Gestaltung
17 Kommentare

WAZ sollen wir lesen? das zeitungsabo-experiment (prolog)

WAZ sollen wir lesen

Noch bevor ich lesen konn­te, habe ich in der Zei­tung geblät­tert. Als ich dann end­lich die ers­ten Buch­sta­ben ent­zif­fern konn­te, habe ich mich müh­sam durch den Wust an Typen gekämpft und schließ­lich fing ich irgend­wann sehr bald an, die Arti­kel, die ich auf die­sem gedruck­te Papier fand, zu lesen und irgend­wann auch zu ver­ste­hen.
Ich bin in einem Zei­tungs­le­ser­haus­halt auf­ge­wach­sen. Zum Früh­stück gab es neben Brot, Kaf­fee für mei­ne Eltern und Kakao für mich und mei­ne Schwes­ter und Wurst und Käse und alles, was man sonst so als Belag behan­deln konn­te, jeden Mor­gen die Zei­tung. Von Mon­tag bis Sams­tag gab es die West­deut­sche All­ge­mei­ne Zei­tung und WAZ ande­res kam uns nicht ins Haus – es gab ja auch nicht ande­res mit einem Lokal­teil für Her­ne (und das ist bis heu­te nicht anders). Ich habe es geliebt, mor­gens in der Zei­tung zu blät­tern, mich durch die aktu­el­len The­men zu wüh­len und war froh, nach der Zei­tungs­lek­tü­re nicht ganz so unwis­send wie zuvor in die Schu­le gehen zu müs­sen. Die Schu­le hin­ge­gen war ein The­ma für sich, aber das wol­len wir jetzt nicht dra­ma­ti­sie­ren.

Jah­re­lang habe ich also Zei­tung gele­sen, mor­gens vor der Schu­le, mit­tags nach der Schu­le (wenn mor­gens die Zeit nicht gereicht hat­te oder ich noch etwas nach­le­sen woll­te), am Früh­stücks­tisch, in Bus und Bahn (was auf­grund des For­mats bis­wei­len durch­aus unhand­lich sein konn­te), ich konn­te mit­er­le­ben, wie die WAZ bunt wur­de, wie alt­ge­dien­te Redak­teu­re in den Ruhe­stand gin­gen, habe Redak­ti­ons­be­su­che erlebt und war im Arbeits­kreis "WAZ Kin­der- und Jugend­sei­te" des Her­ner Kin­der- und Jugend­par­la­men­tes mit­ver­ant­wort­lich für die­se ein­mal monat­lich erschei­nen­de Sei­te und habe selbst Arti­kel für die WAZ geschrie­ben. Ich durf­te mit­er­le­ben, wie die Redak­tio­nen klei­ner und die Auf­ga­ben grö­ßer wur­den, wie die WAZ Medi­en­grup­pe Der­Wes­ten an den Start schick­te und wei­ter am Per­so­nal spar­te, sah Lay­outs kom­men und gehen und dann zog ich von Zuhau­se aus.

WAZ sollen wir lesenVon einem Tag auf den nächs­ten hat­te ich zum Früh­stück kei­ne Tages­zei­tung mehr und ich ver­miss­te nichts, fast nichts. Bis heu­te ver­su­che ich noch immer, so es mei­ne Müdig­keit zulässt, früh genug auf­zu­ste­hen, um mei­nen Tages­be­darf an früh­stücks­fri­schen Neu­ig­kei­ten und Ein­schät­zun­gen abzu­de­cken, nur dass dies seit Jah­ren von mei­nem Feed­re­ader gedeckt wird, bei­na­he jeden­falls.
Irgend­wann kam auch das Inter­net zu uns, zunächst mit Ein­wähl­ver­bin­dun­gen über das 56k-Modem – was waren das noch für Zei­ten und Geräu­sche! – dann irgend­wann auch mit 6000er-DSL oder dem, was unser Pro­vi­der dafür hielt; fak­tisch war es 2000er-DSL am Ende einer lan­gen, maro­den Lei­tung. Wie zuvor, als Off­line das ein­zi­ge Leben war, such­te ich auch hier nach Nach­rich­ten und Ein­schät­zun­gen, fand Tages­zei­tun­gen und Maga­zi­ne eben­so wie Blogs und muss­te fest­stel­len, dass ich mit der Zeit ziem­lich unzu­frie­den wur­de mit der WAZ, die ich bis dato kri­tisch, aber zufrie­den gele­sen hat­te. Mir stie­ßen offen­sicht­li­che Feh­ler auf, ich stör­te mich an unre­flek­tier­ten Kom­men­ta­ren und zuletzt fand ich die WAZ auch optisch nicht mehr attrak­tiv.

