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WAZ sollen wir lesen? das zeitungsabo-experiment (6)

WAZ sollen wir lesen

Es ist Sams­tag, der 22. Janu­ar 2011, und mei­ne Wenig­keit schläft aus. End­lich, muss ich hin­zu­fü­gen. Als ich die Augen auf­schla­ge, ist es drau­ßen schon hell (das gab es an den Tagen zuvor nicht) und die WAZ liegt schon im Brief­kas­ten (auch das war mor­gens um Fünf noch nicht der Fall). Ich hat­te alle Zeit der Welt – und dann soll­te es ums Zöli­bat und den ein­hun­dert­fünf­und­zwan­zigs­ten Geburts­tag des Auto­mo­bils gehen. Ich hat­te Hoff­nung.

Es war einer die­ser Tage, an denen Ulrich Reitz, Chef­re­dak­teur der WAZ, Hüter des Reit­z­the­mas und mir aus uner­find­li­chen Grün­den nicht sym­pa­thisch, einen Kom­men­tar auf der Titel­sei­te schrei­ben soll­te.

Einschub, ich kann nicht anders

"Reit­z­the­ma" ist alles, wozu Chef­re­dak­teur Reitz eine Mei­nung hat und kund­tut. "Reit­z­the­ma" war auch mal eine Ver­an­stal­tungs­rei­he, die Herr Reitz mode­rier­te und sich so drän­gen­den Fra­gen wie "Wie hal­ten wir unse­ren Nach­wuchs im Land?" (PDF) wid­me­te. Auf derwesten.de wer­den die ver­blogg­ten Kom­men­ta­re bei reizthema.de jeden­falls wie folgt ange­kün­digt: "Das Reit­z­the­ma ist diie (sic!) Sei­te für die gro­ßen gesell­schaft­li­chen Debat­ten".
Das muss­te ich natür­lich über­prü­fen. Mein Ergeb­nis: 23 Bei­trä­ge (davon einer von einer Gast­au­to­rin) und ins­ge­samt 64 Kom­men­ta­re, wobei allein 20 sich auf den Bei­trag "Stürzt Wes­ter­wel­le, weil er schwul ist?" stürz­ten. Anders gesagt: rund drei Kom­men­ta­re pro Bei­trag, wenn das mal nicht gro­ße gesell­schaft­li­che Debat­ten sind. Aber genug davon, ich soll ja auch mal lieb sein. Und: Jeder hat mal klein ange­fan­gen.

Der Titel des Kom­men­tars von Herrn Reitz war das, was auf der nächs­ten Sei­te mit "Fazit:" ein­ge­lei­tet wor­den wäre: "Ein net­ter Appell, aber Zöli­bat bleibt", nur dass die Sei­te 2 zwi­schen "der" und "das" (Zöli­bat) hät­te ent­schei­den müs­sen, aber gut, wir wol­len ja nicht päpst­li­cher als der Papst sein. Nichst­des­to­trotz kam es auch hier zu eine fol­gen­schwe­ren Flüch­tig­keits­feh­ler: Der Zöli­bat soll­te laut Arti­kel­en­de auf Sei­te 2 einen Kom­men­tar haben und das Tages­the­ma sein. Dort fand sich dann aber nur eine Sei­te über Schei­dun­gen im Alter als Tages­the­ma, was eben­so auf der Titel­sei­te ange­kün­digt wor­den war. Der Zöli­bat fand sich dann unter fer­ner lie­fen. Ohne Kom­men­tar. … Das alles fiel mir aber erst spä­ter auf, hat­te ich doch zuvor herz­lich über den Saku­rai, die poli­ti­sche Kari­ka­tur, gelacht.
Sonst gab es kei­ne Auf­fäl­lig­kei­ten, weder posi­ti­ve noch nega­ti­ve, jeden­falls nicht in den vier wochen­tags­üb­li­chen Bücher. Sicher, der Who-was-the­re-Arti­kel im Lokal­teil über die Foren­sik-Eröff­nung war nichts Her­aus­ra­gen­des und die Repor­ta­ge über die Hel­fer des Tech­ni­schen Hilfwerks, die die gestran­de­ten Schif­fer auf dem Rhein bei St. Goar ver­sor­gen, war nicht von schlech­ten Eltern, aber nichts davon konn­te mei­ne Erwar­tun­gen über- oder unter­tref­fen. Das soll­te mir zu den­ken geben.

