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WAZ sollen wir lesen? das zeitungsabo-experiment (3)

WAZ sollen wir lesen

Mittwoch ist Niemandsland. Das nachrichtenreiche Wochenende mit der kräftigen Montagsausgabe ist längst vergessen und das Wochenende ist noch viel zu weit. Es braucht etwas, um diese Zeit zu überbrücken, und was macht sich da besser als ein guter Aufmacher? Die Leuten wollen unterhalten werden, sie müssen doch durchhalten. Brot und Spiele, oder auch: Kaffee und Zeitung. Rede ich wirr? Kann sein, der 19. Januar ließ mich sehr verstört zurück, und das von Anfang an.

Ich erkannte die WAZ nicht wieder. Hätte da nicht fett zuoberst „WAZ“ in roten Lettern geprangt, es hätte jede x-beliebige Zeitung sein können. Kein gerahmtes Titelbild, stattdessen eine Nachricht über die Nichtermittlung gegen den Duisburger OB Sauerland und den Chef des Loveparade-Veranstalters Lopavent. Darunter: „Gericht stürzt Rot-Grün in Krise“ und fünf NRW-Köppe (Kraft, Löhrmann, Röttgen, Bahr, Zimmermann; Partei-, Fraktions- und sonstwelche Chefs oder Ministerinnen der Landtagsfraktionen), eine elliptisch dramatisierende Überschrift in größter Schriftgröße, zack, wenn das nicht Leser lockt, da ist eine einheitliche Gestaltung kein Muss, gleichwohl – das kann ja auch sein – diese Beliebigkeit in der Titelgestaltung ja auch Konzept sein kann. Ich sollte da mal nachfragen.

Dabei hätte die WAZ fast entsorgt bevor ich sie gelesen gehabt hätte. Steve Jobs‘ Krankenschein sollte DAS Tagesthema sein? Obendrein hatte ich bei der dazugehörigen Schlagzeile „Der kranke Alleinherrscher“ zunächst an Fidel Castro gedacht. Ja, nee, is klar. Und sonz so?
Dass dieser Krankenschein dann wirklich die ganze zweite Seite bekam, war nicht besser. Laaangweilig, alles schon mal gehört, zuletzt erst als Steve Jobs zuvor eine Auszeit genommen hatte. Dennoch gab es Positives zu vermelden, nämlich die nachfolgende Seite, die sich völlig um die einstweilige Anordnung drehte, nach welcher die Landesregierung keine weiteren Kredite für den Nachtragshaushalt aufnehmen dürfe. Steve Jobs aber wegen eines Krankenscheins zum Tagesthema zu machen, das ist übel. Nicht jede Mücke hätte zum Elefanten werden müssen, bloß weil sie einen angebissenen Apfel tätowiert hat. Dieser Mittwoch fing einfach furchtbar an und er sollte nicht besser werden, auch wenn dann irgendwann der Einfluss der WAZ auf den Tag schwand. Gleichwohl hätte dieser Morgen besser beginnen können, zum Beispiel mit einem bisschen mehr Relevanz.

Für eines muss und will ich dann aber doch einmal Lob aussprechen – ja, auch das kann ich, auch wenn ich da von der Mentalität wohl eher (mit Grüßen an Herrn Jakubetz und sein tolles Journalismus-Ausbildungsbuch) Niederbayer bin: „Ned gschimpft is globt gnua“. Die WAZ blieb, auch wenn die Unruhe in Tunesien schon ein paar Tage alt waren, an dem Thema dran, eine ganze Seite drehte sich um Akademikermangel in der arabischen Welt und die Probleme der tunesischen Jugend, gut so! … Den Umstand, dass ich dieses Verhalten für eine gute Zeitung eigentlich für selbstverständlich halte, wollen wir mal dezent verschweigen.

Aber genug geschwiegen, im Lokalteil gab es doch noch etwas zu sagen – und es gab auch etwas zum Lokalteil zu sagen, nicht allzu viel, aber doch ein bisschen, fand ich es doch im ersten Moment symptomatisch, was sich da Diskrepanz zwischen Print und Online nannte. Dass das Interview vom Vortag mit Herrn Wissmann online länger war, ist geschenkt, online gibt es keine Platzbeschränkung. Dass es sich mit dem Herner Lokalteil umgekehrt verhalten sollte, konnte ich da noch nicht ahnen. Schon am Vortag – RSS-Feed sei Dank! – bekam ich eine kurze Meldung zugesandt: „Herne taucht“ und die Nachricht wurde dann mit den Worten „Die Stadt Herne ist jetzt mit einem eigenen Auftritt im Internet-Netzwerk Facebook vertreten.“ Irgendetwas schien dort nicht so ganz zu passen. Am Mittwoch wusste ich dann auch, woran es hakte: an vier Wörtern, „in Soziale [sic!] Netzwerke ein“. Zack, jetzt stimmte es.
Es dauerte dann aber doch bis zum Freitag, bis sich an diesem Missstand im Netz etwas auf mein Nachfragen änderte und das war – irgendwie traurig genug, dass ich es für so außergewöhnlich hielt – eine durchweg positive Überraschung. Eh schon nicht gerade bester Stimmung setzte ich folgenden Tweet ab und rechnete mit dem Schlimmsten.

@DerWestenBochum Hallo, könnt ihr bitte mal einen Blick auf die Herner Titel werfen? Die brechen teilweise mittendrin ab.21 Jan via TweetDeck


Es wurde mir nicht gewährt, das Schlimmste. Ich bekam eine Antwort und es wurde korrigiert und ich war begeistert. … Manchmal sind es doch die schlichten Dinge, die mit Glück erfüllen.

Wenn da nur nicht das Känguru „Erst ab 18!“ gewesen wäre. Auf der ersten Seite des Lokalteils fand sich oben rechts, und das ist eine Tradition, mit der ich groß geworden bin, die kurze Glosse „Zum Tage“. Mal lese ich sie, mal lese ich sie nicht und manchmal stelle ich fest, dass eine Glosse nun zum wiederholten Male gedruckt wurde, wie in diesem Fall. Nichts Dramatisches, nur ärgerlich für alle Beteiligten, die Leser und die Redakteure. Hätte halt nicht sein müssen. Wurde dann auch bemerkt und sollte dann am darauffolgenden Tag kommentiert werden.

Was dagegen noch an diesem Tag kommentiert wurde, war der Umstand, dass der NDR für die Ausstrahlung des Eurovision Song Contests (ESC) 500 Ehrenamtliche suchte. Einen Bericht will ich diesen Text nicht nennen, dafür ist er zu einseitig. Zwei Kritikern der NDR-Planung wurde viel Raum gegeben, um den Einsatz der Freiwilligen in aller Breite zu kritisieren und als einzige Gegenmeinung durfte der NDR-Projektleiter des ESC kurz sagen, dass es ohne die „Volunteers“ nicht ginge, und dass es nur das „einzigartige Flair“ als Bezahlung gebe. Wo waren da die Stimmen der WAZ, die den breiten Einsatz der ehrenamtlichen Helfer der Kulturhauptstadt RUHR.2010 lautstark kritisierten? Ich kann mich nicht an einen derartigen Vorgang erinnern, würde mich aber gerne über Gegenbelege freuen. Gerne auch vor dem nächsten Post.

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