Gedöns
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der letzte tag im alten system oder: holla, die waldfee

sie lehnt sich zurück in ihren mit grünem plüsch gepolsterten schaukelstuhl und hebt die leere braune bierflasche so, dass sie durch den hals der flasche in die welt schauen kann. sie weiß ob der leere der flasche, doch sie genießt den ausblick durch den flaschenhals, den sepiaartig abgedunkelten fokus auf einen der bausteine des waldes vor lauter bäumen. irgendwo in der ferne – ohne die flasche findet sie sie nie – steht eine alte, knorrige eiche. sie weiß nicht, woher diese wunde stammt, doch stets muss sie auf diesen klaffenden riss, der sich über den stamm vom boden bis zu den ersten tragenden ästen zieht, starren, von tag zu tag wuchert das kletternde moos und schiebt sich den baum hinauf, der schorf verwebt sich zu einem dichten, weichen, saftigen grünen und stützenden teppich, während sie tagtäglich aufsteht, kaffee in einem alten emailtopf auf einem antiken elektroherd kocht, ihn mit zittrigen händen durch einen seidenen filter – das magenta halstuch hatte ihr noch nie gefallen – gießt und sich dann, mit dem blechernen weißen kaffeepott und einer schrumpeligen apfelsine in den händen, immer kleinschrittiger durch den verzogenen türrahmen auf die terrasse begibt, sich in ihren knarzenden schaukelstuhl setzt und kaffeepott und orange neben sich auf das einst tannengrün gestrichene, nun lackabblätternd dekadengrün verwitterte tischchen niederlässt. vor geraumer zeit hatte sie zuletzt besuch empfangen und so hat sie mühe, die gestalt, die sich ihr durch den flaschenhals auftut, als mensch zu identifizieren, es wird ihr erst gewahr, als die fremde person – ein mann, so meint sie sich zu erinnern – vor ihr die krachenden treppenstufen zu ihrer hütte im wald emporsteigt. in einem anflug von verwirrung nimmt sie einen trockenen schluck aus der entleerten flasche und legt das glasgeschöpf dann in ihren schoß und bettet ihre hände wärmend darauf.

der mann – es muss ein mann sein, obwohl er ihr dafür viel zu jung scheint – setzt sich auf die oberste stufe, ungeachtet dessen, dass schlamm sie bedeckt, spuren des spaziergangs der letzten nacht, fußabdrücke in feuchter, dunkler erde, denn seit jahren läuft sie nurmehr barfuß in und um ihr domizil. seine beine fallen die treppe herab, sein oberkörper ist verdreht, er legt seinen hut ab, blickt sie erwartungsvoll an und schenkt ihr ein lächeln, das erste seit vielen jahren vom ersten menschen seit vielen jahren. aus der linken tasche seines schäbigen schwarzfastgrauen mantels zieht er eine milchiggespülte phiole hervor, aus der korkenlosen weinflasche, die er seit dem verlassen seiner wohnung in einer fernen stadt am frühen morgen des vergangenen tages in der rechten hand hält, gießt er ein kiwigrünes sirup in das glasröhrchen, spuckt hinein, verschließt das glas mit seinem daumen zum schütteln und reicht es ihr damit sie daraus trinken kann. sie nimmt einen tiefen schluck und schüttelt angewidert den kopf, die zeit hat jede erinnerung weichgezeichnet, lässt einen tropfen speichel in den rest den nun gelb schimmernden sirupgemischs rinnen, schüttelt ihrerseits die phiole und gibt sie dem fremden zurück, fordert ihn auf, die eisige, bitterherbe gelbe rachenglut zu trinken. er kippt das glas und trinkt, kein tropfen bleibt zurück, seine hände beginnen zu zittern, er zerdrückt die phiole und spürt durch keinen schmerz, bemerkt nicht die klaffenden wunde in seiner hand und das aus ihr rinnende rote, sich bald schon grünlich färbende blut, sein körper beginnt zu beben, seine zähne klappern, lippen schlagen aufeinander, er beginnt zu zucken, spastische anfälle durchfahren seinen körper, sein kopf schlägt unkontrolliert auf die treppenstufen bis beide gestalten in ohnmacht versinken.

seine ohren rauschen grauen nebel, seine augen wechseln von der nacht über ein unscharfes schwarzweißbild in die farbige, detailreiche welt. er blickt sich nah um, er liegt auf der treppe verrenkt bis zur verspannung, sein rechter arm, er lag auf ihm, ist taub, sein linker scheint nutzlos und ohne empfindung, doch er ist es, der ihm aufhilft, ihn sich auf seinen tauben arm stützen lässt, damit er sich umdrehen kann, hinauf zu dem stuhl, in dem eine frau aus der nacht zu ersteigen scheint. ihre lider flackern, dann öffnet sie die augen, orientierungs- und fassungslos starrt sie ihn an, doch er lächelt nur milde, er kennt dieses schicksal und kann ihr nicht helfen.

du bist nun jung, und ich bin nun alt., so hält er für sie fest, sehr fern ist der tag, an dem auch du die wandlung durchfahren wirst, an dem du zum mann wirst, der du einst warst.

„du bist holla, die waldfee. du hast mich gesehen, die alte, vergessene frau. du weißt, dass dies auch dein schicksal sein wird und hast dich dennoch für mich entschieden, dafür danke ich dir.“

der alte mann mit dem schäbigen mantel nimmt seinen hut, zieht sich am geländer hinauf und steigt langsamen ganges die gebrechlichen treppenstufen hinab. ein letztes mal blickt er zurück zur jungen frau, zurück an den tag, da er als junger mann gekommen war, schenkt ihr ein wehmütiges lächeln und schlurft dann schrumpfenden schrittes gen stadt. er war holla, die waldfee, er ist ein alter, gebrochener mann und bald schon ist er tot.

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2 Kommentare

  1. schön…

    ich möchte es mit schwarzer Tinte auf einem Stück Pergament geschrieben haben, mit Kaffeeflecken und rotem Siegelwachs und Brandspuren vom Versiegeln…

    Nora und Cornelius Seydenstock lassen grüßen!…

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