In die­ser Zeit, da das Inter­net zu mir kam, begann ich Pro­be­abon­ne­ments ande­rer Zei­tun­gen abzu­schlie­ßen, las zwei Wochen lang die Süd­deut­sche Zei­tung, tes­te­te die Frank­fur­ter Rund­schau und abon­nier­te für eine Zeit­lang die taz. Ich erleb­te mit Bedau­ern, wie die taz ihren eh nur vier­sei­ti­gen, aber guten NRW-Teil ein­stell­te und ver­miss­te immer mehr eine Alter­na­ti­ve zur WAZ mit einem NRW-Teil oder noch lie­ber einem Lokal­teil für Her­ne, denn mein Hang zu Uto­pi­en war unge­bro­chen. Was hät­te ich für eine viel­schich­ti­ge, aktu­el­le Zei­tung gege­ben mit Hang zu fun­dier­ten Mei­nun­gen, einem kla­ren, schö­nen Lay­out – und einem Lokal­teil für Her­ne.

Ich gebe es zu: Ich habe die WAZ ver­flucht für ihren Brat­wurst­jour­na­lis­mus, ich konn­te und kann mich noch immer gut dar­über auf­re­gen, dass der Kom­men­tar­be­reich von Der­Wes­ten (wie der Kom­men­tar­be­reich ande­rer Zei­tun­gen und Nach­rich­ten­por­ta­le auch) eine Brut­stät­te für Trol­le und Nörg­ler ist, ein Hort für Dif­fa­mie­run­gen, Resi­gna­ti­on und Hass, aber den­noch habe ich, als ich mit dem Umzug die Chan­ce auf ein zwei­wö­chi­ges Gra­tis­abo der WAZ bekam, die­se nach eini­ger Bedenk­zeit genutzt und bekam nun seit dem 17. Janu­ar die WAZ mit dem Her­ner Lokal­teil. Wie es mir damit erging, erfahrt ihr in dem nächs­ten Post.

PS: Wenn es nur bei einem Bei­trag geblie­ben wäre. Zwei Wochen Zei­tung ist nichts für knap­pe 1000 Wör­ter, wenn es mehr als nur ein knap­pes Fazit sein will. Bleibt mir gewo­gen, auch wenn es etwas län­ger wird.

Zum nächs­ten Teil

PPS: Hier sind die Links zu den nachfolgend erschienenen Teilen

Teilt mei­nen Text
Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on TumblrEmail this to someone

17 Kommentare

  1. Pingback: Links anne Ruhr (06.02.2011) » Pottblog

  2. Pingback: links for 2011-02-06 « Nur mein Standpunkt

  3. Pingback: WAZ sollen wir lesen? das zeitungsabo-experiment (1) « Hendryk Schäfer

  4. Pingback: WAZ sollen wir lesen? das zeitungsabo-experiment (2) « Hendryk Schäfer

  5. Pingback: Netzrückblick • 17.02.2011 « Henning Bulka

  6. Pingback: WAZ sollen wir lesen? das zeitungsabo-experiment (5) « Hendryk Schäfer

  7. Pingback: Warum lesen junge Menschen noch Lokalzeitung? Ein Experiment! — Was mit Medien

  8. Pingback: WAZ sollen wir lesen? Das Zeitungsabo-Experiment (1) — Was mit Medien

  9. Pingback: Netzrückblick • 21.02.2011 « Henning Bulka

  10. Pingback: WAZ sollen wir lesen? das zeitungsabo-experiment (6) « Hendryk Schäfer

  11. Pingback: WAZ sollen wir lesen? das zeitungsabo-experiment (epilog in zwei teilen. erstens) « Hendryk Schäfer

  12. Pingback: WAZ sollen wir lesen? das zeitungsabo-experiment (epilog in zwei teilen. zweitens) « Hendryk Schäfer

  13. Pingback: WAZ sollen wir lesen? das zeitungsabo-experiment (epilog in zwei teilen. drittens) « Hendryk Schäfer

  14. Pingback: Lesenswert: Zu Guttenberg, Stefan Raab, Social Networks & Hypes.

  15. Pingback: WAZ sollen wir lesen? das zeitungsabo-experiment (7) « Hendryk Schäfer

  16. Pingback: Lesenswert: Zu Guttenberg, Stefan Raab, Social Networks und Hypes | JUICED.de

  17. Pingback: Lesenswert: Zu Guttenberg, Stefan Raab, Social Networks und Hypes | JUICED.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.