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Bewerbungsrede der #Zensursula

"Mei­ne Damen und Her­ren", begann sie und strich ner­vös über ihre mehr­sei­ti­ge Rede. Ursu­la Von der Ley­en, ihres Zei­chen Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin und euro­pa­weit geliebt und gefürch­tet für ihr Eltern­geld, hat­te Stun­den vorm Spie­gel gestan­den, sie hat­te Ges­tik und Mimik aus­pro­biert, ver­wor­fen und neu gesetzt, sie hat­te jedes ihrer sie­ben Kin­der um eine dif­fe­ren­zier­te Mei­nung gebe­ten und sie erst ins Bett ent­las­sen, als kei­nes der Kin­der mehr Kri­tik äußer­te. Sie hat­te ihnen dann noch eine Gute-Nacht-Geschich­te vor­ge­le­sen und war selbst dar­über um halb Sechs mor­gens ein­ge­schla­fen und nun, vier Stun­den spä­ter, stand sie nun, nach einer ein­zi­gen Geschwin­dig­keits­über­tre­tung son­der­glei­chen zwi­schen ihrem Wohn­ort und einem weit ent­fern­ten, ver­schnarch­ten Nest, wo sie eine auf­mun­tern­de und ihre Par­tei auf den Wahl­kampf ein­schwö­ren­de Rede hal­ten soll­te, vor ihrem Publi­kum. Senio­ren, Rent­ner, Pen­sio­nä­re und berufs­ju­gend­li­che Jubel­per­ser von der ört­li­chen Jun­gen Uni­on. Nichts, was Wider­stand erwar­ten lie­ße - und dies konn­te sie auch nicht gebrau­chen. Dies soll­te ihr gro­ßer Auf­tritt wer­den, ihre gro­ße Rede, die sie schlag­ar­tig bun­des- und euro­pa­weit auf die ers­te Sei­te der Zei­tun­gen und in die ers­te Mel­dung der Tages­schau brin­gen soll­te. Wahl­kampf­re­de, pah! Die­se Rede wür­de als die Von der Ley­en-Rede in die Geschich­te ein­ge­hen! Dass sie ihre Par­tei einen wür­de, nahm sie bil­li­gend in Kauf.

Das gespann­te Gemur­mel des grau­en Mobs beru­hig­te sich, Bischof Meis­ner, den sie sich als Ulla Schmidt aus­ge­bend per Dienstau­di hat­te anlie­fern las­sen, nick­te ihr auf­mun­ternd zu.

"Ich will nicht lan­ge um den hei­ßen Brei reden. An bestimm­ten Stel­len brau­chen Sie eine durch­set­zungs­fä­hi­ge Regie­rung und müs­sen han­deln. Nie habe ich den Schlin­ger­kurs der Lin­ken schlim­mer mit­er­lebt als beim The­ma Bekämp­fung der Kin­der­lo­sig­keit in Aka­de­mi­ke­rIn­nen­haus­hal­ten. Mei­ne Damen und Her­ren, die­ses The­ma ist der Grau­en. Wenn ich von Kin­der­lo­sig­keit in Aka­de­mi­ke­rIn­nen­haus­hal­ten spre­che, spre­che ich nicht davon, dass nack­te Aka­de­mi­ke­rin­nen und Aka­de­mi­ker sich lie­ben. Ich spre­che davon, dass Aka­de­mi­ke­rin­nen und Aka­de­mi­ker Geschlechts­ver­kehr haben und dabei die Emp­fäng­nis ver­hü­ten. Acht­zig Pro­zent der Paa­re sind län­ger als drei Jah­re zusam­men, drei­ßig Pro­zent der Paa­re sind ver­lobt oder ver­hei­ra­tet. Oswald Kol­le sagt, jeden Tag haben die­se Paa­re in Deutsch­land mehr als zehn Mil­lio­nen Mal Sex und ver­hü­ten dabei mit Kon­dom oder Pil­le. War­um? Weil es lei­der einen Nach­fra­ge­markt gibt, ins­be­son­de­re in den Haus­hal­ten, die die­se Ver­hü­tungs­mög­lich­kei­ten in der Apo­the­ke suchen und sich für fünf­zig Euro oder neun­zig Euro Zugang dazu ver­schaf­fen. Der Weg führt in die Apo­the­ke, weil sie die­se Kon­do­me bis­her voll­kom­men frei in Deutsch­land erwer­ben kön­nen. Jeder, der halb­wegs bei­ein­an­der ist, muss doch sagen 'Him­mel noch­mal, macht dem ein Ende!' Und das ist berech­tigt, Poli­tik das zu sagen."

