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WAZ sollen wir lesen? das zeitungsabo-experiment (2)

WAZ sollen wir lesen

Nie­mand bekommt eine zwei­te Chan­ce einen guten ers­ten Ein­druck zu machen, es sei denn, das Gegen­über hat Alz­hei­mer oder ist dement. Manch­mal gelingt es den­noch, einem ers­ten Ein­druck ein völ­lig gegen­sätz­li­ches wei­te­res Han­deln gegen­über­zu­stel­len – wenn man die Chan­ce auf einen zwei­ten Ein­druck bekommt, und die woll­te ich der WAZ dann doch ein­räu­men. Sieb­zehn gemein­sa­me Jah­re woll­te ich dann doch nicht wegen eines miss­glück­ten Neu­an­fangs über den Hau­fen wer­fen.

Wir schrie­ben Diens­tag, den 18. Janu­ar 2011. Statt wie noch am Vor­tag die WAZ ein­fach so aus dem Brief­kas­ten fischen zu kön­nen, muss­te ich mir den Schlüs­sel holen, gab sich das Tot­holz doch bockig. Das Ende vom Lied: eine ver­pass­te U-Bahn und ein ande­rer Weg zur Berufs­schu­le. Dafür sah der Titel gut aus: Ein gutes Foto im wie­der­erkenn­ba­ren ocker­far­be­nen Kas­ten mit neben­ste­hen­der ocker hin­ter­leg­ter Titel­zei­le und Unter­ti­tel. Nicht mein Fall, aber defi­ni­tiv mar­kant – und eine opti­sche Ana­lo­gie zur Start­sei­te von DerWesten.de. Für WAZ-Ver­hält­nis­se sah die Sei­te 1 rich­tig gut aus, wenn man von Detail­feh­lern mal absieht (wie ein nicht rah­men­fül­len­des Titel­bild, aber das sind wohl Medi­en­ge­stal­ter­lei­den). Doch es muss­te wei­ter­ge­hen.

Das Tages­the­ma war eine Stu­die von NRW-Arbeits­mi­nis­te­ri­um und Bun­des­amt für Inte­gra­ti­on, wel­che All­tag und Ein­stel­lun­gen von mus­li­mi­schen Migran­ten unter­sucht hat­te, die gan­ze zwei­te Sei­te, abge­se­hen von den obli­ga­to­ri­schen Spal­ten für Kom­men­ta­re bzw. Pres­se­schau, Leser­brie­fen, Glos­se und Impres­sum, wid­me­te sich die­sem The­ma. Dabei fiel mir auf, was wohl irgend­wie ein Trend zu sein scheint: Arti­kel, die nur aus Fra­ge und Ant­wort bestehen, aber kein Inter­view sind. Die ers­te Rhein-Ruhr-Sei­te wid­me­te sich dem The­ma "Bes­ser essen". Nicht unbe­dingt ein ori­gi­nä­res Ruhr­pott­the­ma, aber defi­ni­tiv auch in Zei­ten der Cho­le­ra des Dioxins in Eiern ein The­ma für die hier leben­den Lesen­den.

Ein Fall für die Kate­go­rie "Unnö­tig und ärger­lich" waren zwei Mel­dun­gen, wie sie ähn­li­cher kaum hät­ten sein kön­nen. Zunächst hieß es "Kir­chen­kreis bun­ker­te 50 Mil­lio­nen", zwei Sei­ten wei­ter stand dort "Heim­li­ches Kir­chen-Geld", ja, "Kir­chen-Geld", mit Bin­de­strich. Nicht schön, aber erlaubt. Die bei­den Nach­rich­ten als sol­che berich­te­ten von dem­sel­ben Ereig­nis, nur dass eine mit knapp 20 Zei­len nur etwa halb so lang war wie die ande­re, aber das mach­te nichts: Es waren zwei Agen­tur­mel­dun­gen, ein­mal von dapd, ein­mal von epd. Unnö­tig, das, und ärger­lich. Was für eine Papier­ver­schwen­dung!

