Gesellschaft
1 Kommentar

wer liest denn noch zeitung?

es ist jeden mor­gen das­sel­be: run­ter ins erd­ge­schoss, die zei­tung war­tet dar­auf gele­sen zu wer­den. die zei­tung heißt in die­sem fal­le: die waz die zei­tung heißt in die­sem fal­le aber auch: die tages­zei­tung - aber zumin­dest letz­te­re soll hier neben­säch­lich sein. die qua­li­tät - oder eben die abwe­sen­heit der­sel­bi­gen bei der waz - ist heu­te aber auch nicht das the­ma. eher ein ande­rer aspekt, der titel deu­tet dar­auf hin, aber dazu spä­ter mehr.

erst ein­mal etwas ande­res: ganz grob kann man die zei­tungs­land­schaft nrws - vor allem im ruhr­ge­biet - in zwei ver­la­ge auf­tei­len: die waz medi­en­grup­pe (waz, nrz, wp …) und das medi­en­haus len­sing (rn, mz …) … nicht sel­ten tritt aber nur eine zei­tung an, um einer kom­mu­ne einen lokal­teil anzu­bie­ten (so zum bei­spiel hier in her­ne) - und es ist fast schon eine rari­tät, dass in so einer klei­nen stadt wie cas­trop-rau­xel waz und ruhr­nach­rich­ten mit einem lokal­teil kon­kur­rie­ren. hal­le­lu­ja!

anders­wo hin­ge­gen greift die macht des mei­nungs­mo­no­pols … die ein­zi­ge alter­na­ti­ve zur tages­zei­tung mit lokal­teil sind die anzei­gen­blät­ter (wochen­spie­gel, wochen­blatt, sonn­tags­nacht­rich­ten, wie sie alle hei­ßen; sie leben nicht unwe­sent­lich von anzei­gen und bei­trä­gen der bür­ger, die über etwas berich­ten möch­ten), und die erschei­nen auch nur maxi­mal zwei­mal wöchent­lich - eine ernst­zu­neh­men­de kon­kur­renz für die tages­zei­tun­gen sind sie nicht.

damit wären wir dann wie­der bei der taz. oder der süd­deut­schen. oder der welt kom­pakt. sie alle - über­re­gio­na­le tages­zei­tun­gen - hat­ten mal einen nrw-teil. es waren ver­schie­de­ne grün­de, die zum ende der jewei­li­gen regio­nal­tei­le führ­ten, aber ein grund - so auch die taz - ist unüber­seh­bar: die­se zei­tun­gen selbst mit ihrem nrw-teil waren und konn­ten immer nur zweit-zei­tung sein. so stellt auch der bun­des­ver­band deut­scher zei­tungs­ver­le­ger (bdvz) fest: 2007 gab es 333 loka­le oder regio­na­le abon­ne­ment­zei­tun­gen (waz, nrz, rn etc.), aber nur 10 über­re­gio­na­le tages­zei­tun­gen (taz, faz, sz et al.) (das gesam­te schau­bild gibt es hier). … den über­re­gio­na­len zei­tun­gen fehl­te es an der nöti­gen struk­tur und der fähig­keit, mehr als nur nach­rich­ten für nrw anbie­ten zu kön­nen - und gegen die geball­te macht der lokal­tei­le war ein­fach kein kraut gewach­sen. wenn es dar­um geht, was in der tages­zei­tung inter­es­siert, gibt es auch dazu ein schö­nes schau­bild des bdvz (wenn auch lei­der noch von 2003): 83 pro­zent der bevöl­ke­rung lesen täg­lich den lokal­teil, aber nur noch knapp 70 pro­zent infor­mie­ren sich jeden tag in der zei­tung über innen­po­li­tik. da kann eine zei­tung auch noch so den ruf des alter­na­ti­ven haben - ohne lokal­teil ist und bleibt sie eine über­re­gio­na­le zei­tung und wird auch so wahr­ge­nom­men. eine sehr inter­es­san­te betrach­tung hat auch patrick jedam­zik ver­öf­fent­licht, gleich­wohl es nur die reflek­ti­on über ein refe­rat an der uni war - aber das muss ja nichts schlech­tes sein.

mich fas­zi­niert noch mehr etwas ande­res, oder sagen wir bes­ser, ich bin auf der suche nach etwas, gera­de hier in her­ne, aber auch sonst, und da ver­las­se ich ein wenig den markt der zei­tun­gen. auf die fra­ge des insti­tuts für demo­sko­pie allens­bach, ob man noch regel­mä­ßig tages­zei­tung lesen sol­le, ant­wor­te­ten 2007 zwar immer noch 57 pro­zent der befrag­ten über-14-jäh­ri­gen mit ja (1989 waren es noch knapp 70 pro­zent, aber egal), aber bei den 14-29-jäh­ri­gen waren es ledig­lich 29 pro­zent.