Die Schein­wer­fer brann­ten hell, sie war froh, dass Frau Dona­ta, die Visa­gis­tin ihres Ver­trau­ens, eine Kor­ni­fe­re ihres Fachs war - und dass sie auf Staats­kos­ten abge­rech­net wer­den konn­te. Ein klei­ner Schluck aus dem Was­ser­glas, nur nip­pen konn­te sie, sie woll­te kei­nen Lip­pen­stift an das Glas ver­lie­ren. Das wäre Ver­schwen­dung von Steu­er­gel­dern, sie hör­te den Bund der Steu­er­zah­len schon läu­ten.

"Natür­lich muss es hei­ßen, welt­weit die Täter stel­len. Das ist rich­tig, das ist Poli­zei­ar­beit, die muss auch gemacht wer­den. Es ist eine unglaub­li­che Sys­i­phos­ar­beit, wenn sie welt­weit die Täter suchen müs­sen. Der zwei­te Schritt muss natür­lich sein, die­se Kon­do­me dort zu ver­nich­ten, wo die Quel­le ist, wo sie ver­kauft wer­den. Aber welt­weit ste­hen die­se Apo­the­ken und Dro­ge­rie­märk­te zum Teil in Län­dern, die Emp­fäng­nis­ver­hü­tung nicht äch­ten. Da kön­nen Sie von Deutsch­land aus nicht hin­ein­re­gie­ren, sie kön­nen nicht die Welt­po­li­zei da spie­len. Und des­halb ist der drit­te Schritt, ganz klar zu sagen, dann sper­ren wir hier von Deutsch­land aus den Zugang zu die­sen Kon­do­men, auf dem­Weg , den man in die Apo­the­ke nimmt zu die­sen Emp­fäng­nis­ver­hü­tungs­mit­teln wird eine Sper­re auf­ge­stellt, auch um als Land deut­lich zu machen: Wir äch­ten das, wir tole­rie­ren das nicht, das ist nicht ein Kava­liers­de­likt, was man mal so neben­bei machen kann."

Kar­di­nal Meis­ners chro­ni­scher Hei­li­gen­schein glimm­te auf, er lächel­te ver­klärt, erin­ner­te sich der glor­rei­chen Zeit, als er noch mit der Rede von ent­ar­te­ter Kunst sei­nen Arbeit­ge­ber mal wie­der pro­mi­nent in den Medi­en plat­zie­ren konn­te. Wenn das sein Arbeit­ge­ber wüss­te, dass sein Stell­ver­tre­ter Meis­ner damit beauf­tragt hat­te …

"Und mei­ne Damen und Her­ren, was mir da begeg­net ist, das schlägt dem Fass den Boden aus. Erst hieß es 'tech­nisch unmög­lich'. Ich will Ihnen mal was sagen: Seit eini­gen Jah­ren machen die­ses Schwe­den, Finn­land, Däne­mark, Groß­bri­tan­ni­en, Kana­da, Neu­see­land, die Schweiz - übri­gens Län­der, wo die Intim­sphä­re eine ganz hohe Bedeu­tung hat - auch Ita­li­en schafft das! Him­mel noch mal, dann soll­ten wir doch hier in Deutsch­land in der Lage sein, das zu schaf­fen! Und da sag ich den Lin­ken ganz deut­lich, ihr traut die­sem Land nichts zu! Wir soll­ten in der Lage sein, hier deut­lich auch Zei­chen zu set­zen, dass wir die­se Sper­ren kön­nen!"

Fre­ne­ti­scher Applaus schall­te ihr ent­ge­gen, sie nahm ein wei­te­res Nipp­chen vom Was­ser, still. Stil­le Was­ser sind tief. Die grau­me­lier­te Dau­er­wel­le direkt am vor­ders­ten Platz der Bier­zelt­gar­ni­tur vor ihrem Pult puff­te ihrem Gat­ten zur Lin­ken in die Sei­te, wor­auf­hin auch er enthu­si­as­tisch applau­dier­te und "Bra­vo!" rief. Frau Minis­te­rin strahl­te und räus­per­te sich, wäh­rend des Saal klatsch­te. Ihren Kin­dern hat­te sie eine Ent­schul­di­gung geschrie­ben. Schwei­ne­grip­pe. War gera­de im Ange­bot und mor­gens um halb Sie­ben nach nicht ein­mal einer Stun­de Schlaf war selbst eine Ursu­la Von der Ley­en nicht mehr wirk­lich krea­tiv.

