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WAZ sollen wir lesen? das zeitungsabo-experiment (7)

WAZ sollen wir lesen

Ich sollte in der nächsten Woche – es gibt ja keine Sonntagsausgabe, über die ich hätte berichten können, und die beiden Anzeigenblätter, die es stattdessen in Herne gibt, wollte ich dann doch nicht mit einer detaillierteren Erwähnung überschätzen – nicht so sehr zum kritischen Lesen kommen. Morgens fand ich nicht mehr genug Platz und Zeit auf dem Weg zur Berufsschule, um mich mit der WAZ auszubreiten und nach der Schule stand dann genug Stoff für die Berufsschule auf dem Plan. Irgendwann muss ja auch mal für Klausuren und praktische Arbeiten getan werden, und das nahm nun doch ein wenig zu viel Zeit in Anspruch. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: In Sachen Schule habe ich ein gutes Gefühl und in Sachen WAZ fand ich dann nur noch ein paar Dinge, die ich erwähnen wollte. Bevor es also endgültig zu langweilig wird, hier nun eine Zusammenfassung der Ereignisse der Woche vom 24. Januar bis zum 29. Januar.

Montag, 24. Januar 2011

Die WAZ kämpft wie zuvor mit dem Wochenende und meinem internetbedingten Wissensvorsprung. Davon abgesehen schlägt sie sich wacker und stürzt erst mit der Beilage ab: eine Leseprobe für „die aktuelle“. Etwas, was ich nie lesen will, nie, nie, nie. Von Dingen wie „Das süßeste Gerücht: Stephanie zu Guttenberg. Ein Baby“ will ich gar nicht erst wissen, Gerüchte kann ich selbst verbreiten! Ab ins Altpapier damit. Next!

Dienstag, 25. Januar 2011

Die WAZ hat ein Problem, ein Farbproblem. Mehrere Fotos haben einen kapitalen Gelbstich, manche Personen sehen arg hepatitisch aus. Dafür gibt es eine gut erzählte Reportage über die Auflösung eines Klosters infolge des Mangels an Geistlichen im Ruhrgebiet und einen sowohl vom Umfang als auch der Berichterstattung einseitigen Bericht über Korruption in nordrhein-westfälischen Behörden, der nur aus der Wiedergabe einer Studie von Pricewaterhouse Coopers und den Zitaten des zuständigen Mitarbeiters des Unternehmens besteht. Hochjournalistisch, das. Dankeschön. Next!

Mittwoch, 26. Januar 2011

Endlich (anscheinend ist nichts allzu Außergewöhnliches passiert) gibt es den ockerfarbenen Rahmen um das Titelbild wieder zu sehen, der Historiker Ralf Piorr (Herner werden ihn kennen) schreibt eine spannende Dokumentation über Lutz Gerresheim, der ein bekannter Fußballer hätte werden können, wäre er nicht vor über dreißig Jahren gestorben, und Arne Poll liefert mal wieder kein journalistisches Glanzstück ab. Man muss dazu sagen: Arne Poll fiel mir schon einmal negativ auf, als er im Kemnader See einen Kaiman gesehen haben wollte und darüber schrieb und eine Panik verbreitete, die Wellen schlug.

Nun also ließ Arne Poll sich für eine Reportage in die neueröffnete Herner Forensik einweisen, noch bevor sie von ihren endgültigen Insassen bevölkert werden sollte – was sich leider nicht online nachlesen lässt. Dabei fing die Reportage so gut an.

„Rumms. Die Tür fällt ins Schloss. Klack. Die kleine Luke schließt sich. Knick-Knack. Die Schlüssel drehen sich, zweimal. 22 Uhr. Für die nächsten Stunden bleibt nur noch der Blick durch die vergitterten Fenster. Die Aussicht könnte besser sein. Die Rundumsicht endet an einer fünf Meter hohen grauen Mauer. Regen prasselt gegen die Scheiben.
Zeit zum Nachdenken. Ich bin weggesperrt. Zurecht, heißt es draußen. Man fordert hartes Durchgreifen, mit aller Konsequenz. Ich habe eine schwere Straftat begangen. Vielleicht Brandstiftung. Vielleicht eine Frau vergewaltigt. Vielleicht ein Kind brutal ermordet. So genau weiß man das nicht.“

Und dann dieser Satz: „Ich spiele den psychisch kranken Straftäter nur“. Das merkte ich dann allem, was folgte, an. Er nutzte die Perspektive des Straftäters, um die Einrichtung und die nächtlichen Abläufe zu beschreiben, um zu erzählen, wie unheimlich sicher diese Anstalt ist, und ich sah in keinem Satz, dass er sich wirklich in einen der dort einsitzenden Straftäter in einer Weise einzufühlen vermochte, die über Kaffeesatzleserei hinausging. Er suggerierte, die in der Forensik einsitzenden Menschen (mehrheitlich Männer) wären latent stark suizidal, er erzählte vom Tagesablauf und brachte dabei Sätze wie „Anschließend Pauken für den Schulabschluss. Nur nicht zu gut dabei benehmen. Das wäre nicht normal.“, und ich konnte nicht glauben, dass er dafür auch nur fünf Minuten recherchiert hatte, um irgendwelche Vorurteile zu be- oder widerlegen. Ich hätte am liebsten sofort einen Leserbrief geschrieben, allein: Stehend im Bus ist das nicht wirklich effektiv. Die schöne Reportage über die Pilgerreise eines Herners und seiner Frau und seiner Mutter nach Mekka konnte da auch nichts mehr retten, Herrgottnocheins! Next!