jetzt wer­fe ich mal alles zusam­men, bei der beant­wor­tung der fra­ge nach den grün­den, auch wenn ich nur auf weni­ges ein­ge­hen möch­te. was wird ger­ne gele­sen? der lokal­teil. wie­vie­le mei­nun­gen gibt es in der regel im lokal­teil (abge­se­hen mal von leser­brie­fen, aber dafür braucht man erst ein­mal leser)? eine, da kei­ne kon­kur­renz­zei­tung; alle loka­len zei­tun­gen bedie­nen die glei­che leser­kli­en­tel. und da spie­len die inter­es­sen der jün­ge­ren (pro­jek­ten wie "zei­tung und schu­le" oder eini­gen regel­mä­ßig erschei­nen­den jugend­sei­ten zum trotz) kaum eine rol­le, "zei­tung und schu­le" ist letzt­lich - so gut "zeus" auch sein kann, was medi­en­kom­pe­tenz und teil­ha­be angeht - nur schul­stoff und jugend­sei­ten wer­den auch nur von jugend­li­chen oder jun­gen redak­teu­ren gestal­tet, die eh schon enga­giert sind. wirk­lich neue sicht­wei­sen auch und gera­de auf das poli­ti­sche leben und das gesell­schaft­li­che leben in der kom­mu­ne, der regi­on und auch auf bun­des­ebe­ne (ich weiß, DAS ist eher uto­pisch zu nen­nen) auf einem höhe­ren niveau als "wie unhöf­lich ist DAS denn, wenn ihr mit eurem hip­hop den gan­zen bus beschallt?!" gibt es nicht! … ska­ter, punks, hip­hop­per, graf­fit­ti-künst­ler, wie auch immer enga­gier­te und akti­ve jun­ge men­schen wer­den in den täg­li­chen print­me­di­en sel­tenst wahr­ge­nom­men, ihre lebens­rea­li­tät spie­gelt sich in der zei­tung nicht wie­der. im bes­ten fall wird mal über ein kon­zert einer jun­gen loka­len band berich­tet (wohl­wol­lend!), im schlech­tes­ten fall haben wir wie­der das dilem­ma der poli­tik mit der abhän­gen­den jugend, die ein­fach nichts macht (was der empör­ten bevöl­ke­rung [und der oppo­si­ti­on] ein dorn im auge ist). … die all­ge­mei­ne lese­un­lust und die ver­stärk­te nut­zung des inter­nets und des fern­se­hens sind natür­lich wei­te­re wich­ti­ge argu­men­te - aber auch das fern­se­hen ist unfä­hig, über loka­les zu berich­ten (von den lokal­nach­rich­ten mal abge­se­hen), wohin­ge­gen mit den musik­sen­der wohl ein nerv getrof­fen wur­de. das inter­net hin­ge­gen - gut, ich nut­ze es auch - ist zwar eine herr­li­che wei­te welt vol­ler bun­ter sei­ten und auch der einen oder ande­ren infor­ma­ti­on, aber wir blog­ger mer­ken es ja selbst: letzt­lich beru­fen wir uns immer irgend­wo auf zei­tun­gen oder auch maga­zi­ne, auf print­me­di­en, die aus dem wust der mel­dun­gen und the­men die­se her­aus­pi­cken, von wel­chen sie über­zeugt sind, dass sie von einer nicht zu unter­schät­zen­den bedeu­tung sind.

zei­tun­gen sind und blei­ben eben doch leucht­tür­me im world wide web, treff­punk­te und weg­wei­ser, von denen jeder sich auf den weg zu den infor­ma­tio­nen machen kann, die ihn über ein grund­maß an täg­li­cher all­ge­mein­bil­dung hin­aus inter­es­sie­ren.

es bedarf ande­rer mei­nun­gen. es braucht debat­te!

dog­MA

ps: was ich wirk­lich suche, ist eine anspruchs­vol­le, den­noch ver­ständ­li­che jun­ge zei­tung (oder wenn es sein muss - ich weiß, die kos­ten - auch ein wöchent­li­ches maga­zin) für poli­tik, gesell­schaft, medi­en, kul­tur (jugend­kul­tur, alter­na­ti­ve sze­nen, musik, graf­fit­ti, wha­te­ver) und das, was hier und in der welt geschieht. mehr nicht.

Teilt mei­nen Text
Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on TumblrEmail this to someone

1 Kommentare

  1. nomadenseele sagt

    Zei­tun­gen sind auf jeden Fall eine Berei­che­rung für das täg­li­che Leben. Frü­her hat­te ich die SZ und FAZ abon­niert (eine links, die ande­re rechts zur Mei­nungs­bil­dung), inzwi­schen abonn­nie­re ich immer mal abwech­selnd. Man bekommt dadurch Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen, die man im Inter­net / Fern­se­hen nicht. oder nur sehr müh­sam, bekommt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.