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bilder einer flauschstellung

Flauschig wie nie: Beethovens Neunte

Ich kenne mich. Ich weiß, dass ich bisweilen irrational handele. Ich kann mir noch so oft sagen „Heute kaufst du dir nichts!“, ganz laut und ganz bestimmt und immer wieder, bis ich es mir fast glaube – und dann wusele ich so durch die Filiale eines Elektroramschhändlers, der neben Waschmaschinen, Kaffeevollautomaten und Computern auch DVDs anbietet und schlurfe mäßig begeistert durch die minimalistisch gehaltene Musikabteilung (ich sage nur „zwei Meter Klassik“, das können andere Filialen wesentlich besser!) und dann stoppe abrupt, weil ich von 14,2 zu 12,5 Zentimetern CD-Hülle gefesselt werde. Andere Menschen kaufen Interpreten, ich kaufe CD-Covers.

Flauschig wie nie: Beethovens Neunte.

Gut, abgesehen von der spannend reduzierten Aufmachung war dann doch der Name „Gewandhausorchester Leipzig“ ein weiterer Grund, der mir die Entscheidung, meinen Vorsatz zu missachten, leichter machte – und so wurde ich Besitzer einer CD mit der Aufnahme der Sinfonie Nummer 9 von Ludwig van Beethoven und und einer Aufnahme der „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky. Was soll ich nun sagen? „Sieht gut aus, klingt furchtbar“? „Ganz nett, aber überflüssig“? Ich sollte systematisch an die Sache herangehen.

Nehmen wir uns aber nur einmal den Herrn Beethoven vor, auch wenn ich ihn erst nach Herr Mussorgsky entdeckte. Abgesehen davon, dass ich mir damit in meiner internen To-Do-Liste einen Haken hinter den Punkte „Beethovens Neunte kaufen“ setzen kann, abgesehen davon, dass ich dabei um eine unvermeidliche Karajan-Aufnahme herumgekommen bin, abgesehen davon, dass ich hier keine Musikkritik verfassen will, gefällt mir die Aufnahme nach dem ersten Hören recht gut, auch wenn man ihr ihre neunundzwanzig Jahre anhört. Was mir aber auf Anhieb gefiel, ich riss es schon an (und später dann auf), war die Verpackung.

Die CD befand sich in einem dunkelblauen Kartonschuber mit einem silbernen Beethoven-Porträt und silberner, zentrierter Serifenschrift darunter, welcher – ich stellte es erst beim Aufreißen der Plastikfolie fest – ziemlich flauschig war. Edel, edel, diese Aufmachung, die beim Mussorgsky, abgesehen davon, dass er violettrot flauschte, sehr ähnlich war, nur, dass dort mehr Text unterzubringen war, weswegen dort schon auf der Vorderseite mit den Versalien gebrochen wurde und auch Kleinbuchstaben erschienen. Kein Beinbruch, im Gegenteil – beide Varianten, die Titel der Werke in englischer Sprache unterzubringen, sind in sich schlüssig, auch wenn das Beethoven-Cover noch reduzierter ist.

Mag sein, dass diese Anmutung und Gestaltung jetzt doch etwas sehr, ähm, klassisch anmutet, mag sein, dass dieser Pappschuber nicht sonderlich modern wirkt – ich muss leider das Gegenteil konstatieren: Viel zu oft sind gerade ältere Aufnahmen von großen Werken der Klassik ziemlich billig aufgemacht, viel zu oft wirken solche CDs im Laden, als müssten die letzten Bestände davon irgendwie zu einem Spottpreis verscherbelt werden – und beim Betrachten des Booklets zur Mussorgsky-CD fand ich auch einen Hauch ebenjener billigen Optik wieder, denn sie brach mit den Schriften und der reduzierten Gestaltung – aber zumindest bei der Beethoven-CD fand ich keine dieser Befürchtungen bestätigt.

Im Großen und Ganzen also hab’ ich da doch ein kleines Schätzchen erworben, eine sehr liebevoll gemachten CD-Schuber, eine schöne CD-Gestaltung und ein stimmig schlicht passendes CD-Booklet (zumindest ins Sachen Beethoven) von Groothuis, Lohfert, Consorten für die Edel Germany, die nur vielleicht einen ‚digitally remastered‘ Klang vermissen ließ … obwohl eigentlich auch nicht.

Nur eines irritierte mich dann doch: So flauschig der Kartonschuber auch war, als ich die CD das erste Mal entnehmen wollte, da fluppte nichts. Sie wollte nicht aus dem Schuber. Aber den Drang nach Beethovens Neunter hinderte das auch nicht.

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