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WAZ sollen wir lesen? das zeitungsabo-experiment (1)

WAZ sollen wir lesen

Ich bin, weiß Gott, kein ein­fa­cher Zei­tungs­le­ser, im Gegen­teil, ich bin wahr­schein­lich sogar ziem­lich anstren­gend, weil ziem­lich schwer zufrie­den­zu­stel­len. Das will ich ein­fach mal vor­weg schi­cken. Ich bin, wie bereits geschrie­ben, mit der WAZ auf­ge­wach­sen, ent­frem­de­te mich von ihr – und sie wohl auch von mir, aber so ist das wohl, wenn man nicht mit­ein­an­der redet – und begann nun am 17. Janu­ar den Selbst­ver­such "WAZ sol­len wir lesen", indem ich einen lan­ge geheg­ten Gut­schein über ein zwei­wö­chi­ges Pro­be­abon­ne­ment ein­lös­te. Dies ist mein Rück­blick auf den ers­ten Tag die­ses Expe­ri­ments unter All­tags­be­din­gun­gen.

Am Mon­tag, dem 17. Janu­ar, gelang es mir, fast schon uner­war­tet, die WAZ ein­fach so en pas­sant auf dem Weg zur Berufs­schu­le aus dem Brief­kas­ten zu zie­hen – etwas, was mir am dar­auf­fol­gen­den Diens­tag miss­lin­gen soll­te, wes­we­gen ich wegen mei­nes Dran­ges nach Zei­tung mei­ne ursprüng­lich geplan­te U-Bahn ver­pass­te – doch ich soll­te noch bis in der U-Bahn war­ten müs­sen (die Dun­kel­heit der Nacht in den Stra­ßen, you know?), bis ich einen detail­lier­te­ren Blick in die WAZ wer­fen kön­nen durf­te.

"Vater Hüb­ner ist zurück", der opti­scher Auf­ma­cher, stieß mich erst ein­mal ab. Gut, ich erkann­te die WAZ wie­der, der selt­sam ocker­far­bi­ge Rah­men um das Auf­ma­cher­bild kam mir ver­traut vor, doch inter­es­sier­te mich – nennt mich mei­net­we­gen herz­los – die Geschich­te eines aus den Wir­ren Tune­si­ens zurück­ge­kehr­ten Tou­ris­ten recht wenig. Dass eben­je­ne Wir­ren dann auch Tages­the­ma waren und einen ande­ren Schwer­punkt leg­ten, ret­te­te das Gan­ze und dass mei­ne Augen auf Sei­te 2 einen Saku­rai sehen durf­ten, war der ers­te Höhe­punkt an die­sem Mon­tag­mor­gen. Zeit also, um in das nächs­te klei­ne Loch zu fal­len: Am Ende des Kom­men­tars "Das Wun­der von Tunis" (auch zum Sturz des dor­ti­gen Herr­schers) stand in fet­ten Let­tern, ein­ge­lei­tet mit dem Wort "Fazit" ein eben­sol­ches, wel­ches nur besag­te, dass der Sturz des Herr­schers ein Wun­der war und die Dik­ta­to­ren der Nach­bar­staa­ten ähn­li­ches fürch­ten. Ach!

Eine sechs­zei­li­ge Kür­zest­zu­sam­men­fas­sung für die berufs­tä­ti­ge Bevöl­ke­rung, die kei­ne Zeit mehr für einen gan­zen Kom­men­tar hat? Das hät­te nun nicht wirk­lich sein müs­sen. Will ich Red­un­danz, dann besor­ge ich mir ein zwei­tes Exem­plar! Um mal ein Kli­schee zu bedie­nen: Das wäre eher was für eine Tablo­id-WAZ, sagt man Tablo­id-Zei­tun­gen doch eh ein nied­ri­ge­res Anspruchs­ni­veau nach.