"Dann aber, mei­ne Damen und Her­ren, dann wur­de es eine Stu­fe schlim­mer.", und sie ver­lang­sam­te ihre Stim­me, bis auch ihr ört­li­che CDU-Vor­sit­zen­de sie ver­ste­hen konn­te. Sie färb­te ihre Stim­me in einen ver­schwö­re­ri­schen Ton­fall. "Dann hieß es 'Ver­fas­sungs­recht­lich bedenk­lich wegen der Hand­lungs­frei­heit'. Mei­ne Damen und Her­ren, wir soll­ten nicht den Ein­druck ver­mit­teln, unse­re Ver­fas­sung wür­de der Ver­brei­tung von Ver­hü­tungs­mit­teln Schutz geben. Das ist absurd! Hand­lungs­frei­heit ist wich­tig, ja. Aber es kann ja wohl nicht so weit gehen, dass man dafür, weil man die Hand­lungs­frei­heit so hoch stellt, die Wür­de und den Schutz des uin­ge­zeug­ten Lebens hin­ten­an­stellt und sagt, dies ist nach­ran­gig." Die indi­rek­te Rede war ihr egal, sie groll­te. "Und dann hab ich, weil die Lin­ken auf Tauch­kurs gegan­gen sind, zunächst ein­mal allei­ne mit den Anbie­tern von Ver­hü­tungs­mit­teln, das sind ganz nor­ma­le Dro­ge­rie­märk­te wie dm, Ross­mann, Schle­cker und so wei­ter, Ver­trä­ge gemacht. Mein Kabi­netts­kol­le­ge Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg hat ruck­zuck ein Gesetz auf den Weg gebracht, das deut­lich macht, wir sper­ren von Deutsch­land aus, weil wir eine ganz kla­re Hal­tung auch dazu haben, die­se schreck­li­chen Kon­do­me, den Zugang zu die­sen schreck­li­chen Ver­hü­tungs­mit­teln."

Jetzt war sie in ihrem Ele­men­te, sie pack­te ihre gan­ze Wut, ihr gan­zes Ent­set­zen aus. "Und dann kam das Tolls­te. Dann war da Pro Fami­lia und die Grü­nen, die plötz­lich schrien 'Das ist Gebur­ten­kon­trol­le!'. Mei­ne Damen und Her­ren, Emp­fäng­nis­ver­hü­tung in Aka­de­mi­ke­rIn­nen­haus­hal­ten ist Gesell­schafts­zer­set­zung und ich rufe all den­je­ni­gen zu, die in die­sem Zusam­men­hang von Gebur­ten­kon­trol­le spre­chen: Das Ehe­bett ist kein zeu­gungs­frei­er Raum und das Recht gilt beim Geschlechts­ver­kehr genau­so wie davor und danach. Was wir nie­mals unter Sou­ta­nen hin­neh­men, neh­men wir im Hosen­an­zug genau­so wenig hin!"

Der Kar­di­nal sprang auf und jubi­lier­te, sein Hei­li­gen­schein glüh­te und ver­an­lass­te den Haus­meis­ter, das Saal­licht zu dim­men. Der grau­haa­ri­ge Mob johl­te und gröhl­te und klatsch­te abso­lu­te Zustim­mung. Frau Minis­te­rin lächel­te inner­lich, hielt aber ihren eiser­nen Blick erstarrt und fun­kel­te den jun­gen Mann, der sich demons­tra­tiv ein Han­dy vor's Gesicht hielt, böse an. Ach, könn­te sie doch nur ihre Leib­wäch­ter infor­mie­ren … ach, ver­dammt, möge wenigs­tens die Auf­nah­me­qua­li­tät zu mise­ra­bel für ein Tran­skript sein … ach, ver­dammt, zur Höl­le mit die­sem Inter­net!

"Mei­ne Damen und Her­ren, hier ist der Schlüs­sel­be­griff, auch wenn es unge­müt­lich wird: Ver­ant­wor­tung." Sie mach­te eine klei­ne Kunst­pau­se und gab ihrer Stim­me einen kräf­ti­gen Schuss Pathe­tik. "Wir wer­den eines Tages nicht nur gefragt nach dem, was wir getan haben, son­dern auch nach dem, was wir viel­leicht nicht getan haben, wo wir geknif­fen haben, wo wir uns gebückt haben, nur weil es anstren­gend wird. Hier muss man dann auch Far­be beken­nen, hier muss man dann auch Stür­me durch­ste­hen. Antoi­ne de Saint-Exu­pé­ry, der Vater, der Autor des Klei­nen Prin­zen, hat es eigent­lich wun­der­schön auf den Punkt gebracht, er hat gesagt: 'Mensch sein heißt ver­ant­wort­lich sein'. Genau das ist es, Mensch sein heißt ver­ant­wort­lich sein. Vie­len Dank."

Applaus füll­te den Saal, nie­man­den hielt es mehr auf sei­nen Plät­zen und der Mann neben Kar­di­nal Meis­ner beug­te sich, wei­ter­hin applau­die­rend, dem alten Köl­ner zu. "Joa­chim.", mein­te er, "Wir neh­men sie. Sie wird unser neu­er Papst."

PS: Vie­len Dank an unse­re Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin und netzpolitik.org. Ab jetzt kann es nur noch auf­wärts gehen.

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