Gedöns
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1813 - unterwegs/die graue Frau

Rau­schen­des, rol­lern­des, pock­ri­ges Wum­mern dröhnt bis in die Win­kel und füllt den bogen­über­dach­ten offe­nen Raum namens Bahn­hof, als ich über abge­nutz­te, gum­mi­be­kleb­te Stu­fen den Zug gen Dann erklim­me.
Eins­ti­ge Luft schlägt mir ent­ge­gen, voll nach­ge­han­ge­ner, zurück­ge­blie­be­ner Gedan­ken, eine schwe­re, schwü­le und ver­brauch­te Luft, schon berührt und durch­wir­belt von neu­en alten Gedan­ken, Rei­se­ge­dan­ken, Erin­ne­run­gen an das Gera­de-noch, Hoff­nun­gen auf das Bald-schon, vol­ler Ach-scha­de, Und-gleich und Hmm. Ich rie­che die  Ein­sam­keit im Getüm­mel, spü­re, wie jeder sei­nen Pfa­den nach­hängt, sie alle ver­eint in der Schick­sals­ge­mein­schaft der Bahn­fah­rer, aus­ge­lie­fert dem Bahn­gott und sei­nem sar­kas­tisch-saty­ri­schen Humor.
Ein letz­ter frei­er Sitz­platz, als hät­te er nur auf mich gewar­tet, las­se ich mein Rei­se­ge­päck fal­len als die Türen sich schlie­ßen und die roll­fä­hi­ge Blech­do­se den Bahn­hof ver­lässt. War­um heißt es eigent­lich "Rei­se­ge­päck", ist es doch nur ein bruch­teil aller Uten­si­li­en, die man bei sich führt, die man wirk­lich wäh­rend der Rei­se benö­tigt, wäh­rend es doch mit­un­ter fünf­und­neun­zig Pro­zent des Gepäcks sind, wel­che einem das Rei­sen mit der Bahn - und die unver­meid­li­chen Umstie­ge - zur Qual wer­den las­sen? Wer braucht schon zehn Paar Socken und einen Rasier­ap­pa­rat für sechs Stun­den im Zug,  wer wech­selt bin­nen drei­hun­dert­sech­zig Minu­ten - davon fünf­und­sieb­zig an irgend­wel­chen zugi­gen Bahn­stei­gen oder Per­rons, wie es viel schö­ner klingt -  fünf­mal das Ober­teil und wäscht sich die Haa­re mit einer vol­len Fla­sche Sham­poo bis sie leer ist?
War­um, the fuck, muss das gan­ze Thea­ter also Rei­se­ge­päck hei­ßen. Wäre "Bal­last­stof­fe" - denn über­wie­gend ist es ja Stoff oder Stoff vor­gau­keln­des Mate­ri­al - nicht viel tref­fen­der?
Aber gut, sei es wie es ist, wur­de der Bal­last doch gepackt - in den Ruck­sack, auf die Gepäck­ab­la­ge, liegt dro­hend über den am Fens­ter sit­zen­den Pend­lern, die unüber­legt dar­auf ver­trau­en, dass eben­je­ne Metall­git­ter­stre­ben die Erin­ne­rung an eine gute Woche tra­gen kön­nen.

Eine Frau schlurft durch den eng gebau­ten Mit­tel­gang, streift Jacken, Taschen, Schals und Köp­fe, die es wag­ten, das knapp bemes­se­ne Vier-Per­so­nen-Sitz­feld aus­zu­deh­nen, lei­se mur­melt sie Ent­schul­di­gun­gen vor sich hin, doch kaum jemand nimmt sie wahr, hat­te bemerkt, dass sie peri­pher tan­gie­rend vor­wärts schritt.
Grau­er Rock und graue Bei­ne, mit grau­em Filz bedeckt ihr Kör­per, nur ein kunst­voll um den Hals gewürg­ter Schal aus Anthra­zit ist abge­setzt, so bewegt sie sich lang­sam vor­wärts im Abteil, trägt ihr aske­ti­sches Gesicht - spit­ze, schlan­ke, lan­ge Nase, schma­ler Mund mit frisch gepress­ten Lip­pen - durch die Luft, in ihren grau­en Augen liegt ein ste­chen­der, wach­sa­mer Blick und das blon­de, schul­ter­lan­ge Haar weht kaum am Kopf vor­bei. Aus ihrer schwar­zen Hand­ta­sche, zeit­schrif­ten­groß und akten­ord­ner­dick, ragt eine geroll­te und gepress­te FAZ her­vor, die gebro­che­nen Let­tern sprin­gen mich an, es scheint, als sei sie die Weih­nacht, solch' Duft erfüllt plötz­lich das Abteil.

"Guten Abend, die Fahr­kar­ten, bit­te.", dröhn-brummt es von Ach­tern und in der Hek­tik der Fahr­kar­ten­su­che bleibt sie ste­hen und pellt eine Man­da­ri­ne. Ein umsich­ti­ges Tip­pen und Nicken spä­ter ist die oran­gen gewachs­te Scha­le im Kipp­müll­ei­mer - ein gro­ßer Behäl­ter, so sagt es das Pik­to­gramm, war­te im Vor­raum - und der weih­nacht­li­che Duft gewinnt eine aku­te, fri­sche Note. Kaum zwei Minu­ten nach sei­nem geschäf­tig-arbeit­sa­men Auf­tritt ist der Zug­be­glei­ter schon zwei Türen wei­ter und hin­ter­lie­ße eine pene­tran­te Tabaks­no­te, hät­te nicht die graue Frau Man­da­rin geges­sen.

Die aku­te Lust auf Weih­nachts­obst, sie wird recht bald gedämft. Es waren uns're Früch­te, die die Frem­de aß. Kei­ne ein­zi­ge Man­dar-Cle­men­ti­ne ist noch in die­sem grün­ge­pols­ter­ten Abteil.

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