Gesellschaft
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ist der schriftsteller wirklich ein gott?

wir saßen in stras­bourg und der abend zog sich ein wenig … wir saßen an der gare de stras­bourg und war­te­ten auf den zug, schrie­ben frau vera eine sms, die unse­re aku­te lan­ge­wei­le bekun­de­te und um eine schreib­auf­ga­be bat. die reak­ti­on war fol­gen­de:

Ist der Schrift­stel­ler wirk­lich ein Gott? Denn Gott erschafft aus dem Nichts, aber der Schrift­stel­ler ist stets vor­ge­prägt, formt nur die ihm bekann­te Rea­li­tät um.

und wir saßen da und began­nen mit ers­ten noti­zen, die wir im zuge von wien nach zürich, also tage spä­ter, aus­for­mu­lier­ten, bevor wir in den seli­gen schlum­mer san­ken. nun denn: ist der schrift­stel­ler wirk­lich ein gott? mei­ne erwi­de­rung.

bevor wir die fra­ge, ob der schrift­stel­ler wirk­lich gott sei, beant­wor­ten und somit stel­lung zur the­se der auto­rin bezie­hen kön­nen, müs­sen wir uns ein bild von unse­rem got­tes­bild machen. ohne die ver­stän­di­gung über ein gemein­sa­mes got­tes­bild sind ver­glei­che mit "gott" müßig - gesetzt den fall, wir kön­nen der the­se der exis­tenz got­tes zustim­men.
gehen wir ein­mal, um die fra­ge einer hin­rei­chen­den beant­wor­tung zufüh­ren zu kön­nen, vom dasein got­tes aus - es gibt genü­gend bewei­se und gegen­be­wei­se der exis­tenz got­tes, mit der sich die eige­ne mei­nung unter­mau­ern lie­ße, gleich­wohl die­se in die­sem aspekt igno­riert wer­den. wohin die fra­ge führ­te, wenn die exis­tenz got­tes geleug­net wür­de, sei an ande­rer stel­le zu beant­wor­ten.

wie also sei gott? um das bild got­tes von einer ein­zel­nen reli­gi­on zu lösen, wol­len wir ihm die spe­zi­fisch mensch­li­chen und irdi­schen attri­bu­te neh­men und die­ses bild auf das wesent­lich "gött­li­che" redu­zie­ren, das merk­mal und die eigen­schaft, die kein mensch besitzt: omni­po­tenz - all­macht.
die­se all­macht wird aus mensch­li­cher per­spek­ti­ve vor allem dar­in erkannt, dass gott alles kann, aber nichts muss, dass sich sein den­ken in uns ver­schlos­sen blei­ben­den bah­nen bewegt, ver­bun­den mit dem glau­ben, dass gott men­schen phy­si­ka­lisch unmög­li­che din­ge voll­brin­gen kann und bis­her unge­klär­ten phä­no­me­nen eine erklär­ba­re alter­na­ti­ve dar­bie­tet. mit dem fort­schrei­ten­den und expan­die­ren­den wis­sen der mensch­heit wird got­tes exis­tenz von fall­fra­gen auf die all­ge­mei­ne fra­ge nach dem ursprung allen seins ver­drängt, für gott ver­bleibt in der wiss­chen­schaft­li­chen welt nur die rol­le des schöp­fers, obzwar die welt als fol­ge­er­schein­gung der schöp­fung got­tes durch­aus als "werk got­tes" aner­kannt wird.