Donnerstag, 27. Januar 2011

Der Tag sollte es in sich haben. Letztlich schaffte ich es bis Sonntagabend aus Gründen nicht einmal bis zum Interview mit Stefan Mappus (CDU), dem baden-württembergischen Ministerpräsident. Aber dann!
Das Mappus-Interview oder auch: „Mensch, Mappus!“ Dabei müsste es eigentlich eher „Was erlauben, Herr Reitz?“ heißen. Fragen über Fragen und keine einzige konnte Stefan Mappus ernsthaft in Bedrängnis bringen. Oder wurde alles andere nicht autorisiert? Es schien jedenfalls wie ein Heimspiel für Herrn Mappus, eine Wohlfühlfrage nach der anderen und kritische Nachfragen gab es keine. Jesses!
Dafür warf ich dann doch mal einen Blick in den Sportteil, ging es doch immerhin darum, dass einem Minderjähriger in Absprache mit seinen Eltern die Chance auf das Abitur auf dem ersten Bildungsweg verwehrt wurde, weil ein Fußballzampano das so wollte. Ohne mir dazu eine fundierte Meinung gebildet zu haben blätterte ich weiter und fand eine Seite, die ich in der Woche zuvor übersehen hatte: eine Seite voller Leserbriefe. Sonst schaffen es ja höchstens drei Leserbriefe pro Tag in die WAZ, aber nun gab es eine ganze Seite und sie trennte rigoros zwischen zwischen den Lesern, die Briefe (und E-Mails) schrieben und den Kommentaren bei DerWesten, wobei diese nur einen Bruchteil der restlichen Leserbriefe einnahmen. Ein bisschen überholt, diese Trennung, meines Erachtens, aber ich hoffe mal, die WAZ weiß, was sie tut.

Freitag, 28. Januar 2011

„Mirco ist tot“ – und wir sollten eine von allen mit Schrecken erwartete Klausur schreiben. Ich fand wie stets die Panik überbewertet, bin da aber auch kein Maßstab (shame on me!) und anstatt die von unserem „Englisch“-„Lehrer“ (nein, ich werde hier nicht erklären, weshalb ich Anführungszeichen setze!) zum Lernen freigegebene Unterrichtszeit (Zustände sind das!) zum Lernen zu nutzen, las ich WAZ. Zeit sinnvoll nutzen und so, you know? „Mirco ist tot“ und die WAZ machte, wie ich später sehen sollte, mit dem Bild (ohne Rahmen mal wieder) auf, mit dem fast alle Zeitungen aufmachten. Nu. Sonst fand ich keine Gründe für eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit den Inhalten – bis auf das Fernsehprogramm (is ja wieder Freitag). Das lag dann aufm Wohnzimmertisch bis zum nächsten Freitag und trotz einer seltsam grimassierenden Kim Fisher aufm Titel. Next!

Samstag, 29. Januar 2011

Da ich über das Wochenende zu meiner besseren Hälfte verreist war, sollte ich diese Ausgabe ebenfalls erst am Sonntagabend sehen. Und lesen. Mit Schimanski im ockerfarbenen Kasten und nur einer kleinen Meldung über die Unruhen in Ägypten (Platz ist halt knapp, gerade wenn es dort in Ägypten erst ab 17 Uhr abends abgeht) fing es schon nicht so gut an, wurde aber besser, da die Proteste in Ägypten Tagesthema auf der zweiten Seite wurden, bis ich – mal wieder – von der „Generation Facebook“ las.
Mag mir vielleicht mal jemand die „Generation Tagesschau“ vorstellen oder lässt sich die ähnlich schwer eingrenzen, als dass der Begriff als solcher dafür ein Fehlgriff wäre? Zu sagen „Offenbar trägt das Internet dazu bei, dass die Islamisten ihr Monopol als Regimekritiker und Alternative zur Regierung verloren haben.“, ist so ein Blödfug, anders kann ich das gar nicht nennen. Da hat jemand nichts verstanden und vorher nicht zugehört, denn diese Stimmen sind nicht neu. Wer hat ihnen denn das Monopol gegeben? Einzig: Sie waren nicht so organisiert wie „die Islamisten“ und deswegen hat ihnen niemand zugehört. Aber genug der inhaltlichen Kritik an dieser Stelle, schließlich war das Interview mit NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) inhaltlich nicht besser als das Interview mit Stefan Mappus, nur dass sie es nicht nötig hatte, gegen irgendein Feindbild zu schießen, wie es bei Herrn Mappus und den Grünen der Fall gewesen war.

Damit schloss sich dann der Kreis. Zwei Wochen Abonnement auf Probe waren vorbei und ich sollte nach ein paar Tagen noch einen Brief bekommen, in dem ich gebeten wurde, doch mal bei der WAZ anzurufen. Ich gestehe, ich habe es noch nicht getan, aber das kommt noch. Bald. Immerhin ist der Anruf kostenlos.

Nu. So weit also meine Erfahrungen als temporärer Leser der WAZ. Es gäbe so viel, was ich mir wünsche, ich hätte durchaus mehr als nur Kritik anzubieten, doch das gibt es dann erst – ihr ahnt es schon – im nächsten (und dann auch vorerst fast letzten) Post.

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