Gedöns
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hier stehe ich und kann nicht anders (martin luther)

eine erwiderung/reaktion auf einen gleichnamen eintrag beim aleks.

hier stehe ich und kann nicht anders.

hier stehe ich, bibbernd, zitternd, bebend, nicht vor klirrender kälte sondern weil ich nicht weiß, was mich erwartet.

als ich meinen beschluss gefasst hatte zu dir zu fahren, war alles klar, ich hatte meinen plan; ich wollte klingeln und schüchtern lächeln, wenn du öffnetest – ich wusste, du bist allein, deine eltern ohne dich verreist -, ich erwartete deine abweisende haltung, wie konnte ich sie dir verübeln, und zuletzt sprächen wir uns aus, redeten uns unsere gedanken von der seele, die wut, den frust, die sehnsucht. es würde anders sein als zuvor, aber es würde sein.

hier stehe ich und kann nicht anders.

meine ersten zweifel kamen mit dem knackenden abschließen der haustür. was, wenn ich mich nicht traute zu klingeln? ich stünde den ganzen tag vor dieser tür, streckte die hand zur klingel aus und verharrte doch im letzten moment, meinen daumen bereits auf dem klingelknopf gelegt und doch unfähig nur einen millimeter weiterzugehen.
an der bushaltestelle befürchtete ich, ich stünde vor dir und hätte all die wundervollen dinge vergessen, die ich dir gesagt haben wollte, viel zu selten gesagt gesagt hatte, erst jetzt sagen wollte, wo es bereits zu spät schien; ich stünde dort und schwiege dich an, du schwiegest, wir schwiegen, sagten leere phrasen wie „na dann“ und „so ist das halt“ und gingen unausgesprochener gedanken unserer wege.
im schnellbus keuchte ich entsetzt auf. woher nahm ich die unverschämte gewissheit, dass du reagiertest wie ich es mir erwartete? wer konnte schon sagen, ob es für dich tatsächlich nicht so schlimm wäre, ob du deine eigenen fehler bekänntest und meine schuld tilgtest, ob du wie ich einen wiederbeginn, eine fortsetzung, einen neuanfang wünschtest und wagen wolltest? mit einem atemzug war meine zuversicht ein teil meiner vergangenheit, verschollen in deiner mir so fernen wärme und nähe.
die letzten meter zu dir verdunkelten den himmel, zweifelnde wolken schoben sich vor den hoffnungsschimmer am horizont. allein der gedanke, du könntest ablehnen, mir für die lehrreiche zeit danken und mir viel glück wünschen und mich dann verabschieden, ich wollte ihn nicht akzeptieren und noch weniger um aufmerksamkeit bitten und an der tür klingeln.

hier stehe ich und kann nicht anders.

hier stehe ich, drücke mir daumen und klingelknopf wund, schlage meine faus an der spöttisch lachenden tür matschig und will, dass du eure nachbarin lügen strafst und die tür öffnest und mich zögerlich skeptisch betrachtest und mich fragst, was ich hier wolle, warum ich hier sei und was das alles solle, doch die tür bleibt geschlossen und die fenster liegen dunkel in der weißen fassade.

hier stehe ich und kann nicht anders.

ich bemerke nicht, wie ich von tür und klingel ablasse, ich bemerke nicht, wie ich umdrehe und gehe, hinter einem wasserfall aus flirrendem rauschen wird die welt surreal trüb und stumm, in watte gebettet fern meiner nicht benötigten kontaktlinsen, ich schwimme hilflos am glitzernd vorweihnachtlichen schimmer vorbei, auch das rot und gelb und grün und weiß ist mit einerlei, bietet keinerlei orientierung für einen verlorenen; jingle bells und tochter zion tönen blechern aus den ecken meines kopfes, weihnachtsklang wird wirres gelärm, glocken, dir zur andacht rufen wollen, wühlen weiter auf, was sonst von zimt und glühwein kündet, schiebt sich mir als wand entgegen, doch meine sinne sind zu betäubt um von diesem allseitigen angriff getroffen zu werden, ich schlurfe unsichtbar, unhörbar betrübt durch regennasse gassen, lasse kraftlos geschehen, was geschieht, bin spielball dieses adventsabend, wehrlos, machtlos, hoffnungslos. nach stunden stehe ich am bussteig, entziffre mühsam die liniennummer und betrete das gefährt, weiß nicht, wer und wo und wie ich bin.

hier stehe ich und kann nicht anders.

hier stehe ich, home, daheim, hier wartet man auf mich. hier kann ich mich einsam fühlen und bin doch nicht allein. netz und doppelter boden, heute werden sie halten. hier wartet man auf mich, wird reden, zuhören, schweigen, mich sein lassen, wie ich bin und einfach nur da sein. nicht hier, vielleicht, aber da.
und so lange man da ist, wage ich noch zu hoffen.

hier stehe ich und kann nicht anders.
hier stehe ich und kann.

hier stehe ich!

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6 Kommentare

  1. kam jetzt erst dazu die geschichte komplett zu lesen. mein fazit: BOAH WIE GEIL! =D deine erzählung, die den plätzchen beilag, ist übrigens auch großartig. weiter so :)

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