­chen weni­ger (unnö­ti­ge) Empö­rung – hät­ten nicht gescha­det.

Wenn die WAZ allein über ihre Unauf­merk­sam­keit hin­weg käme, wäre ihr schon viel gehol­fen. Dass sie die Ansprü­che ihrer Leser (in dem Fall: ich) nicht immer unbe­dingt erfüllt, ist ein ande­res Pro­blem, aber das hat eigent­lich jede Tages­zei­tung.
Wei­ter mit den Stär­ken geht es nun im nächs­ten Post.

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4 Kommentare

  1. Pingback: Links anne Ruhr (01.03.2011) » Pottblog

  2. Pingback: WAZ sollen wir lesen? Das Zeitungsabo-Experiment (8) — Was mit Medien

  3. Hal­lo­her­ne wird nicht von einem ehe­ma­li­gen frei­en Mit­ar­bei­ter, son­dern von einem Zusam­men­schluss von ehe­ma­li­gen Ange­stell­ten der WAZ Lokal­re­dak­tio­nen redak­tio­nell geführt, geschrie­ben und bebil­dert.

    • Dan­ke für die Kor­rek­tur! Ich habe sie direkt auf­ge­nom­men.

      Darf ich fra­gen, wie du jetzt – Jah­re spä­ter – auf die­sen Text gesto­ßen bist?

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