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WAZ sollen wir lesen? das zeitungsabo-experiment (4)

WAZ sollen wir lesen

Dass der Don­ners­tag sich vom Don­ner­gott Thor ablei­ten lässt, kann ich gut ver­ste­hen. Auch ich zürn­te an die­sem 20. Janu­ar – einem Don­ners­tag. Hat­te Ste­ve Jobs am Tage zuvor schon der nach unten offe­ne "Muss das sein?"-Skala einen nie gekann­ten Tief­punkt hin­zu­ge­fügt, ver­such­te sich Fami­li­en­mi­nis­te­rin Kris­ti­na Schrö­der nun an einer Sen­kung des Tief­punk­tes, schei­ter­te aber doch knapp an der weni­ger man­geln­den Rele­vanz für deut­sche Ver­hält­nis­se. Immer­hin konn­te ihr Frau Sar­ra­zin wei­ter­hel­fen und gemein­sam scho­ben sie Ste­ve Jobs auf das sil­ber­ne Trepp­chen. Aber der Rei­he nach.

End­lich war er wie­der da, der ocker­far­be­ne Rah­men um das Auf­ma­cher­bild (Frau Schrö­der mit leich­tem Baby­bauch, immer­hin muss ein "Mut­ter Minis­te­rin, geht das?" ja auch ange­mes­sen besym­bol­bil­dert wer­den), wie hat­te ich ihn ver­misst. Inhalt­li­cher Auf­ma­cher hin­ge­gen war der dafür recht kur­ze Bericht über Bür­ger­pro­tes­te gegen Gas­boh­run­gen im Müns­ter­land. Da es um Gas­aus­lö­sung aus Stein­koh­le­vor­kom­men ging, stell­te es ein wohl idea­les The­ma für eine "Zei­tung des Ruhr­ge­biets" (Eigen­aus­sa­ge der WAZ, blickt mich jeden Mor­gen an, straft mich an zu vie­len Mor­gen­den Hohn) dar, soll­te aber nur noch von einem kur­zen Kom­men­tar auf der zwei­ten Sei­te beglei­tet wer­den. Scha­de.
Dafür gab es dann eine Sei­te über Frau Schrö­der als ers­te schwan­ge­re Bun­des­mi­nis­te­rin (stimmt, aller­dings waren schon unter ande­rem in Spa­ni­en und Frank­reich Minis­te­rin­nen schwan­ger) und Abge­ord­ne­te mit Kin­dern. Irgend­wie mir ein wenig zu unwich­tig für das Tages­the­ma. Ähn­lich wie bei Ste­ve Jobs frag­te ich mich ernst­haft, ob es sonst kei­ne Pro­ble­me in und mit der Welt gäbe.

Ande­re Pro­ble­me gab es anschei­nend nicht, anders hät­te ich mir ein annäh­rend ganz­sei­ti­ges Por­trät über Ursu­la Sar­ra­zin, die nicht min­der medi­al umstrit­te­ne Frau von Thi­lo Sar­ra­zin (der Name ist mitt­ler­wei­le wohl selbst­er­klä­rend, oder?) nicht erklä­ren kön­nen. Ich kam nicht umhin nach­zu­fra­gen, mit wel­cher Berech­ti­gung Ber­lin nun ins Ruhr­ge­biet ver­legt wur­de, befand sich die­ses Por­trät doch mit­samt eines Berichts, der die Kri­tik an Frau Sar­ra­zins Kri­tik am Schul­sys­tem und allem abbil­de­te, auf der ers­ten "Rhein-Ruhr"-Seite, also Sei­te 3. Die Ant­wort sei­tens Der­Wes­ten über den Twit­ter-Account war kurz und bün­dig (wie das Tweets so an sich haben): "@pillenknick - die Print-Kol­le­gen argu­men­tie­ren, dass das The­ma regio­na­li­siert war durch Gesprä­che mit Bil­dungs-Exper­ten aus der Regi­on".

@pil­len­knick - die Print-Kol­le­gen argu­men­tie­ren, dass das The­ma regio­na­li­siert war durch Gesprä­che mit Bil­dungs-Exper­ten aus der Regi­on21 Jan via web

Ich hab' mir das mal ange­schaut: Es hieß nichts ande­res als dass der Dort­mun­der Bil­dungs­for­scher Wil­fried Bos, sagen durf­te, dass die Iglu-Stu­di­en bei den Viert­kläss­lern gute Ergeb­nis­se zeig­ten und der Vor­sit­zen­de des Ver­ban­des Bil­dung und Erzie­hung (NRW) anmer­ken durf­te, dass Pau­schal­kri­tik nicht sinn­voll sei. Ach nee. 25 Zei­len Ruhr­ge­biet recht­fer­ti­gen eine gan­ze Sei­te über eine Leh­re­rin aus Ber­lin, die dadurch in die Schlag­zei­len kam, dass sie die Frau eines Popu­lis­ten und als Leh­re­rin nicht beson­ders beliebt ist.
Unter dem Gesichts­punkt "Regio­na­li­sie­rung" könn­te man eigent­lich dann auch die Unru­hen in Ägyp­ten auf Sei­te 3 holen, es gibt doch garan­tiert an irgend­ei­ner Ruhr­ge­biets­uni einen Sozio­lo­gen, der schon mal in Ägyp­ten war und die hie­si­gen Ver­hält­nis­se für nicht ver­gleich­bar hält. … Da hilft es auch wenig, eine sehr schö­ne Repor­ta­ge über "Graf­fi­ti aus Wol­le" abzu­dru­cken und auch die Sei­te "Poli­tik Extra", die aus­führ­lich u.a. die Lebens­mit­tel­kri­se in Indi­en beleuch­tet, ist da nur ein klei­ner Trost. Immer­hin gab es fünf Geburts­an­zei­gen – und eine loka­le Topsto­ry, die man alle paar Jah­re wie­der­ho­len kann: Wunsch­kenn­zei­chen. Und schön die Leser nach ihrer Lieb­lings­ge­schich­te rund um Kenn­zei­chen fra­gen, schön die Leser ein­bin­den, dann füh­len die sich ernst­ge­nom­men.

So leid es mir auch für die rest­li­che Aus­ga­be tut: Mit den mise­ra­blen Anfang des Man­tel­teils war der Mor­gen für mich ver­saut, mein Blut­druck bestimmt jen­seits von Gut und Böse und der Kaf­fee auf. Ver­söh­nung kam dann erst mit einem Wer­be­inter­view für Kon­rad Bei­kir­chers neu­es Pro­gramm. Aber den mag ich ja eh.
Auf ein Neu­es, mit dem nächs­ten Post.

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