Gedöns
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WAZ willste machen?

Wieder einmal stellt die WAZ in ihrem change-Blog (schlagt mich bitte nicht ob der Verwendung des bösen c-Wortes, ich mach‘ euch auch nicht den Obama) „Bleibt alles anders“ eine Präsentation der Unternehmensgruppe Schickler der Öffentlichkeit zur Verfügung. Es geht – ganz grob gesagt – um eine Konkretisierung der Sparpläne. … Immerhin – denn wenn ich von den Sparplänen wissen will, bleibt mir nur die Printkonkurrenz (und die ist im Ruhrgebiet eher dünn gesät) oder das Internet, genauer: die Ruhrbarone, das WAZ Protestblog und das Pottblog (in welchem ihr eine lesenswerte mittlerweile siebzehnteilige Serie rund um die WAZ Mediengruppe und DerWesten finden könnt). Jetzt aber zu des Pudels Kern: das „Konzept zur Restrukturierung der Redaktionen“, wie es offiziell heißt.

Die neue Zentralredaktion

Sie nennen es „Content Desk“, aber faktisch ist es eine Zentralredaktion. Die Neue Rhein/Ruhr Zeitung (NRZ) und die Westfälische Rundschau (WR) liefern mit ihren je sechszehnköpfigen (zuzüglich je vier kaufmännischen MitarbeiterInnen) Titelredaktionen die Beiträge an die Zentralredaktion mit ihren 75 RedakteurInnen (zuzüglich zwei Chefredakteuren). Die sechs TitelredakteurInnen der WAZ sind in das „Content Desk“ eingebunden. Zieht man die Desk-Chefs und den „CvD-Bereich“ (Layout, Blattplanung, Technik) ab, bleiben 61 RedakteurInnen, die, unterstützt von den lokalen Zubringern der drei Titelredaktionen den Mantel der drei Titel erstellen werden (wobei den jeweiligen Chefredaktionen die Wahl und Anordnung der produzierten Beiträge freisteht).

Lokalreduktionen

Die Pläne für die Lokalredaktionen lassen sich in fünf Punkten zusammenfassen:

  1. Monopolisierung, wo zwei WAZ-Titel konkurrieren
  2. Produktion der Lokalteile in Regionalredaktionen
  3. Kostensenkungen
  4. mehr Online
  5. Einzellösungen für kritische Standorte

Der erste Punkt spricht für sich. Gab es vorher zumindest einige Unterschiede in den Lokalausgaben, wird jetzt wahrscheinlich der kleinere der beiden Titel eingedampft. In einigen Gemeinden wird es dann wie in Herne aussehen: Ein WAZ-Titel ist das einzige Blatt am Ort, abgesehen von den Anzeigenblättern, die auch nicht selten der WAZ Mediengruppe angehören.

Auch bei den Lokalteilen wird der Weg der Zentralredaktionen gegangen, hier jedoch mit regionalen „Content Desks“. Für die WAZ heißt dies, dass es drei „Produktionsdesks“ geben soll, an denen die Lokalausgaben erstellt werden.

Die Kostensenkungen sollen  überwiegend, wenn nicht ausschließlich aus Stellenstreichungen finanziert werden. Während die Kündigung der Agenturmeldungen von dpa drei Millionen Euro einspart, ließen sich die Kosten durch Streichung von 86 Stellen im Mantelteil schon um gut acht Millionen Euro senken, die Reduzierung der Lokalredaktionen um 215 Stellen (ein Drittel der dort angesiedelten Belegschaft) senkt die Ausgaben um weitere knapp 16 Millionen Euro.

Insgesamt sollen 300 Planstellen und 24,5 Millionen Euro jährlich eingespart werden – ein Drittel der Gesamtbelegschaft der WAZ Mediengruppe. Wenn man nun diese Zahlen mit denen der letzten veröffentlichen Präsentation vergleicht, dann bleibt diese zweifelhafte Erkenntnis: selbst wenn man die Kündigung der dpa-Meldungen mitrechnet, ließen mittlerweile sich bei annähernd gleicher finanzieller Einsparung 25 Stellen mehr streichen. Wo ist das Geld hin?

Klare Verhältnisse?

Wie soll das funktionieren? Weniger RedakteurInnen sollen genauso viel Inhalt liefern wie bisher und obendrein mehr davon im Internet zeigen. Auch wenn an den regionalen Zentralredaktionen Stellen einzig für die Füllung von derwesten.de geschaffen werden, so muss immer noch Inhalt zugeliefert werden.

Auch wenn prozentual etwa gleich viel in Mantel- und Lokalredaktionen gespart wird, wird der Unterschied in absoluten Zahlen sehr viel deutlicher: In den Lokalteilen soll mehr als doppelt so viel eingespart werden.

Wenn man sich an Christian Jakubetz orientiert und seine Ansichten teilt (mit denen er nicht allein steht), dann ist das neue WAZ-Modell zum Scheitern verurteilt: die WAZ geht weder auf’s große Ganze noch auf die Nische. Sie ist nicht die überregionale Tageszeitung à la Frankfurter Allgemeine, Welt oder Süddeutsche – sie ist aber auch nicht das Blatt, welches man gerne wegen seines Lokalteils kauft; man hat nur keine Alternative mehr.

Ihre einstige Stärke, den Lokalteil, demontiert die WAZ Mediengruppe bereitwillig selbst, den Frust darüber, verfasst von einem Redakteur, kann man im Pottblog nachlesen. Ein achtseitiger Lokalteil, von dem fünf Seiten Lokalpolitik, Gesellschaft, Kultur und Sport abdecken müssen und der Rest Werbung oder Todesanzeigen sind, ist nicht besonders reizvoll, nicht einmal in Herne. Für alles, was im Mantel steht an Kultur und Politik und Wirtschaft und Gesellschaft, reicht mir auch der Blick ins Internet, und da muss ich nicht einmal derwesten.de besuchen, gerade was Bundespolitisches und Internationales betrifft, gibt es bessere Quellen – der Mix aus taz, Spiegel Online, Süddeutsche und FAZ (und einigen anderen) machts.

Im Lokalen ist es deutlich schwieriger, ohne die WAZ Mediengruppe auszukommen, vor allem, wenn sie die einzige Tageszeitung liefert. Vergleichbare Onlineangebote, die umfassend über lokale Politik, Veranstaltungen und Sport berichten, gibt es (noch) nicht.

Wenn die WAZ Mediengruppe nun insgesamt spart und das Weniger, was sie produziert dafür mehr ins Internet stellt, gibt es keinen Gewinn. Weniger Meinungen, weniger Sichtweisen finden Gehör – die Ereignisse, die alle wichtig finden, finden den Weg ins Blatt und ins Web. Das, was einst nur eine Randnotiz war, wird künftig nicht einmal mehr bemerkt. Wo vorher journalistische Kapazität die Meinungen der Bevölkerung erkennen und aufgreifen konnte, bleiben jetzt die Blogs. Welches geschriebene Medium hat sonst noch die personelle Ausstattung, Stimmungen wahrzunehmen und zu verstärken?

Ein Postscriptum

Christian Jakubetz sieht noch ein drittes scheinbar erfolgreiches Geschäftsmodell neben dem überregionalen Generalisten und dem Lokalblatt – die Gratiszeitung. Das Blatt, welches sich durch Werbung finanziert, handlich ist und für den Weg zur Arbeit ausreicht: 15 Minuten lesen, fertig. Auch wenn sie es bestimmt nicht gerne hören will – qualitativ ist die WAZ auf dem besten Wege dorthin. Und dafür ist sie zu teuer.

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