Im Gro­ßen und Gan­zen hat­te es die Mon­tags-WAZ ziem­lich schwer: Das meis­te war schon nichts Neu­es mehr, muss­te sie doch auch Ereig­nis­se auf­be­rei­ten, die sich am Sams­tag zuge­tra­gen hat­ten. Auf einen neue­ren Stand als am Sonn­tag­abend fühl­te ich, der ich täg­lich viel online lese, nicht ver­setzt. Immer­hin gab es dann doch ein paar Arti­kel, die ich noch nicht online gele­sen hat­te, einen Bericht über Sexu­al­kun­de in der Grund­schu­le, einen Bericht über und mit Vol­ker Kau­der und einen euro­päi­sier­ten Islam und nicht zuletzt ein Bericht von David Schra­ven, dem ehe­ma­li­gen Ruhr­ba­ro­ne-Redak­teur, über die Mau­sche­lei bei den Ver­trä­gen für den Schie­nen­per­so­nen­nah­ver­kehr (zu deutsch: die Nah­ver­kehrs­zü­ge) im VRR. Das waren die Neu­ig­kei­ten, auf die ich gehofft hat­te.

Exkurs: RSS-Feeds und Zeitungsportale

Es gibt im Inter­net eine viel zu oft über­se­he­ne und unge­nutz­te klei­ne Net­tig­keit: den RSS-Feed. Er ermög­licht, ver­ein­facht gesagt, das Abon­ne­ment der Inhal­te einer Web­site mit einem Klick. In einem Feed­re­ader, einer Anwen­dung, die die­ses Datei­for­mat lesen kann, bekommt man dann immer, wenn ein neu­er Bei­trag erscheint, die­sen ange­zeigt. Ein­fa­cher kommt man an kein Zei­tungs­abo. Man kann lesen oder es auch sein las­sen und alles unge­le­sen ver­wer­fen, und wenn es nicht mehr gefällt, wird das Abo per Klick auch wie­der been­det, ohne dass es irgend­wel­che Kün­di­gungs­fris­ten gibt.
Vie­le Web­sites, gera­de sol­che, die, wie mei­ne, auf eine Web­log-Soft­ware set­zen, bie­ten die­sen RSS-Feed an, und so ist es letzt­lich mög­lich, einen rela­tiv guten über­blick über eine durch­aus gro­ße Anzahl an Web­sites zu behal­ten, die nach Gus­to zusam­men­ge­stellt wer­den kön­nen. Es hat etwas von einer indi­vi­du­el­len Tages­zei­tung, viel­leicht ohne Sport­teil, dafür viel­leicht mit viel mehr Poli­tik, mit vie­len wider­stre­ben­den Mei­nun­gen – mit ein wenig Auf­wand am Anfang und Mut zum Aus­pro­bie­ren kann man schnell eine gro­ße Band­brei­te an unter­schied­li­chen Stand­punk­ten zu den Ereig­nis­sen der Zeit ent­de­cken, als läse man meh­re­re Zei­tun­gen.
Neben vie­len klei­ne­ren Blogs hat­te ich eine zeit­lang auch die News­feeds gro­ßer Tages­zei­tun­gen abon­niert, doch schon weil der News­feed von Der­Wes­ten mich mit zu vie­len Mel­dun­gen bom­bar­diert hat­te, war er vor gerau­mer Zeit mit den Feeds von taz und Spie­gel aus mei­nem Feed­re­ader geflo­gen, die kei­nen Deut bes­ser waren. Sie zusam­men konn­ten die Anzahl unge­le­se­ner Arti­kel bin­nen Stun­den in uner­mess­li­che Höhen trei­ben, und das war dann doch ein psy­chi­scher Druck, auf den ich gut ver­zich­ten konn­te. Der­Wes­ten, taz.de, Süd­deut­sche, Zeit, Frank­fur­ter Rund­schau, tages­schau, die­se und ähn­li­che Sei­ten suche ich lie­ber bei Gele­gen­heit selbst auf, wenn ich die Zeit und Muße habe, mich dort fest­zu­le­sen, aber den­noch täg­lich.
Exkurs Ende.

Und sonst? Irgend­wie gab es nicht viel, was mir sonst noch auf­fiel, was mich stör­te, reiz­te oder inter­es­sier­te. Irgend­wie scha­de. Es soll­ten noch wei­te­re Tage fol­gen, doch davon mehr in dem nächs­ten Post.

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