der schrift­stel­ler als sol­cher ist mensch unter men­schen, ein zoon poli­ti­kon. als sol­cher nimmt er sei­ne umwelt wahr, rezi­piert, reflek­tiert und reagiert, er wird beein­flusst und beein­flusst sei­ner­seits. in sei­nen wer­ken zeigt er sich beein­flusst: beein­flusst von ereig­nis­sen, beein­flusst zu denk­wei­sen und gedan­ken­gän­gen, beein­flusst von "geis­tes­blit­zen" und "musen­küs­sen", die sich als asso­zia­ti­ve impul­se des ans tages­licht gebro­che­nen unter­be­wusst­seins her­aus­stel­len, wie­der­ge­kau­te impres­sio­nen und expres­sio­nen der eige­nen bio­gra­fie
inso­fern ist kei­nes sei­ner wer­ke wirk­lich "neu", alle ver­meint­lich neu­en und eige­nen gedan­ken gab es schon vor dem schrift­stel­ler und es wird sie auch wei­ter­hin so neu geben, wenn er und sei­ne wer­ke schon längst ver­ges­sen sind, in sich bestän­dig wan­deln­der form, anpas­send an die jewei­li­gen sozia­len bedin­gun­gen des autors und - sofern ange­dacht - der ange­peil­ten kli­en­tel. der kern die­ser ver­meint­lich neu­en gedan­ken ist alt und sie waren auch nicht neu, als sie das ers­te mal auf­ge­schrie­ben wur­den.

der wesent­li­che aspekt der fra­ge nach der gött­lich­keit des schrift­stel­lers ist jedoch ein ande­rer, denn er bezieht sich auf die bezie­hung zwi­schen dem schöp­fer­gott und sei­ner schöp­fung.
gott und der mensch sind nicht gleich­wer­tig. der mensch hat in der aner­ken­nung got­tes sich selbst als nicht-gott aner­kannt, in der abgren­zung, im nicht-sein, im nicht-omni­po­tent-sein defi­niert sich der mensch als das, was gott nicht ist und umge­kehrt: gott ist, was der mensch nicht ist: unfehl­bar und per­fekt. sein han­deln - war­um er man­che din­ge tut und ande­re unter­lässt - bleibt für uns uner­klär­lich.

zeit für den per­spek­tiv­wech­sel. was wäre, wenn es mehr als nur einen gott gäbe, aber nur die­ser eine gott für uns zustän­dig wäre?
hier kommt der schrift­stel­ler wie­der ins bild. er ist der schöp­fer und sei­ne geschöp­fe wis­sen nur von ihm, so sie ein eige­nes bewusst­sein ent­wi­ckelt haben, gelernt haben sich selbst zu defi­nie­ren - inwie­weit es dazu der vor­ar­beit des schrift­stel­lers bedarf, ist unge­klärt und soll hier auch nicht geklärt wer­den. die geschöp­fe des schrift­stel­lers sind in ihrem "buch" genann­ten uni­ver­sum eben­so gefan­gen, wie der mensch es in dem sei­ni­gen ist, noch ohne die erkenn­ba­re chan­ce, die­sem zu ent­flie­hen und des­sen gewiss zu sein.
dar­über hin­aus gilt es noch etwas zu beach­ten: auf der einen sei­te haben wir gott und die men­schen - auf der ande­ren ste­hen ein mensch und ande­re men­schen. wenn wir jetzt das abend­län­di­sche cre­do der mono­the­is­ti­schen reli­gio­nen hin­zu­zie­hen, dann erfah­ren wir, dass der mensch gott gleich sei. mit die­sem hin­ter­grund­wis­sen kön­nen wir nun das ver­meint­li­che dilem­ma auf­lö­sen: wir betrach­ten schrift­stel­ler als men­schen, die über men­schen schrei­ben, wel­che wis­sen, dass es ein mensch wie sie ist, der sie schuf. zugleich wol­len wir men­schen unse­re gott­gleich­heit nicht wahr­neh­men und anneh­men, indem wir uns ver­su­chen von ihm abzu­gren­zen. wir kön­nen und dür­fen aber nicht davon aus­ge­hen, dass der lite­ra­ri­sche mensch gegen­über sei­nem schöp­fer anders reagier­te als wir es unse­rem schöp­fer gegen­über tun.

infol­ge­des­sen ist der schrift­stel­ler mit gott gleich­zu­set­zen; gleich­zu­set­zen als gott und schöp­fer sei­ner krea­tu­ren. was gott aus unse­rer mensch­li­chen per­spek­ti­ve vom schrift­stel­ler unter­schei­det, ist der umstand, dass wir nicht wis­sen, ob es noch mehr wesen von sei­ner art gibt. das glei­che lässt sich aus der per­spek­ti­ve einer lite­ra­ri­schen figur aber auch über ihren schöp­fer sagen.

sha­lom!

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