Dar­über hin­aus gab es kei­ne Auf­fäl­lig­kei­ten – gut so. Wobei: Da war ja noch der Herr Wiss­mann. Mat­thi­as Wiss­mann, Prä­si­dent des Ver­bands der Auto­mo­bil­in­dus­trie, hoch­dy­na­misch auf dem Fahr­rad abge­bil­det, ließ mich im Inter­view dann doch stut­zig wer­den las­sen, und um das zu ver­ste­hen, muss ich zitie­ren (möge das Leis­tungs­schutz­recht, so es kommt, mir dies nicht ver­weh­ren, immer­hin will ich die Aus­sa­gen nicht aus all­zu viel Zusam­men­hang rei­ßen):

Der Auto­bran­che geht's wie­der rich­tig gut. Ist die Indus­trie über den Berg?
Es gibt durch­aus noch Risi­ken. Unse­re gro­ße Sor­ge sind die unsi­che­ren Rah­men­be­din­gun­gen auf den Finanz- und Roh­stoff­märk­ten. Mono­po­lis­ti­sche Struk­tu­ren bei der Eisen­erz­för­de­rung trei­ben die Stahl­prei­se hoch, und Chi­na schot­tet den Markt für sel­te­ne Erden ab, auf die die Indus­trie ange­wie­sen ist. Die EU-Kom­mis­si­on muss hier deut­lich akti­ver wer­den und die­sen Ent­wick­lun­gen ent­ge­gen­tre­ten. Nötig ist auch eine stär­ke­re Ver­knüp­fung von Ent­wick­lungs­hil­fe und Roh­stoff­si­che­rung. Wir kön­nen nicht Ent­wick­lungs­hil­fe zah­len und zuse­hen, wie sich ande­re Län­der – etwa Chi­na in Afri­ka – immer stär­ker den Zugang zu den Roh­stof­fen sichern.

Und dann: nächs­ter Absatz, nächs­tes The­ma: – die Sabi­ne-Chris­ti­an­si­sie­rung der Inter­views jetzt auch in der Zei­tung (obwohl: so neu ist es auch nicht), der The­men­wech­sel, wenn es nach­zu­ha­ken gäl­te – Sind eine Mil­li­on Elek­tro­au­tos bis zum Ende des Jahr­zehn­tes rea­lis­tisch, ja oder nein?
Stop, stop, stop, stop, stop: Hat Mat­thi­as Wiss­mann gera­de den Kolo­nia­lis­mus zur Auf­ga­be der Ent­wick­lungs­po­li­tik erklärt? Ent­wick­lungs­hil­fe durch sys­te­ma­ti­sche Aus­beu­tung? Hal­looo, jemand zuhau­se? Oder hab' ich ihn da ein­fach nur miss­ver­stan­den?
Und noch ein sym­pto­ma­ti­sches Phä­no­men, fest­ge­stellt bei der Recher­che zu die­sem Bei­trag: Es gibt auf DerWesten.de eine wesent­lich län­ge­re Ver­si­on des Inter­views, ohne dass der Leser dies in der gedruck­ten WAZ erfährt. Absicht, Ver­se­hen oder ein­fach nur unbe­dacht?

Den Sport­teil über­ging ich, wie so oft und den Lokal­teil fand ich auch nicht über­mä­ßig span­nend. Nichts, was ich nicht unbe­dingt ver­misst hät­te, wenn da nicht die Sei­te "Aus der Regi­on" gewe­sen wäre. Seit es sie gibt, weiß ich nicht, was ich von ihr hal­ten soll. Soll ich sie in einem Anfall von Regio­nal­pa­trio­tis­mus gut­fin­den, weil sie end­lich mal den Blick über den Tel­ler­rand der eige­nen Stadt hin­aus­wirft, oder ist das ein­fach nur Blöd­sinn, weil es völ­lig irrele­vant für mein Leben in Her­ne ist, dass das gesam­te Streu­salz in Gel­sen­kir­chen nur für zwei Tage gereicht hät­te? Ich kann mich nicht ent­schei­den, und es wird nicht bes­ser mit jeder wei­te­ren die­ser Sei­ten, die da kommt.
Nur bezüg­lich einer Sache merk­te ich, wie sehr ich die WAZ ver­misst hat­te: Wie hat­ten mir die Fami­li­en­an­zei­gen gefehlt, oder, um es dras­ti­scher aus­zu­drü­cken: acht Trau­er­an­zei­gen, eine Geburts­an­zei­ge und eine hal­be Hoch­zeit; durch­schnitt­lich emp­fun­den. Woher sonst soll ich denn erfah­ren, wel­che ent­fern­ten Bekann­ten schon wie­der ver­stor­ben sind? Und war­um gibt es da eigent­lich noch kei­ne Online­lö­sung?

Nur so viel: Der Mitt­woch soll­te mir die­se Fra­gen nicht beant­wor­ten, dafür aber neue auf­wer­fen. Doch davon mehr – in dem nächs­ten Post.

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