Zum Glück gibt es in der WAZ am Wochen­en­de noch ein voll­wer­ti­ges jour­na­lis­ti­sches Buch namens (wie soll­te es auch anders sein) "Wochen­en­de". Kurz umris­sen beín­hal­te­te die­ses Buch ein wenig von allem: ein fast ganz­sei­ti­ges Bild, mit dem für eine ande­re Sei­te gewor­ben wird, eine Sei­te Feuil­le­ton mit Buch­re­zen­sio­nen, eine Sei­te Feuil­le­ton, die sich anläss­lich der tau­sends­ten Fol­ge haupt­säch­lich mit dem Ent­ste­hen des wochen­end­li­chen Comic­strips "Dr. Bubi Living­s­ton" befass­te – nichts Außer­ge­wöhn­li­ches, wenn man so etwas schon über einen ande­ren Comic gele­sen hat, aber den­noch immer ganz nett, wenn es nicht gera­de mise­ra­bel geschrie­ben ist – einer Dop­pel­sei­te "Pan­ora­ma" mit einem Inter­view über die Zukunft des Autos (natür­lich mit einem ehe­ma­li­gen Auto­mo­bil­ma­na­ger) und unter ande­rem der Kolum­ne "netz­haut" der von mir sehr geschätz­ten Che­fin von Dienst am Online-Desk Kat­rin Scheib (@kscheib), auch wenn ich nicht ihrer Mei­nung war, einer Kin­der­sei­te (die nichts mit der loka­len Kin­der- und Jugend­sei­te zu tun hat, für wel­che ich damm­als™ geschrie­ben hat­te) und einer Wis­sens­sei­te mit für mich unnüt­zem Wis­sen. Zuletzt dann das "Kalei­do­skop" oder auch "Irgend­wo­hin müs­sen die Farb­co­mics, Kreuz­wort­rät­sel und Sudo­kus ja hin". Müs­sen sie ja auch – und seit­dem der Wochen­end-WAZ die Auto-Sei­te mit den Auto­tests abhan­den gekom­men war, wur­de das mei­ne Lieb­lings­sei­te im Wochen­end-Buch, weil sie mich nie mit unin­ter­es­san­ten Geschich­ten lang­wei­len konn­te – und weil die Kom­bi­na­ti­on aus "Dr. Bubi Living­s­ton", "Früh­reif!" und "Tou­ché" (gera­de Tou­ché!) ein­fach unschlag­bar ist.

Was dann noch die Zei­tung so dick machen soll­te, inter­es­sier­te mich nicht wei­ter. Ob "Rei­se­Jour­nal", "Gesund & Aktiv" oder Stel­len­an­zei­ge, die­se "Ver­lags­son­der­ver­öf­fent­li­chun­gen", die bis­wei­len vor Wer­bung nur so strot­zen, lese ich dann mal, wenn ich sie brau­che. Jeden­falls nicht heu­te.

Heu­te, und das war in dem Fall an jenem Sams­tag, fehl­te mir etwas, etwas Wich­ti­ges. Ich konn­te es nicht grei­fen, aber das soll­te noch kom­men, obwohl ich es schon län­ger gespürt hat­te und mich schon oft dar­über aus­ge­las­sen hat­te, es soll­te eigent­lich auch nichts Neu­es sein, aber nu. Davon will ich spä­ter erzäh­len, und auch nicht im nächs­ten Post, son­dern erst im über­nächs­ten. Ich soll­te in der nächs­ten Woche näm­lich nicht mehr so sehr zum Lesen kom­men, aber das erzäh­le ich im nächs­ten und vor­letz­ten (ja, es geht zu Ende mit mir bzw. die­ser Rei­he) Post.

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